Alexander Zverev fehlen nur noch zwei Siege zu seinem ersten Titel bei einem Grand-Slam-Turnier. Gegen einen US-Youngster zeigt er eine starke Leistung - und hat dabei prominente Unterstützung.
Alexander Zverev steht bei den Australian Open im Halbfinale.
Von Von Lars Reinefeld, dpa
Melbourne - Mit seinen starken Leistungen in Melbourne begeistert Alexander Zverev auch die deutsche Tennis-Prominenz. Angelique Kerber, Melbourne-Champion von 2016, bejubelte den Halbfinaleinzug von Zverev in der Rod Laver Arena. Und sogar Chefkritiker Boris Becker traut dem Weltranglisten-Dritten beim ersten Grand-Slam-Turnier der Saison jetzt den großen Coup zu.
"Ganz ehrlich: In dieser Form kann Sascha Zverev das Turnier gewinnen", sagte Becker als TV-Experte bei Eurosport nach Zverevs 6:3, 6:7 (5:7), 6:1, 7:6 (7:3) im Viertelfinale gegen den Amerikaner Learner Tien: "Das war wieder großer Sport von Sascha Zverev."
Der Traum vom ersten Grand-Slam-Titel lebt für Zverev damit weiter. Der 28-Jährige steht zum vierten Mal in seiner Karriere in Melbourne im Halbfinale und ist nur noch zwei Siege vom ersehnten Triumph bei einem der vier wichtigsten Tennis-Turniere entfernt.
Im Halbfinale am Freitag bekommt es Zverev jetzt mit dem Weltranglisten-Ersten Carlos Alcaraz aus Spanien oder dem Australier Alex de Minaur zu tun. Für Zverev ist es das zehnte Halbfinale bei einem Grand-Slam-Turnier insgesamt.
Besonderer Arztbesuch
Doch warum läuft es für Zverev nach einem komplizierten Jahr zu Beginn der neuen Saison so gut? Für den gebürtigen Hamburger ist der Grund ganz einfach. "Ich bin endlich gesund und schmerzfrei. Das hatte ich lange nicht mehr. Ich fühle mich gut auf dem Court, habe Spaß am Tennis", sagte Zverev.
In der kurzen Pause zwischen den Jahren suchte Zverev nach vielen gesundheitlichen Problemen Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, den langjährigen Mannschaftsarzt der Fußball-Nationalmannschaft und von Bayern München, auf. "Tatsächlich war ich zum ersten Mal in meinem Leben bei Dr. Müller-Wohlfahrt. Der hat mir 77 Spritzen hinten reingesteckt und die haben offensichtlich geholfen", sagte Zverev, der zuletzt vor allem über Rückenbeschwerden geklagt hatte.
Auch Kerber unterstützt
Gegen Tien verwandelte Zverev nach 3:11 Stunden seinen vierten Matchball und ließ sich danach von den Zuschauern feiern. Auf der Tribüne jubelte auch Kerber mit. Kerber hatte 2016 in Melbourne ihren ersten von insgesamt drei Grand-Slam-Titeln gefeiert und ist zehn Jahre danach zurück am Yarra River. Die heute 38-Jährige glaubt nach wie vor daran, dass auch Zverev noch einmal bei einem Grand-Slam-Turnier triumphiert.
"Ich mache mir um Alexander gar keine Sorgen. Ich weiß, dass er irgendwann ein Grand-Slam-Turnier gewinnen wird", hatte Kerber vor dem Viertelfinale gegen Tien gesagt. "Dafür trainiert er zu hart und gibt alles dafür. Das wird sich irgendwann auszahlen."
Hitze draußen, gute Bedingungen drinnen
Zverev zeigte in der Rod Laver Arena von Beginn an eine hochkonzentrierte Leistung. Während draußen die Temperaturen auf bis zu 45 Grad kletterten und die Menschen in Melbourne jeden nur möglichen Schattenplatz aufsuchten, fand das Duell mit Tien in der klimatisierten Arena unter geschlossenem Dach bei angenehmen Bedingungen statt. Zverev hatte zwar im Vorfeld gesagt, mit der Hitze kein Problem zu haben, dennoch dürfte auch er froh gewesen sein, dass das Dach bereits zu Beginn seines Viertelfinales geschlossen war.
Gegen Tien konnte sich Zverev von Beginn an auf seinen guten Aufschlag verlassen. "Ohne die Asse wäre es schwer geworden", räumte Zverev ein. Insgesamt schlug er 24 Asse. Nach nur 36 Minuten holte er sich den ersten Satz. Zverev hatte auch danach zunächst alles im Griff. Doch ab Mitte des zweiten Durchgangs wurde der vom früheren French-Open-Champion Michael Chang trainierte Tien stärker und brachte Zverev mehr und mehr in Bedrängnis.
Zverev bleibt trotz Satzverlust ruhig
Zverev blieb aber auch in den engen Situationen ruhig, bis ihm im Tiebreak des zweiten Satzes eine folgenschwere Unkonzentriertheit unterlief. Einen einfachen Volley spielte er statt in die freie Spielhälfte genau in den Lauf von Tien, der mit einem schönen Passierball den Punkt machte. Statt Satzball Zverev hieße es Satzball Tien - und kurz darauf schaffte der Amerikaner den Satzausgleich. Das Publikum in der Rod Laver Arena jubelte, Tien animierte es mit gehobener Hand dazu, noch lauter zu werden. Die Partie drohte zu kippen.
Doch Zverev blieb cool, schob sein Niveau wieder auf ein höheres Level und nahm Tien schnell den Aufschlag ab. In nur 28 Minuten holte er sich den dritten Satz und hatte die Begegnung nun wieder im Griff.
Doch Tien kämpfte wie einst sein Trainer Chang um jeden Ball. Beim Stand von 5:6 musste Zverev sogar einen Satzball des jungen Amerikaners abwehren und rettete sich in die Tiebreak. Dort zog er schnell auf 6:0 davon und machte das Weiterkommen im vierten Versuch perfekt.
Alexander Zverev steht bei den Australian Open im Halbfinale.
Angelique Kerber (3.v.l) bejubelte den Halbfinaleinzug von Alexander Zverev in der Arena.