Magere vier Punkte aus vier Kellerduellen

Für den Fußball-Regionalligisten Großaspach endet mit dem 2:3 gegen Kassel die Serie der wichtigen Spiele gegen direkte Rivalen im Abstiegskampf. Die Bilanz ist ernüchternd, die Heimpleite gegen die Hessen nach einer frühen 2:0-Führung besonders bitter.

Magere vier Punkte aus vier Kellerduellen

Nicolas Jüllich und die Regionalliga-Fußballer der SG Sonnenhof legten im Heimspiel gegen Kassel eine Bauchlandung hin. Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

Die Ausbeute unter dem Kommando des neuen Trainers Walter Thomae ist nach zwei Monaten noch ziemlich mager. Zehn Partien sind es mittlerweile, bei denen der 54-Jährige die Marschroute vorgab, lediglich zweimal verließ die SG Sonnenhof als Sieger den Platz. Dazu kamen vier Remis und vier Niederlagen. Macht zehn Punkte, mit denen die Aspacher in der Tabelle sogar weiter abgerutscht sind, seit der frühere Trainer, Assistenzcoach und sportliche Leiter des VfB Stuttgart II das Erbe von Hans-Jürgen Boysen angetreten hat. Als die Macher im Fautenhau am 25. Februar die Reißleine zogen, rangierte die SG als 16. direkt über dem ominösen Strich, nach der 2:3-Heimniederlage gegen Kassel am Samstag ist das Team nun 18. und belegt damit wieder einen Abstiegsplatz.

Nach sechs Drittliga-Runden von 2014 bis 2020, in denen sich der Verein aus der schwäbischen Provinz bundesweiten Respekt verdiente, droht der ungebremste Absturz in die Oberliga. Darauf zu spekulieren, dass es am Ende vielleicht doch keine sechs Absteiger gibt oder eventuell sogar überhaupt niemand runtermuss (siehe Info-Kasten), wäre eine mehr als gefährliche Strategie. Das sieht auch Walter Thomae so, der die Debatten um die Auf- und Abstiegsregelungen in den Ober- und Regionalligen in Pandemiezeiten von seinen Akteuren fernhalten möchte und davon überzeugt ist, dass ihm das auch gelingt. „Das ist überhaupt kein Thema für uns“, versichert der Aspacher Trainer: „Wir müssen es auf sportlichem Wege schaffen, alles andere ist völlig uninteressant für uns.“

Im Bemühen, schleunigst die Kurve zu kriegen, gibt ihm seine Mannschaft allerdings immer wieder Rätsel auf. Die nachhaltige Trendwende lässt auf sich warten, auf gute Leistungen folgen grundsätzlich Rückschläge. So war es nach dem respektablen 1:1 in Ulm und dem positiven Befund von Routinier Julian Leist, im Team „einen großen Willen“ zu spüren. Prompt musste sich die SG daheim gegen Gießen mit einem 1:1 begnügen. So war es nach dem 2:0-Erfolg beim VfB Stuttgart II, der den Aspachern das nötige Selbstvertrauen für die wegweisenden Kellerduelle verleihen sollte. Stattdessen kam Thomaes Elf in zwei Heimspielen nur zu einem Zähler, nach dem 2:2 gegen den Vorletzten Alzenau setzte es gegen Schott Mainz ein 1:4-Debakel. Und so war es auch nach dem 2:0 beim abgeschlagenen Schlusslicht Stadtallendorf am Dienstag vergangener Woche, das zwar nicht viel mehr als ein Pflichtsieg war, aber eben auch nicht weniger. Die SG kletterte dadurch auf einen Nichtabstiegsplatz, mit der Heimniederlage gegen Kassel ist das allerdings schon wieder passé.

Frühe 2:0-Führung lähmt eher,als das sie Großaspach beflügelt.

Dabei hatte anfangs alles darauf hingedeutet, dass die Aspacher zum fünften Mal in dieser Saison auf heimischem Platz die Oberhand behalten würden. Bereits nach zehn Minuten führten sie durch die Treffer ihres Rechtsverteidigers Sebastian Schiek und ihres Torjägers Marvin Cuni mit 2:0, für den Trainer war es der verdiente Lohn für den guten Beginn. Anders als eine Woche vorher beim 1:4 gegen Schott Mainz münzten die Hausherren ihre anfängliche Dominanz in Zählbares um, doch das frühe Zweitorepolster schien sie eher zu lähmen als zu beflügeln. „Warum das so gekommen ist, da bin ich im Moment noch überfragt“, gestand Thomae eine gewisse Ratlosigkeit ein. Kassels Anschlusstreffer sei noch „völlig aus dem Nichts gefallen“, sagte der Trainer und wagte eine Analyse der Psyche seiner Kicker: „Dann hatte die Mannschaft plötzlich etwas zu verlieren und damit konnte sie nicht umgehen.“

