Kellerkind greift zum letzten Strohhalm

Fußball-Drittligist Aspach entlässt Trainer Schnorrenberg – Lang und Koukoutrigas übernehmen für die letzten zwei Saisonspiele

Für die einen ist es die letzte Patrone, andere nennen es Paukenschlag. Fakt ist, dass sich Fußball-Drittligist SG Sonnenhof Großaspach zwei Spieltage vor Schluss von Trainer Florian Schnorrenberg getrennt hat. Nachfolger sind der bisherige Co-Trainer Markus Lang und Sportdirektor Joannis Koukoutrigas. Unter Anleitung des Duos soll das Kellerkind die Liga irgendwie noch halten.

Kellerkind greift zum letzten Strohhalm

Von Uwe Flegel

Kapitän Julian Leist gesteht: „Die Entscheidung war überraschend. Ich habe nicht damit gerechnet, aber das Fußballgeschäft ist knallhart.“ In der Tat. Und da macht auch ein Verein, der sich gerne als Dorfklub der Dritten Liga bezeichnet, keine Ausnahme. Geht es ums sportliche Überleben, dann „interessieren nur noch Fakten und nicht, ob du Pech oder Glück hattest, oder wie oft Fehlentscheidungen der Schiris schuld sind“, wie SG-Vorstandsmitglied Michael Ferber Aspachs zweite Trainerentlassung in dieser Saison begründet. Nachdem Sascha Hildmann Anfang Oktober seinen Platz räumen musste, hat dessen Nachfolger Florian Schnorrenberg sechseinhalb Monate später nun dasselbe Schicksal ereilt.

„Wir benötigen aus den verbleibenden zwei Partien sechs Punkte, um unser großes Ziel zu erreichen. Deshalb hat der Vorstand entschieden, einen letzten Impuls im Kampf um den Klassenverbleib zu setzen“, erklärt Ferber den Schritt, der nicht unbedingt zu erwarten war. Der 33-Jährige, der innerhalb der SG-Führung für den Sportbereich zuständig ist, macht seinem bisherigen Übungsleiter keinerlei Vorwürfe. Im Gegenteil: „Wir haben uns die Sache nicht leicht gemacht. Menschlich und so hat alles gepasst. Als ich dem Trainer unsere Entscheidung mitgeteilt habe, musste ich zweimal schlucken.“ Doch Tatsache sei halt eben auch, dass der Tabellenstand Großaspachs nicht befriedigend sei.

28 Punkte in 25 Spielen unter Schnorrenberg sind im Abstiegskampf zu wenig

Das war unter Hildmann so und hat sich unter Schnorrenberg, der gestern telefonisch trotz mehrerer Versuche nicht zu erreichen war, nicht gebessert. 28 Punkte holte der 42-Jährige in den 25 Saisonspielen mit der SG, die zwei Spieltage vor Schluss nur 39 Zähler vorweist. Gefallen sei der Entschluss nach dem 1:2 in Karlsruhe. „Joannis Koukoutrigas und ich haben uns danach zusammengesetzt, wir haben dann eine Nacht drüber geschlafen und am Sonntagvormittag in einer extra anberaumten Sitzung des siebenköpfigen Vorstands die Entscheidung gemeinsam getroffen“, berichtet Michael Ferber. Er und die anderen Mitglieder des Führungsgremiums erhoffen sich von dem unbequemen Schritt, dass in der Mannschaft zusätzliche Emotionen geschürt werden, die helfen, im Abstiegskampf den Kopf frei zu machen.

Keine Option sei für den Klub gewesen, für die letzten zwei Spiele einen Coach von außen zu holen, sagt Ferber. Die Hoffnungsträger sind mit Sportdirektor Joannis Koukoutrigas und Markus Lang, bislang U-19-Coach und Co-Trainer des Drittliga-Teams in Personalunion, zwei vereinsinterne Kräfte: „Die beiden kennen die Mannschaft aus dem Effeff und wir brauchen jetzt keine neuen taktischen Maßnahmen oder so etwas.“ Wichtig sei nur eines: Sechs Punkte aus dem Heimspiel kommenden Samstag gegen Zwickau sowie der Auswärtspartie die Woche drauf bei Fortuna Köln.

