Schulproteste in Frankreich: Ein Schüler hält während einer Demonstration für mehr Mittel und mehr Personal an der Schule ein Schild mit der Aufschrift «Wir wollen das BAC (Abitur), nicht die BAC (Einheiten zur Verbrechensbekämpfung)» hoch. Seit Tagen protestieren Schülerinnen und Schüler an den Oberschulen.
Von dpa
Das Ausmaß der Gewalt schockiert viele: Seit Tagen protestieren Frankreichs Schülerinnen und Schüler gegen Missstände an ihren Schulen. Dabei geraten die Proteste zunehmend außer Kontrolle und werden zugleich politisch instrumentalisiert. Für die ausufernde Wut gibt es zahlreiche Gründe. Ein Überblick:
Lehrermangel
Auslöser der Unruhen war eine Schule in einer Pariser Vorstadt, in der Personal fehlte, unter anderem je ein Französisch-, Mathe- und Wirtschaftslehrer und zehn Begleiter für Jugendliche mit Behinderungen. Die Situation ist symptomatisch für Frankreich: Landesweit waren zum Schuljahresbeginn 2025/26 gut 2000 Lehrerstellen unbesetzt. Im Schuljahr 2024/25 fiel in der Oberstufe etwa jede zehnte Schulstunde aus. Fehlende Lehrer werden häufig nicht oder erst nach mehreren Wochen Abwesenheit ersetzt.
Der Lehrermangel erklärt sich unter anderem durch die niedrigen Gehälter, die rund 20 Prozent unter dem Schnitt der Industriestaatenorganisation OECD liegen. In Deutschland verdienen Lehrer mehr als doppelt so viel wie in Frankreich.
Lange Schultage
Ein Grundproblem im französischen Schulsystem sind überdurchschnittlich lange Ferien, kombiniert mit überdurchschnittlich vielen Schulstunden. Dies hat sehr lange, ermüdende Schultage zur Folge. Gymnasiasten haben teilweise von 08.00 bis 18.00 Uhr Schule und müssen abends noch Hausaufgaben machen. In der Oberstufe bleibt für außerschulische Aktivitäten kaum noch Zeit.
Hoher Wettbewerbsdruck
Das französische Schulsystem ist stark vom Wettbewerbscharakter geprägt. Es geht weniger darum, den Stoff zu durchdringen, als darum, besser als die anderen zu sein: eine Vorbereitung auf die „concours“ genannten Auswahlverfahren, bei denen jeweils die Besten weiterkommen. Frontalunterricht, Nachsitzen und weitere Strafen sind weit verbreitet.
In der Oberstufe klagen viele Schülerinnen und Schüler über die Plattform Parcoursup, die sie für ihre Bewerbung für Studiengänge nutzen müssen. Die Auswahlkriterien gelten als wenig transparent. Das System ist zudem so kompliziert, dass sich Schüler aus sozial benachteiligten Familien häufig besonders schlecht darin zurechtfinden.
Pseudo-egalitäres System
Im Unterschied zum dreigliedrigen Schulsystem bietet Frankreich allen Schülerinnen und Schülern den Zugang zum „lycée“, der Sekundarstufe II. Dabei gibt es aber eine große Bandbreite zwischen berufsvorbereitenden Schulen und Eliteschulen, in denen ungeachtet zahlreicher Diversitätsprogramme Schüler aus weißen und wohlhabenden Akademikerfamilien die Mehrheit bilden.
Ausstattung der Schulen
Während des Extremsommers wurde klar, dass die französischen Schulen nicht auf so hohe Temperaturen vorbereitet sind. Im Gegenteil: Früher wurden Klassenzimmer bewusst nach Süden ausgerichtet, um im Winter Heizkosten zu sparen.
Für die Schulgebäude sind je nach Schulart die Gemeinden, Départements oder Regionen zuständig – weswegen die Ausstattung der Schulen davon abhängt, wie wohlhabend die Gebietskörperschaft ist. In sozial benachteiligten Orten wie etwa den Pariser Vorstädten sind die Schulen in der Regel schlechter ausgestattet als in Paris.
Polizeigewalt
Premierminister Sébastien Lecornu hatte gleich zu Beginn der Proteste mit dem Einsatz von Polizeigewalt gegen Schulblockaden gedroht. Traditionell setzen französische Sicherheitskräfte eher auf Repression als auf Deeskalation. Spezialkräfte sind es gewohnt, bei Demonstrationen gegen Randalierer einzuschreiten – etwa mit Tränengas, Schlagstöcken und Hartgummigeschossen.
Eine staatliche Ombudsstelle kritisierte erst kürzlich „unverhältnismäßige“ Gewalteinsätze, etwa bei Unruhen nach dem tödlichen Schuss eines Polizisten auf einen 17-Jährigen 2023. Jugendliche dunklerer Hautfarbe erleben zudem häufig, dass sie gezielt von der Polizei kontrolliert werden.
Von den jüngsten Protesten verbreiteten sich zahlreiche Videos, die ein brutales Vorgehen von Sicherheitskräften zeigen – etwa die Festnahme eines Mädchens, dem ein Polizist von hinten den Arm um den Hals legt.
Social Media
Die Proteste werden durch die Verbreitung von Bildern auf Onlinediensten angeheizt. Schülerinnen und Schüler halten selbst ihre Telefone hin, wenn Mülltonnen brennen oder die Polizei Tränengas einsetzt. Zahlreiche Kanäle, die mit reißerischen Inhalten ihre eigene Reichweite vergrößern wollen, bedienen sich und schneiden die dramatischsten Momente zusammen.
Ein für fremdenfeindliche Äußerungen bekannter Kanal mit mehr als zwei Millionen Abonnenten veröffentlicht derzeit mehrfach stündlich Krawall-Aufnahmen und behauptet, dass „Einwanderer der zweiten und dritten Generation“ für die Randale verantwortlich seien.
Debatte über Instrumentalisierung
Die linkspopulistische Partei LFI hat sich von Beginn an auf die Seite der protestierenden Schülerinnen und Schüler gestellt. LFI-Abgeordnete und Bürgermeister zeigten sich an den Brennpunkten und ließen sich von Jugendlichen applaudieren. Die Regierung wirft den Linkspopulisten vor, die Bewegung politisch auszuschlachten.
LFI-Parteikoordinator Manuel Bompard wies dies zurück und warnte vor „Verschwörungstheorien“. Der LFI-Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon kommt bei 18- bis 25-jährigen Wählern in den Umfragen derzeit auf mehr als 40 Prozent.