Atomkrieg, Blackout, Seuche

Wohin kann man fliehen, wenn die Welt untergeht? Eine neue Studie klärt auf

Ein nuklearer Winter droht, eine globale Seuche dezimiert die Menschheit, ein Blackout legt die Zivilisation lahm. Horrorszenarien, deren Wahrscheinlichkeit gering ist, aber dennoch möglich sind. Wo auf dem Planeten gibt es dann sichere Zufluchtsorte? Wo könnte man überleben? In Deutschland jedenfalls nicht, warnen Forscher in einer neuen Studie.

Wohin kann man fliehen, wenn die Welt untergeht? Eine neue Studie klärt auf

So stellt sich der japanische Zeichner Hisaharu Motoda ein postapokalyptisches Tokio vor.

Von Markus Brauer

Seuche, Blackout, nuklearer Konflikt: Es sind viele Katastrophenszenarien denkbar, die Auswirkungen im globalen Maßstab haben. Kein Ort auf der Erde ist gegen sämtliche solcher Risiken abgesichert, so lautet das nüchterne Fazit eines Forscherteams um Florian Ulrich Jehn von der Fern-Universität Hagen.

Die Analyse „No place to hide? Regional resilience and vulnerability to global catastrophic risk“ (auf deutsch: „Kein Zufluchtsort? Regionale Widerstandsfähigkeit und Anfälligkeit gegenüber globalen Katastrophenrisiken“) ist jetzt auf der „Wiley Online Library“ publiziert

Wenn schon nicht vollständig sicher, so unterscheidet sich die Widerstandskraft verschiedener Länder doch sehr wohl. Jehns Studie stellt detailliert dar, auf welche Schutzfaktoren es im Ernstfall ankommt. Der Überblicksartikel ist als Teamarbeit entstanden – international und interdisziplinär: „Wir haben sozusagen ein ‚Allstar-Team‘ gebildet, um dem Thema gerecht zu werden“, sagt der Wissenschaftler.

Endzeitliche Hilfe

Was deckt die Studie ab? „Es geht uns um Szenarien, die mindestens zehn Prozent der Menschheit auf einen Schlag auslöschen könnten. In einem kurzen Zeitraum schaffen das nicht viele Katastrophen“, erklärt Jehn.

Grundsätzlich ließen sich drei Überkategorien bilden:

Australien: groß, reich, abgeschieden

Davor sind manche Orte besser, manche schlechter geschützt. „Obwohl Australien offensichtliche Probleme mit den Folgen des Klimawandels hat, schneidet es bei uns gut ab“, erläutert Jehn. Seine hohen Temperaturen könnten Australien eventuell sogar nützen: zum Beispiel im Falle eines nuklearen Winters.

„Es ist eine Insel, sodass es sich einfacher abschotten und isolieren kann. Australien produziert unheimlich viel Nahrung, hat viel eigene Industrie und Bergbau. Außerdem ist es reich und eine recht stabile Demokratie. All das sind Sachen, die ein Land resilienter machen.“

Zum Vergleich: Auch das benachbarte Neuseeland erfüllt viele dieser Punkte; ist aber nicht so industriell geprägt, bedeutend kleiner und dadurch weniger autark.

Keine Arche für alle

Also rasch von Deutschland nach Down Under umziehen? So leicht ist es nicht, dämpft Jehn die Hoffnung auf ein Überleben in der Zukunft: „Wir wollen nicht sagen, dass Australien der einzige Ort ist, der durchkommt. Nur, dass es die besten Chancen hat.“ Auch Australien sei stark auf Handel und Kooperation angewiesen – etwa mit Blick auf Medikamente, Treibstoffe und Düngemittel.

Und Deutschland? Eine hochtechnisierte Handelsnation, die im Herzen Europas alles andere als „isoliert“ ist. „Deutschland ist jedenfalls keines der resilienteren Länder. Ohne Strom ist es völlig geliefert“, urteilt Jehn. „Wo es zumindest punktet, ist bei der demokratischen Stabilität und der Nahrungsproduktion.“ Allerdings dürfte letztere im Falle einer verdunkelten Sonne schnell zusammenbrechen – Stand jetzt.

