Die Pflegeapartments sollen es Eltern ermöglichen, eine engere Bindung zu ihren Frühchen aufzubauen. Archivfoto: Gabriel Habermann
Winnenden. Auch Babys, die sehr früh zur Welt kommen, sollen die Chance auf einen bestmöglichen Start ins Leben bekommen. Dafür sorgt das Team der Winnender Kinderklinik im Perinatalzentrum und setzt jetzt mit geschlossener Zustimmung des Aufsichtsrats der Rems-Murr-Kliniken noch eine Stufe drauf: Als Erweiterung der neonatologischen Intensivstation entstehen auf dem Dach des Rems-Murr-Klinikums bis 2028 spezielle Rooming-in-Apartments, in denen Eltern ihr Neugeborenes nicht nur besuchen, sondern rund um die Uhr zusammen mit den Fachteams betreuen können. „Bonding“ nennen Babyexperten das Knüpfen einer engen Bindung, um Körper und Psyche zu stabilisieren. Und natürlich lernen die Eltern vom ersten Tag an, wie sie ihr empfindliches Frühchen am besten pflegen und fördern.
Die Pflegeapartments kosten rund drei Millionen Euro
„Was in Skandinavien bewährte Praxis ist und frühgeborene Babys fit fürs Leben macht, schaffen wir jetzt auch im Rems-Murr-Kreis. Darüber freue ich mich sehr, denn gesunde Familien sind unsere Zukunft und müssen uns etwas wert sein“, sagt Landrat Richard Sigel, Aufsichtsratsvorsitzender der Rems-Murr-Kliniken. Das Winnender Projekt der entwicklungsfördernden familienzentrierten Pflege sei einzigartig in der Region und ergänze das breite Angebot für die Kleinsten – von der Geburtshilfe und Intensivversorgung im Klinikum bis zur Kinderarztpraxis in Backnang.
Rund drei Millionen Euro kostet es, die Pflegeapartments samt Infrastruktur und Anbindung an die Neonatologie zu errichten. Die Eva-Mayr-Stihl-Stiftung unterstützt den Bau mit 1,65 Millionen Euro, die Stiftung der Kreissparkasse fördert das Projekt mit weiteren 1,3 Millionen Euro. Robert Mayr, Stifter und Vorstandsvorsitzender der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung, sagt: „Die Unterbringung der Eltern in unmittelbarer Nähe ihrer kleinen Kinder ermöglicht eine Pflege, die sich noch präziser an den individuellen Bedürfnissen jedes Frühchens orientiert und seine neurologische Entwicklung bestmöglich fördert.“ Uwe Burkert, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Waiblingen, betont: „Mit unserer Investition in die neuen Rooming-in-Apartments der Rems-Murr-Kliniken setzen wir ein starkes Zeichen für die Unterstützung von Familien, die einen besonders herausfordernden Start ins Leben erleben.“ Hartmut Holzwarth, Oberbürgermeister der Stadt Winnenden, freut sich: „Die Investition in die entwicklungsfördernde Pflege ist eine Stärkung der Kinderklinik, über die wir uns als Stadt nur freuen können.“
Doch wie sieht die künftige Rooming-in-Station aus, die 2028 bezugsfertig sein soll? „Wir schlagen eine kleine Brücke von unserer neonatologischen Intensivstation auf das Flachdach in Richtung Zipfelbach und schließen dort zwei neue Elternapartments mit Bad und Küchenzeile an“, berichtet Klinikgeschäftsführer André Mertel, der so die Versorgung der Kleinsten zukunftsfähig ausbaut: „Mit dem Perinatalzentrum Level eins, in dem sich Geburtshilfe und Neonatologie Tür an Tür verzahnen, haben wir einen Meilenstein unserer Medizinkonzeption erreicht und stetig weitere Wegmarken hinzugefügt.“ Die Klinik sei in Baden-Württemberg das einzige zertifizierte Perinatalzentrum nach Perizert, was exzellente Strukturen und hohe fachliche Kompetenz bescheinige. Das Diagnostik- und Behandlungsspektrum der Neonatologie wird flankiert von einer der fünf deutschlandweit größten Frauenmilchbanken zur Versorgung bedürftiger Babys mit Spendermilch und von der sozialmedizinischen Nachsorge „Bunter Kreis“ für die Weiterbetreuung zu Hause. „Die entwicklungsfördernde Pflege ist nun das i-Tüpfelchen, denn wir bauen damit den Rahmen, damit Familien zusammenwachsen und sich gut entwickeln“, so Mertel.
Das Team versorgt Frühgeborene ab der Grenze der Lebensfähigkeit, also etwa von der 23. Woche an. Dass speziell diese Babys vom neuen Betreuungskonzept profitieren und sich gesünder entwickeln, lässt sich belegen, sagt der Chefarzt der Neonatologie, Ralf Rauch. Denn unter dem Namen NIDCAP (Newborn Individualized Developmental Care and Assessment Program) ist dieses Konzept seit 1984 weltweit erprobt. „Die Vorteile, die wir in Europa vor allem in schwedischen Kliniken sehen, werden künftig auch unsere Patienten spüren. Wir haben nach schwedischem Vorbild bereits die 1:1-Betreuung durch nur eine Pflegekraft pro Baby für besonders gefährdete Kinder etabliert und weitere Verbesserungen umgesetzt.“ Dadurch seien die medizinischen Ergebnisse bereits jetzt überdurchschnittlich und sollen nun noch besser werden.
Weniger Infektionen, eine bessere Entwicklung und Beziehung
In Schweden überleben extrem Frühgeborene häufiger und mit weniger Einschränkungen als in allen anderen Ländern. Dies wird durch eine optimale Versorgung der Frühgeborenen mit Hochleistungsmedizin im Familienverbund von der Geburt bis zur Entlassung erreicht. „Die Eltern sind nicht nur für wenige Stunden zu Besuch auf Station, sondern können durch die dauerhafte Nähe eine enge und vertraute Beziehung zu ihrem Kind aufbauen, das oft bis zu vier Monate in der Klinik bleiben muss“, erläutert Ralf Rauch. Dabei werden die Kinder unmittelbar gestillt, was ihrem anfälligen Verdauungsapparat, ihrem Stoffwechsel und ihrer geistigen Entwicklung guttut. Die Kinder haben weniger Infektionen, sind kreislaufstabiler und brauchen weniger Beruhigungsmittel. Somit werden auch Belastungen für Frühgeborene minimiert.
Weitere Vorteile der entwicklungsfördernden Pflege: Die Eltern werden engmaschig in Therapien eingebunden, können ihr Kind besser einschätzen und oft früher nach Hause mitnehmen. Familien werden nicht mehr auseinandergerissen, was sich günstig auf die Entwicklung der Geschwisterkinder und die bei Frühcheneltern erhöhte Scheidungsrate auswirken kann.
Studien deuten auch auf langfristige Vorteile dieses Konzepts für die Entwicklung von Frühgeborenen hin, insbesondere für kognitive Fähigkeiten und Verhaltensanpassungen. „Die entwicklungsneurologischen Effekte bis hinein ins Kindesalter sind beeindruckend und durch Studien belegt“, so Ralf Rauch. Dank dieser Form der Pflege würden Frühgeborene signifikant häufiger überleben oder seltener Behinderungen davontragen. Zudem hätten sie später signifikant weniger kognitive und mentale Einschränkungen oder Aufmerksamkeitsstörungen. pm