Jagd auf Sumpfschildkröten

Wo die Neandertaler ihr Besteck herbekamen

Sumpfschildkröten waren für Neandertaler auch im heutigen Deutschland eine beliebte Beute. Doch den Jägern ging es offensichtlich nicht so sehr um Suppe, wie Mainzer Forscher in Sachsen-Anhalt herausgefunden haben.

Wo die Neandertaler ihr Besteck herbekamen

So könnte es vor rund 125.000 Jahren ausgesehen haben: eine Europäische Sumpfschildkröte neben dem Fuß eines Europäischen Waldelefanten.

Von Markus Brauer

Neandertaler jagten in Mitteleuropa Sumpfschildkröten (Emys orbicularis). Allerdings wahrscheinlich nicht, um sich von ihnen zu ernähren, sondern möglicherweise, um Schöpflöffel aus ihren Panzern herzustellen.

Das berichten Forscher um Sabine Gaudzinski-Windheuser vom Institut für Altertumswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in der Fachzeitschrift . Die Forscher hatten rund 125.000 Jahre alte Stücke von Schildkrötenpanzern untersucht, die in der altsteinzeitlichen Fundstätte Neumark-Nord in Sachsen-Anhalt entdeckt worden waren.

Sorgfältig geschlachtet und ausgeweidet

Wie die Wissenschaftler durch hochauflösende 3D-Scans herausfanden, weisen viele der 92 Stücke Schnittspuren an der Innenseite auf, die darauf hindeuten, dass die Schildkröten von Neandertalern sorgfältig geschlachtet wurden sowie Gliedmaßen abgetrennt, innere Organe entfernt und die Panzer gründlich gesäubert wurden.

„Unsere Daten liefern den ersten Nachweis dafür, dass Neandertaler auch nördlich der Alpen, jenseits des Mittelmeerraums, gezielt Schildkröten jagten und verwerteten“, sagt Gaudzinski-Windheuser.

Mehr als 100.000 Tierknochen gefunden

Die Forscher gehen davon aus, dass die Schildkröten nicht als Nahrungsquelle dienten. „Das können wir durch die Fülle von Überresten großer, ertragreicher Beutetiere an diesem Ort so gut wie ausschließen. Dort herrschte wahrscheinlich ein völliger Kalorienüberschuss“, erklärt Gaudzinski-Windheuser.

Insgesamt sind in Neumark-Nord bereits weit mehr als 100.000 Tierknochen oder Fragmente davon gefunden worden. Darunter sind etliche Knochen von Hirschen, Rindern und Pferden und auch von den größten damals lebenden Landsäugetieren, den Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus), die mehr als zehn Tonnen wiegen konnten.

Im vergangenen Jahr hatten Gaudzinski-Windheuser, Kindler und Roebroeks davon berichtet, dass Neandertaler dort eine Art „Fabrik“ betrieben, in der systematisch das Fett aus den Knochen von Großsäugern gewonnen wurde.

Leicht zu fangen und deshalb vielleicht von Kindern gejagt

„Sumpfschildkröten haben mit ihrem Gewicht von rund einem Kilogramm einen vergleichsweise geringen Nährwert“, erläutert die Forscherin. „Allerdings sind sie relativ leicht zu fangen und wurden deshalb vielleicht von Kindern gejagt. Ihre Panzer wurden dann vielleicht zu Werkzeugen, etwa Schöpflöffeln, verarbeitet.“

Möglich sei auch, dass sie wegen ihres Geschmacks oder wegen eines vermeintlichen medizinischen Nutzens gejagt worden seien. Das legten Erkenntnisse über spätere Naturvölker nahe. „Unsere aktuellen Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die ökologische Flexibilität und die komplexen Überlebensstrategien des Neandertalers, die weit über reine Kalorien-Maximimierung hinausgingen“, konstatiert Gaudzinski-Windheuser.