Eine Ausstellung im ehemaligen Kaufhaus in der Eberhardstraße thematisiert ein lange unterbelichtetes Kapitel der Stadtgeschichte: die Zwangsarbeit während der Nazi-Zeit.
Fotoausstellung Zwangsarbeit in Stuttgart im ehemaligen Galeria-Kaufhof-Gebäude in der Eberhardstraße
Von Jan Sellner
Stuttgart - Passanten stehen vor einem Schaufenster, in dem keine Auslagen, dafür Fotos von Zwangsarbeitern zu sehen sind. „Zwangsarbeit in Stuttgart im 2. Weltkrieg“ steht in großen weißen Lettern auf der Schaufensterscheibe. Und man realisiert schnell: Hier gibt es nichts zu kaufen, vielmehr etwas zu lernen.
Das Schaufenster gehört zum Kaufhaus Galeria Kaufhof. Das Gebäude in der Eberhardstraße steht schon lange leer. Der Gemeinderat will aus dem alten Kaufhaus das zentrale Verwaltungszentrum der Stadt machen. Das Projekt ist noch in der Planungsphase. Das eröffnet der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur des Kulturamts die Gelegenheit für eine Art Pop-up-Nutzung. Gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Zwangsarbeit in Stuttgart“ und der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber hat sie aus dem Schaufenster einen historischen Lernort gemacht. Gezeigt werden Fotos von Orten in Stuttgart, an denen während der Zeit des Nationalsozialismus Zwangsarbeiter eingesetzt wurden.
Mühevolle Recherche
Die Ausstellung thematisiert ein lange unterbelichtetes Kapitel der NS-Zeit, dem der 2022 aus den Stolperstein-Initiativen heraus gegründete Arbeitskreis Zwangsarbeit zuletzt gebührend Aufmerksamkeit verschafft hat. In mühevoller Recherche haben seine Mitglieder mehr als 150 Orte in Stuttgart identifiziert, in denen rund 40.000 Menschen aus besetzten Ländern oft unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. In großen Firmen ebenso wie in kleineren Betrieben und Behörden. Die Koordinierungsstelle weist unter Berufung auf Historiker darauf hin, „dass damals praktisch jeder Stuttgarter Betrieb mit mehr als fünf Beschäftigten Zwangsarbeiter eingesetzt hat. Zwangsarbeit war ein flächendeckendes Phänomen, sie war in der gesamten Stadt verbreitet.“
Die aus ihrer Heimat verschleppten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter waren in Stuttgart in Barackenlagern, Schulgebäuden, Privathäusern und ehemaligen Gaststätten untergebracht. „Viele dieser Orte befinden sich mitten in der Stadt, sind heute aber nicht mehr als Orte der Zwangsarbeit erkennbar“, erklärt die Koordinierungsstelle. Und weiter: „Die Fotoausstellung macht ein weitgehend unsichtbares Kapitel der Stadtgeschichte im öffentlichen Raum zugänglich.“
Die von der Grafikerin Ina Bauer gestaltete und bis Ende September dauernde Ausstellung im Galeria-Schaufenster zeigt großformatige Fotografien der Fotografen Andreas Langen und Kai Loges. Sie haben ehemalige Zwangsarbeiter-Quartiere in ihrem heutigen Zustand dokumentiert. Begleittexte ordnen die Aufnahmen in den geschichtlichen Kontext ein. Es genügen wenige Sätze, um einen Eindruck von dem Unrecht zu vermitteln. Unter dem Foto eines großen Eichenbaums, der Jahneiche in der Marconistraße beim Lager Schlotwiese, steht der Satz: „Hier wurden vier sowjetische Zwangsarbeiter erhängt.“ Bedrückend auch das abgedruckte Zitat eines ehemaligen französischen Kriegsgefangenen, der auf den massenhaften Tod von Kriegsgefangenen im Lager Gaisburg hinweist: „In der Nacht vom 14. zum 15. April 1942 fiel eine Bombe auf das Lager Gaisburg. In einem der Unterstände – demjenigen, in dem ich eigentlich hätte sein sollen – erstickten 400 Menschen; 256 Franzosen und Belgier, 143 Russen, ein Wachmann.“
Einsatz für zentralen Erinnerungsort
Das Kulturamt hebt im Zusammenhang mit der Ausstellung die Bemühungen des Arbeitskreises Zwangsarbeit hervor, der sich für einen zentralen Erinnerungsort in der Stadt einsetzt. Inzwischen wird das lange vernachlässigte Thema intensiv bearbeitet. Dazu trugen laut Koordinierungsstelle auch die Öffnung privatwirtschaftlicher Archive und die kritische Aufarbeitung des Themas durch das Stadtarchiv Stuttgart bei.
Am 24. Juni, 19 Uhr, präsentiert der Historiker Kevin Schmidt im Stadtarchiv im Bellingweg seine Arbeit zu „Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Stuttgart 1939-1945“. Er hat die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Stuttgart umfassend erforscht. Mit dabei ist auch Frank Engehausen, der an der Universität Heidelberg für „Südwestdeutsche Landesgeschichte des 20. Jahrhunderts“ zuständig ist. Der Eintritt ist frei.
Karte Die vom Arbeitskreis Zwangsarbeit erstellte Liste von Orten, die in Zusammenhang mit Zwangsarbeit stehen, sind auch auf einer digitalen Karte verzeichnet: www.zwangsarbeit-in-stuttgart.de.