Kurz vor dem Pausenpfiff kassierten die Aspacher den Ausgleich, in der 55. Minute kippte die Begegnung dann komplett. In solchen Momenten, wenn eine Führung in einer sportlich ohnehin prekären Lage wackelt, „müssen die Häuptlinge wie Nicolas Jüllich und Kai Gehring vorangehen. Das kann ich nicht von den jungen Spielern erwarten, da brauchen wir eben die Leader.“ Ersterer hatte den Muskelfaserriss, der ihn die vergangenen vier Partien gekostet hatte, auskuriert und sollte mit Andrew Owusu und Özgür Özdemir für Stabilität im Mittelfeld sorgen. Letzterer ist nicht nur der Kapitän, sondern ohne den zum zweiten Mal nacheinander nicht eingesetzten Julian Leist mit all seiner Erfahrung auch der logische Abwehrchef. Sind die von ihm genannten Häuptlinge also nicht in dem Maße vorangegangen, wie sich das Walter Thomae gewünscht hätte? Offensichtlich. „Sonst hätten wir dieses Spiel nicht mit 2:3 verloren“, entgegnete der SG-Trainer: „Man hat eine Verantwortung auf dem Platz für die Mannschaft, der muss man sich zu jeder Zeit bewusst sein.“

Nicht zum ersten Mal war es aber auch ein Problem, dass den Großaspachern vor dem Kasten die Kaltschnäuzigkeit fehlte. „Wir müssen einen Riesenaufwand betreiben, um zu Torchancen zu kommen“, stellte der Boysen-Nachfolger fest. Der Ertrag ließ aber erneut zu wünschen übrig, vom klaren Plus an Möglichkeiten konnten sich die Hausherren nichts kaufen. So zögerlich sie im Abschluss zu Werke gingen, so eiskalt zeigten sich die Hessen, für die der Sieg ein kleiner Befreiungsschlag im Abstiegskampf war. „Wenn du Siebter oder Achter bist, haust du den Ball vielleicht rein. So fängt Jonas Meiser zu überlegen an“, erinnert Thomae etwa an die beiden zu halbherzigen Schüsse der zur Halbzeit eingewechselten Offensivkraft. Jan Ferdinand sei „sowieso nicht der große Killer vor dem Tor und deshalb auch nicht mit Selbstvertrauen vollgepumpt“. Im Ergebnis hängt weiterhin zu viel an Marvin Cuni, der 18 von 44 Aspacher Toren auf sich vereint. Der Trainer hält ein flammendes Plädoyer für mehr Abschlüsse, denn „wir müssen uns nicht entschuldigen, wenn der Ball abgefälscht wird und dann ins Tor geht. Aber wenn du nicht schießt, kann der Ball auch nicht abgefälscht werden.“

Das Restprogramm der SG und die Debatte um Auf- und Abstieg

Acht Spiele haben die Regionalliga-Fußballer der SG Sonnenhof Großaspach in dieser Mammutsaison mit insgesamt 42 Partien noch vor sich, und das Restprogramm hat es durchaus in sich. Die Auswärtsspiele führen das Team am kommenden Samstag zum FC Homburg (8. Platz) und danach zur TuS Koblenz (10.), zum FC Astoria Walldorf (19.) und zum 1. FSV Mainz 05 II (11.). Zu Hause geht es gegen den Aufstiegsaspiranten SV Elversberg (3.), den FSV Frankfurt (6.), den VfR Aalen (13.) und den Bahlinger SC (9.).

Mit Schlusslicht Eintracht Stadtallendorf (12 Punkte) und dem Vorletzten Bayern Alzenau (22) sind zwei Teams mehr oder weniger abgeschlagen. Eher schlecht sieht es auch für Schott Mainz (32) aus. Die weiteren Abstiegsplätze belegen derzeit Astoria Walldorf (34), die SG Sonnenhof Großaspach (37) und die TSG Hoffenheim II (38). Gefährdet sind darüber hinaus auf alle Fälle noch der FC Gießen (39), der FK Pirmasens (40), die TSG Balingen (41) und der VfR Aalen (42). Hessen Kassel (43) hat sich als Zwölfter etwas Luft verschafft, der Rest ist so gut wie in Sicherheit.

Völlig verändern könnte sich die Lage, wenn es zu Entscheidungen am grünen Tisch oder im Extremfall vor ordentlichen Gerichten kommen sollte. In der Regionalliga Südwest regt sich nämlich massiver Widerstand gegen das Vorhaben der Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar, trotz der frühzeitig unter- und inzwischen abgebrochenen Runde einen Aufsteiger sowie einen Teilnehmer an den Relegationsspielen der Vizemeister zu melden. Das hat zur Folge, dass die ebenfalls der Regionalliga Südwest zugeordneten Oberligen Baden-Württemberg und Hessen mit demselben Schritt liebäugeln und es mithin die üblichen vier Aufsteiger geben könnte, obwohl in allen drei Oberligen deutlich weniger als 50 Prozent der Spiele absolviert wurden. Dagegen müssten sechs Regionalligisten in den sauren Abstiegsapfel beißen, obwohl sie 42 Duelle in den Knochen haben. Gäbe es keine Aufsteiger aus den Oberligen, würde es nur zwei Teams erwischen, die mit Stadtallendorf und Alzenau zudem bereits so gut wie feststehen würden. Darüber hinaus gibt es sogar Planspiele, den Abstieg in der Regionalliga Südwest ganz auszusetzen.