Wachrütteln für mögliche Krisenfälle

„Unser Ziel ist es, deshalb fürs Thema zu sensibilisieren. Es ist etwas, worüber wir als Gesellschaft dringend nachdenken sollten“, betont der Forscher. „Katastrophen in dieser Größenordnung kommen in deutschen Debatten kaum vor. Wenn man sich aber gar nicht vorbereitet, läuft’s auf jeden Fall schief.“

Dabei gäbe es Spielräume: zum Beispiel Handelsverträge mit anderen Ländern, die den Austausch von überlebenswichtigen Waren auch im Notfall garantieren. „Oder sogenannte ‚resilient foods‘. Das sind Nahrungsmittel, die auch im Katastrophenfall große Produktionsmengen erlauben würden.“

Dazu zählen etwa spezielle Bakterien, die in Bioreaktoren Nährstoffe zu gehaltvollem Proteinpulver verstoffwechseln („single-cell-proteins“). Generell verfüge Deutschland über viel technisches Know-How und finanzielle Mittel – eigentlich gute Vorrausetzungen, um sich zu wappnen.

„Man kann schon vieles machen“, ermutigt Florian Ulrich Jehn zu proaktivem Handeln. „Gesellschaften können so einiges überstehen, wenn sie sich nur vorbereiten und solidarisch bleiben.“ Und im besten Fall, so ein hoffnungsvoller Schluss der Studie, lassen sich Schreckensszenarien völlig abwenden. Der Forscher ist sich sicher: „Prävention ist natürlich immer besser als Resilienz.“

Kollapsologie: Naht das Ende der menschlichen Zivilisation?

Die neue Analyse lässt sich grob einordnen in die Kollapsologie-Bewegung, einer Denkströmung, die besonders durch den französischen Agrarwissenschaftler Pablo Servigne Bekanntheit erlangte. Gemeinsam mit dem Öko-Berater Raphaël Stevens veröffentlichte er im Jahr 2022 das Buch „Wie alles zusammenbrechen kann“. Servigne geht fest davon aus, dass die Anstrengungen zur Bekämpfung der Klimakrise scheitern, das Ökosystem kollabiert und die menschliche Zivilisation endet.

Auch die Kollapsologie-Anhänger in Deutschland prognostizieren, dass sich menschliche Lebensgrundlagen durch ökologische Krisen weltweit dramatisch verschlechtern werden. Er gehe von viel Leid und vielen Toten aus, betont der Gründer des „Klima-Kollaps Cafés“, Norbert Prinz. „Der Zivilisationskollaps ist das wahrscheinlichste Szenario. Es gibt doch keinen Hinweis darauf, dass wir wirklich irgendwas ändern“.

Menschliche Spezies überlebt nur in Kleingruppen

Das „Klima-Kollaps Cafe“ wurde im Dezember 2019 mit dem Ziel gegründet, „das Bewusstsein für die Folgen der multiplen existentiellen Krisen zu schärfen und sich gegenseitig bei der emotionalen Verarbeitung der teils traumatisierenden Themen zu unterstützen“, wie es auf der Webseite heißt.

Das Online-Café soll Gleichgesinnten einen Raum zum Austausch bieten. Die Teilnehmer sprechen alle zwei Wochen online über ihre Gefühle, mögliche Vorbereitung auf den Kollaps und das Leben danach - wenn es denn so etwas noch geben sollte.

Dass die Menschheit gänzlich ausstirbt, glauben die Anhänger nicht. Nach ihrer Vorstellung führen zusammengebrochene Lieferketten, Öko- und Wirtschaftssysteme dazu, dass sich die restlichen Überlebenden in Kleingruppen durchschlagen müssen. Back to the roots: Man fühlt sich unwillkürlich an das Werden der Menscheit in der Steinzeit erinnert.

Wissenschaft oder Intuition?

Zwar berufen sich die Kollapsologen auf die Wissenschaft, zitieren Berichte des Weltklimarats und geben sich bewusst einen wissenschaftlich klingenden Namen. Die Vertreter in Deutschland behaupten indes nicht, ihre Prognosen wissenschaftlich belegen zu können. „Das Thema ist so komplex, dass es wissenschaftlich gar nicht erforscht werden kann und wir uns wieder auf die Intuition verlassen sollten“, betont Prinz.