Dass auf der Mannschaft und den Interimstrainern viel Druck liegt, weiß Michael Ferber, sagt aber auch: „Als wir vor fünf Jahren gegen Wolfsburg II in die Dritte Liga gekommen sind, hatten wir zwei Endspiele. Nun haben wir zwei Endspiele, um in der Liga zu bleiben.“ Der 43-jährige Lang, der vor seiner SG- Zeit bekanntlich die TSG Backnang binnen vier Jahren von der Landesliga in die Oberliga geführt hat, und der 44-jährige Koukoutrigas genießen auf jeden Fall „unser volles Vertrauen“, erklärt Michael Ferber. Auch das Thema Personalnot will er nicht ganz so hoch hängen: „Klar fehlen Leute wie Zlatko Janjic oder Jamil Dem. Aber wir haben einen breiten Kader und bis zum Spiel gegen Zwickau kommt der eine oder andere Verletzte hoffentlich wieder zurück.“

Einer der zuletzt fehlenden Akteure ist Julian Leist, der gegen den KSC zwar auf der Bank saß, aber noch zu große Probleme mit dem Sprunggelenk hatte, um eingesetzt zu werden. Zu seinem eigenen Befinden sagt er: „Es sieht schon deutlich besser aus.“ Für die sportliche Situation und die Rechnung mit den sechs Punkten empfiehlt der 31-Jährige, nicht zu viel von einer Art Abstiegsendspiel in Köln zu reden, sondern sich voll und ganz auf Zwickau zu konzentrieren: „Da müssen wir gewinnen, um uns überhaupt für ein Finale in Köln zu qualifizieren.“ Damit das gelingt, empfiehlt der erfahrene Verteidiger erstens: „Nicht lange wegen der Entlassung trauern, sondern ab sofort im Training reinhängen.“ Und zweitens: „Unter die bisherigen 36 Partien einen Strich machen. Für uns besteht diese Saison nur noch aus diesen zwei Duellen.“

Kellerkind greift zum letzten Strohhalm

Gehen getrennte Wege: Joannis Koukoutrigas (links) und der entlassene Florian Schnorrenberg (beide Foto oben). Der SG-Sportchef und der bisherige Co-Trainer Markus Lang (unten) übernehmen für die beiden Endspiele im Kampf gegen den Abstieg. Fotos: A. Becher/T. Selmmaier

Kommentar
Es gilt die Tabelle, nicht die Moral

Von Uwe Flegel

Vorstandsmitglied Michael Ferber muss nicht lange überlegen: „Ich kann mich nicht erinnern“, antwortet er auf die Frage, ob sich der Verein aus dem Fautenhau innerhalb einer Saison schon einmal von zwei Trainern getrennt hat. In der Tat ist das Aus für Florian Schnorrenberg nicht nur überraschend, sondern zumindest für Aspacher Verhältnisse ungewöhnlich. Ob die Entscheidung richtig war und den erhofften Effekt erzielt, wird sich zeigen. Denn wie schon zuvor bei der Entlassung von Sascha Hildmann darf auch die Kaderzusammenstellung durchaus infrage gestellt werden. Vor allem, was die Offensive anbelangt. War es Sportdirektor Joannis Koukoutrigas in den vergangenen Jahren stets gelungen, trotz bescheidener Mittel ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen, so funktionierte das in der Saison nur bedingt. Hatte er in den vergangenen Jahren immer wieder ein gutes Händchen, so gelang es ihm diesmal nicht, einen Torjäger wie Lucas Röser aus dem Hut zu zaubern. Kann vorkommen. Vor allem, wenn man weiß, dass das finanzielle Harakiri des einen oder anderen Ligarivalen für die SG keine Alternative ist. In anderer Hinsicht zeigt sich Aspach dagegen längst auf Augenhöhe mit der Konkurrenz. Fehlt der sportliche Erfolg, ist die Haltbarkeit von Trainern begrenzt. Das mag für den einen überraschend, für den anderen ungewöhnlich und für Dritte Aktionismus pur sein. Frei nach Bert Brecht gesagt, gilt auch beim Dorfklub aus dem Fautenhau: An erster Stelle zählt die Tabelle, dann die Moral.

u.flegel@bkz.de