Tagelang haben die Olympia-Reporter am Eiskanal von Cortina d’Ampezzo friedliche Stunden erlebt. Zum Ende der Spiele ist die Anspannung plötzlich groß.
Der Zielbereich am Eiskanal von Cortina d’Ampezzo
Von Dirk Preiß
Wer in den vergangenen zwei Wochen den einen oder anderen Abend am Eiskanal von Cortina d’Ampezzo verbracht hat, konnte durchaus den Eindruck gewinnen, die Gäste aus Germania würden zerstörerische Gedanken hegen. Immer wieder wollten die Herren und Damen in den engen Anzügen ja „das Deutsche Haus abreißen“. Dazu ist es zwar nie gekommen, aber es muss sich da ein Generalverdacht verfestigt haben – der auch uns ereilt hat.
Wir haben am Samstag mal wieder viele schöne Stunden in der italienischen Dunkelheit und ampezzinischen Kälte verbracht, haben mit schmalen Augen, aber LED-beseelt ins gleißende Licht der Bobbahn-Strahler geschaut – als uns plötzlich ein Anruf erreichte. Man klang aufgeregt am anderen Ende der Leitung. Denn: Es stand die Evakuierung des Eiskanals kurz bevor.
Bei der Tribüne im Zielbereich hat man das schon vor dem Finale im Zweierbob der Frauen erledigt. Weil oben am Start – dort ist die Konstruktion eine ähnliche – nicht nur Schnee, sondern auch irgendwelche losen Bauteile vom Starthaus auf die Tribüne gerutscht waren, ging man im Ziel lieber auf Nummer sicher. Und hat Dachlawinen-Warnstufe knallrot ausgerufen.
Das Thema Sicherheit, ansonsten nicht zwingend ein Steckenpferd der Gastgeber, stand am Eiskanal also plötzlich weit vorne auf der Liste – was uns ein wenig verwundert hat. Denn daran, dass sich ein gleicher Stelle Menschen kopfüber und nur mit einer Art Ganzkörperleggings bekleidet in die Eisrinne stürzen oder in einem Stahlgefährt ohne gängige Sicherheitssysteme (Airbag, Spurhalteassistent und Antiblockiersystem) auf 140 km/h beschleunigen, hat sich ja auch keiner gestört. An unserem Rucksack dagegen schon.
Um unser durchaus vorbelastetes Wirbelkörper-Bandscheiben-Konsortium ein wenig zu schonen, hatten wir den für einen Moment abgestellt – und uns dann auch noch mehr als fünf Meter von ihm entfernt. Wir brauchten einfach Mal Abstand. Wofür wir uns nun und an dieser Stelle aufrichtig entschuldigen möchten. Denn die Tasche mit den zwei Riemen galt plötzlich als unbeaufsichtigtes Gepäckstück.
Schuldbewusst haben wir das Ding dann wieder geschultert, sind kleinlaut von dannen gezogen und waren froh, bald darauf in unserem Heim auf Zeit angekommen zu sein. Im idyllischen Hotel „Baur al Lago“ am Toblacher See (Baujahr 1901) ist die Welt nämlich noch in Ordnung, die Aufregung eher gering. Einziges Problem: Wie jeden Abend mussten wir unseren Rucksack noch die 68 knarzenden Holzstufen nach oben wuchten. Ihn bis zum nächsten Morgen unten abzustellen, haben wir uns einfach nicht mehr getraut.