Studien zu einem so alles umfassenden Thema wie dem Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft finden sich kaum. Jobst Heitzig, Mathematiker am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, verwundert das nicht. „Prinzipiell lässt sich nicht seriös sagen, wie wahrscheinlich ein Zivilisationszusammenbruch ist. Man kann aber Szenarien entwickeln, wie es ablaufen könnte.“

Mit seinen Kollegen versucht Heitzig Modelle zu erarbeiten, die komplexe und große Zusammenhänge in unserer Gesellschaft erklären können. „Fridays for Future hat die Politik beeinflusst und das Konsumentenverhalten hat einen Einfluss auf das Klima. Wir versuchen solche Zusammenhänge seriös abzubilden“, erklärt Heitzig. Es gehe darum, Wechselwirkungen zu verstehen, nicht Vorhersagen zu machen.

Gibt es Hinweise auf einen globalen Zusammenbruch?

Unweigerlich stoße man dabei auf die Frage nach einem möglichen Kollaps. „Bei der momentanen Zivilisation stellen wir fest, dass es einen sehr, sehr hohen Grad an internationaler Abhängigkeit im Wirtschaftssystem gibt“, berichtet Heitzig. Solche Abhängigkeiten machten Gesellschaften weniger resilient. „Da könnte es Dominoeffekte geben, die vergleichbar mit einem Multiorganversagen beim Menschen sind“.

So pessimistisch wie die „Kollapsologen“ ist Heitzig aber nicht. „Ich würde zustimmen, dass es einige Hinweise darauf gibt, dass die Zivilisation zusammenbrechen kann, zum Beispiel durch einen global eskalierenden Gewaltkonflikt oder eine schwere globale Wirtschaftskrise“, sagt er.

Beides könne durch Folgen des Klimawandels begünstigt werden. „Aber es gibt eben keine klaren Hinweise darauf, dass das wirklich passieren wird oder wie wahrscheinlich es ist.“

Auch zeitlich sei aus wissenschaftlicher Sicht keine seriöse Einschätzung möglich. „Wenn man im Nebel auf einen Abgrund zufährt und nicht weiß, wie weit er entfernt ist, wäre ein vernünftiger Rat: ‚Tretet auf die Bremse‘“, so der Forscher. „Wir können den Klimawandel ja bekämpfen und wir können unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem resilienter machen“.

Kommt das Schlimmste erst noch?

Dafür sei es zu spät, finden die Kollapsologen. Der Zusammenbruch gehe vielleicht in ein paar Jahren los oder sei bereits unbemerkt im Gange. Die Teilnehmer des „Klima-Kollaps Cafès“ betonen, sie seien „hoffnungsfrei“. Sie möchten sich emotional lieber auf das Schlimmste vorbereiten. Prinz ärgert sich sogar über Interviews, in denen Klimawissenschaftler gefragt werden, ob es noch Hoffnung gibt.

Für die Psychoanalytikerin Delaram Habibi-Kohlen, Gründerin der Arbeitsgruppe Klima in der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie (DGPT), ist die Frage nach Hoffnung nur menschlich. Sie beschäftigt sich seit dem Jahr 2010 mit dem psychologischen Aspekt der Klimakrise und ist außerdem bei den „Psychologists for Future“ aktiv.

Hoffnung vs Alarmismus

„Ohne Hoffnung können wir nicht leben“, meint die Psychologin. Die entscheidende Frage sei, worauf die Menschen hoffen könnten. „Dass wir weiterleben können wie bisher, ist illusorisch.“ Ein lebenswertes Leben mit vielen Anpassungen und auch Verzicht führen zu können, sei dagegen nicht unrealistisch.

Es sei wichtig, die Gefahr durch ökologische Krisen deutlich zu machen und gleichzeitig weiter darüber nachzudenken, was man tun wolle, sagt Habibi-Kohlen. Sie warnt vor zu viel Alarmismus: „Das eröffnet bei Menschen so wenig Spielraum für die Vorstellungskraft. Dann sagt doch jeder: „Ja, was soll ich da machen?“

Von Resignation sei im „Klima-Kollaps-Café“ keine Spur, behauptet Gründer Prinz. Es löse in der Gruppe kein Fatalismus aus, zu wissen, dass es nichts mehr zu retten gebe. „Gerade dann, wenn nichts mehr zu erreichen ist, ist es notwendig noch mal für alles zu kämpfen.“

Mismatch-Theorie: Die Menschheit steckt in einer Sackgasse

Die Menschheit läuft Gefahr, sich selbst in ihrer Entwicklung in Sackgassen zu manövrieren, aus der es kaum noch ein Entrinnen gibt. Insgesamt 14 solcher Evolutionärer Fallen haben schwedische Forscher in einer Studie - publiziert 2024 im Fachmagazin „Philosophical Transactions of the Royal Society B“ - ausgemacht.

