Der Buckelwal ist frei, doch wo er steckt, ist weiter völlig unklar. Ein Unding, meinen Experten. Auch bestimmte Angaben werden in Zweifel gezogen.
Der Buckelwal wurde an den Rand der Nordsee gebracht und dort im Skagerrak freigelassen. Seitdem fehlt jedes Spur von ihm. Lebt er oder ist bereits tot?
Von Markus Brauer/dpa
Der am freigesetzten Buckelwal befestigte Sender schicke keine Ortsdaten, aber Vitalzeichen des Tiers: An dieser Aussage der privaten Initiative hinter dem Transport mehren sich die Zweifel von Experten.
Zwar sei das konkrete Modell nicht bekannt, ein GPS- oder Satellitentracker liefere aber üblicherweise keine Vitalzeichen im medizinischen Sinne, heißt es vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW). „Echte Vitalparameter würden spezielle Sensorik voraussetzen.“
„Wer das behauptet, sagt nicht die Wahrheit“
„Es gibt keinen handelsüblichen GPS-Sender, der Vitaldaten des Wals liefern kann. Wer das behauptet, sagt nicht die Wahrheit“, betont der dänische Meeresbiologe Peter Madsen von der Universität Aarhus.
Auch Thilo Maack von der Naturschutzorganisation Greenpeace hatte gesagt, ein GPS-Tracker erfasse und übermittle keine Vitaldaten.
Welcher Sendertyp konkret verwendet worden sein soll, teilten weder die Initiative, Jeffrey Foster vom beteiligten Whale Sanctuary Project noch das in die Prüfung der Aktion eingebundene Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns mit. Dem Ministerium lägen noch keine Daten vor, heißt es lediglich. Man warte noch.
Tracker wurde nicht getestet
Nach Angaben der Kleintierärztin Kirsten Tönnies von der Privatinitiative wurde der Tracker am Tier festgeschraubt. Üblicherweise werde der Sender mittels Durchstich an der Rückenfinne befestigt, da er nur an der Wasseroberfläche, also oben am Tier angebracht, Daten liefere, erklärt der Meeresbiologe Boris Culik. Ein so befestigter Tracker könne gar keine Vitaldaten wie Herz- und Atemfrequenz ermitteln, erläutert Maack.
Getestet worden sei der Tracker vor dem Freisetzen nicht noch mal, hatte Tönnies auch gesagt. Aus Expertensicht ist das sowohl unüblich als auch unverständlich. „Eine Funktionsprüfung vor dem Einsatz wäre aus fachlicher Sicht üblich und zu erwarten gewesen“, heißt es vom ITAW.
Madsen teilt mit: „Es ist ziemlich amateurhaft, den Sender nicht zuerst zu testen.“ Dass er nicht funktioniert, hätte demnach spätestens nach der Installation am Tier auffallen müssen.
„Eine Katastrophe, auch für das Rettungsteam“
„Wenn sich bewahrheitet, dass der Peilsender keine Daten liefert, wäre das eine Katastrophe, auch für das Rettungsteam“, meint der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter. Es habe schon genug Anlässe gegeben, an der Professionalität des Teams zu zweifeln. Dies wäre der folgenschwerste. „Man muss hier wirklich von Fahrlässigkeit sprechen.“
Die Allgemeinheit soll das Schicksal des Wals ohnehin nicht verfolgen können: Die Informationen würden nur den Teammitgliedern und dem Umweltministerium von Mecklenburg-Vorpommern zur Verfügung gestellt, hatte die Initiative schon im Vorfeld der Freisetzung erklärt. Es sei „sehr seltsam und unprofessionell“, solche Informationen nicht öffentlich zugänglich zu machen, meint Meeresbiologe Madsen.
War die Rettungsaktion Tierquälerei?
Sollte es weiterhin keine Daten geben, könnte das Schicksal des Wals für immer ungeklärt bleiben. „Ohne zu wissen, wo sich das Tier befindet, und ohne zu wissen, dass es sich bewegt, lässt sich unmöglich sagen, ob es tot ist. Womit die gesamte Aktion umsonst und Tierquälerei gewesen wäre“, konstatiert Madsen. Genauso ließe sich nie sagen, dass es noch lebt.
Ohne Daten lasse sich die gesamte Mission nicht als erfolgreich oder fehlgeschlagen bezeichnen, betonte auch Ritter. „Das kann sich das Team nicht wünschen und es wäre auch für die deutsche und internationale Öffentlichkeit eine bittere Erkenntnis.“
Der mehrfach an Ostsee-Küsten gestrandete Buckelwal war am Samstagmorgen (2. Mai) ins Meer gesetzt worden. Bisher ist unbekannt, ob er noch lebt, wie es ihm geht und ob und in welche Richtung er schwimmt. Experten von Tierschutzorganisationen hatten die langfristigen Überlebenschancen des Wals übereinstimmend als sehr gering eingeschätzt.