Darunter sind Klima-Kipppunkte und Umweltverschmutzung genauso wie eine falsch ausgerichtete künstliche Intelligenz und die Beschleunigung von Infektionskrankheiten. Wenn sich Merkmale, die für die Evolution einer Gattung einst vorteilhaft waren, sich aufgrund von Umweltveränderungen plötzlich nachteilig auswirken, spricht man von einer Evolutionären Falle oder Evolutionären Diskrepanz. Dieses evolutionsbiologische Konzept wird auch als Mismatch-Theorie bezeichnet.

Polykrise im Anthropozän

Das Forscherteam um den Umweltökologen Peter Søgaard Jørgensen sieht solche evolutionäre Fallen auch für die Menschheit gegeben. Insgesamt sei ihre soziokulturelle und zivilisatorische Evolution eine „außergewöhnliche Erfolgsgeschichte“, deren Ergebnis das Anthropozän darstelle – also das Erdzeitalter des Menschen –, wie es in der Untersuchung heißt.

Doch das Anthropozän zeige Risse: Globale Krisen wie Covid-19-Pandemie, Klimawandel, Ernährungsunsicherheit, Finanzkrisen und Konflikte hätten begonnen, gleichzeitig aufzutreten. Dieses Phänomen wird auch als Polykrise bezeichnet.

„Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“

Einer der Hauptvertreter dieser Theorie ist der österreichische Zoologe und Medizin-Nobelpreisträger von 1973, Konrad Lorenz (1903-1989). In seinem Buch „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ aus dem Jahr 1973 untersucht der Verhaltensbiologe jene Vorgänge, die nach seiner Ansicht zur „Dehumanisierung der Menschheit“ beitragen.

Diese acht Prozesse sind:

Gefangen in der evolutionären Falle

Der Begriff evolutionäre Falle oder evolutionäre Diskrepanz wird in der Evolutionsbiologie auch als Mismatch-Theorie bezeichnet. Gemeint ist damit ist Folgendes:

Merkmale, die sich in der Evolution herausgebildet und für die Entwicklung einer Spezies als vorteilhaft erwiesen haben, können sich aufgrund von veränderten und zu schnell sich wandelnden Umweltbedingungen als negativ herausstellen und den Entwicklungsprozess der Gattung behindern - und im Extremfall beenden. Dies kann beim Mensch und bei Tieren stattfinden und wird oft auf schnelle Umweltveränderungen zurückgeführt.

Die Mismatch-Theorie beschäftigt sich folglich mit der Idee, dass Merkmale, die sich in einem Organismus in einer bestimmten Umwelt entwickelt haben, in einer anderen Umgebung nachteilig sein können. (mit AFP-/dpa-Agenturmaterial)

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Segen oder Fluch – Führt KI zum Ende der Menschheit? Szene aus dem US-Science-Fiction-Film „Terminator Salvation“ (2009).

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Australien bietet im Falle einer globalen Katastrophe bessere Überlebensbedingungen als etwa Länder wie Deutschland. Doch Überleben ist relativ.

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Die Welt ist groß, doch im Falle einer globalen Katastrophe zu klein für alle Menschen. Die Stärkeren werden überleben, denn einen Sozialstaat wird es in einer postapokalyptischen nicht mehr geben.

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Gevater Tod wartet schon: Auch wenn das Ende der Menschheit - derzeit - nur eine Fiktion ist, beschäftigen sich Wissenschaftler mit der existenziellen Frage, wie die menschliche Zivilisation globale Katastrophen wie einen nuklearen Winter, eine verheerende Pandemie oder einen globalen Blackout überleben könnte.

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Szene mit den apokalyptischen Reitern aus dem deutschen Stummfilm „Faust: A German Folk Legend“ aus dem Jahr 1926.