André Rieu-Konzert in Stuttgart

Der Walzerkönig überzeugt auch im Disco-Fach

Ein Stier jagt eine Zuschauerin durch die Halle, Aufbauhelfer bekommen tosenden Applaus und André Rieu fragt sich, warum die Zuschauer sich verspäten. Kurzum: Der erfolgreiche Geiger begeistert sein Stuttgarter Publikum.

André Rieu: Ein Maestro der Unterhaltung.

© IMAGO/Bildagentur Monn/Ervin Monn

André Rieu: Ein Maestro der Unterhaltung.

Von Dominika Bulwicka-Walz

Langweilig wird es bei André Rieu nicht. Als die ersten beiden Stücke von seinem Johann Strauss Orchester bereits gespielt waren, André Rieu das Stuttgarter Publikum als das „beste der Welt“ begrüßt hat und gerade die Platin Tenöre mit „Granada“ ankündigen will, kommen immer noch Gäste an. „Sie sind zu spät“, merkt der Walzerkönig vorwurfsvoll an. Nein, ernst meint er das nicht. Seine hochgezogene Augenbraue verrät ihn. André Rieu ist eben durch und durch Entertainer.

Sein Konzert am Mittwochabend in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart ist eine Melange aus Konzert, Unterhaltung, Musical, Rummel, Komödie – eben allem, was Freude bereitet und für gute Laune sorgt. Als „Circus Renz“ erklingt, wartet man beinahe auf die Clowns, die gleich kommen müssten. In dem Augenblick, als die Platin Tenöre „Nessun Dorma“ aus Puccinis „Turandot“ anstimmen, geht ein begeistertes Raunen durch die Reihen. Ein freudiges „Oh“ von allen Seiten ist zu hören, als Anna Majchrzak mit „Think of Me“ aus dem Musical „Phantom der Oper“ angekündigt wird.

Applaus für Mitarbeiter von André Rieu

Das Publikum, rund 10 000 Zuschauerinnen und Zuschauer sind anwesend, dankt den Künstlerinnen und Künstlern wiederholt mit Applaus, Bravo-Rufen, Jubel und sogar Standing Ovations. Aber André Rieu nimmt den Applaus nicht nur gerne an, er tritt auch immer wieder in den Hintergrund.

Als es darum geht, sich bei den am Konzert Beteiligten zu bedanken, denkt Rieu nicht nur an sein Orchester. Nein, er erwähnt explizit auch die Licht- und Tontechniker, die Bühnenbauer, die Lastwagenfahrer. „Die Leute bekommen nie Applaus. Geben Sie ihnen den größten Applaus, den Stuttgart je gesehen hat!“ Sie bekommen ihn. Und als vier Aufbauhelfer Instrumente wegtragen, bekommen sie ebenfalls einen so lauten Applaus, dass sie sich automatisch vor dem Publikum verbeugen.

 

 

André-Rieu-Momente in Stuttgart

Ein besonders bewegender Moment an dem Abend ist der Auftritt von Emma Kok. Die 15-jährige Niederländerin gewann in ihrer Heimat 2021 die zehnte Staffel von The Voice Kids. Allerdings leidet Emma an einer unheilbaren Krankheit. „Sie hat einen Traum. Sie will Sängerin werden“, sagt André Rieu und bietet ihr eine Bühne. Emma singt mit einer so kräftigen Stimme, wie man sie von dem zarten Mädchen nicht erwarten würde. Erst den französischen ESC-Titel „Voilà“ und anschließend Nicoles Hit „Ein bisschen Frieden“. Ein Lied, das aktueller kaum sein könnte. Im Verlauf des deutschen Chansons gesellen sich die Solistinnen und die Platin Tenöre zu der jungen Künstlerin und stimmen mit ein, ebenso tut es das Publikum.

Die ukrainische Sängerin Anna Reker singt „Nitsch Jaka“, ein Volkslied aus ihrer Heimat. Sie trägt ein Kleid, das sich stark von den Ballroben der anderen Musikerinnen unterscheidet und an eine Tracht aus ihrer Heimat erinnert. Stimme und Präsenz der Solistin füllen die Halle.

 

 

Ein Stier in der Halle

„Haben Sie Angst vor Stieren?“, fragt Rieu als er „España Cañí“ anmoderiert, die Musik, die in Spanien vor Stierkämpfen gespielt wird. Er beruhigt gleich, die müsse man nur haben, wenn man ganz viel Rot trägt. Dummerweise ist eine der Zuschauerinnen ganz in Rot gekleidet. Sie erscheint auf der großen Leinwand, wirkt verlegen. Und dann taucht auch tatsächlich ein Stier auf. Gut, es sind zwei verkleidete Ensemblemitglieder. Die Frau läuft weg, der Stier hinterher. Auflösung: Es ist Dorona Alberti, die am Schluss noch einen sensationellen Auftritt hinlegen wird.

Doch wo bleibt der Walzer, für den der Maestro weltweit bekannt ist? Erst gegen Ende spielt Rieu „An der schönen blauen Donau“ und wie bei allen seinen Konzerten tanzen auch in Stuttgart Paare durch die Gänge im Dreiviertel Takt.

Zeit, sich zu verabschieden

Es entbrennt ein Wortgefecht zwischen Rieu und dem Publikum. Sie wollen ihn nicht gehen lassen. Vergeblich versucht er sich zu verabschieden, redet dem Publikum ein, es sei müde. Die Antwort ist immer wieder „Nein!“.

Plötzlich knallen auf der Bühne Sektkorken, Gläser werden gefüllt, Celli scheinen umzufallen, einer reißt dem anderen die Sektflasche aus der Hand und die Szenerie verwandelt sich schlagartig in eine Operette. Na klar, die Zugabe hatte er eingeplant. Nicht nur Luftballons fallen nun auch von der Decke, ein Boogie Woogie und Elvis Presleys „Can’t Help Falling in Love“ folgen. Und dann, als man glaubt, es kann nichts mehr kommen, kündigt er eine Frau an, die eine Stimme hat „wie eine Kathedrale“. Die Solistin Dorona Alberti betritt in einem feuerroten Kleid die Bühne. Die vom Stier gejagte „Zuschauerin“ singt derart energiegeladen Gloria Gaynors Disco-Evergreen „I Will Survive“, dass sogar der Maestro mit seiner Geige in der Hand mit hüpft. Nach zahlreichen Zugaben und „Adieu mein kleiner Gardeoffizier“ ist tatsächlich Schluss.

Und wenn es etwas gibt, was zu bemängeln wäre, dann dass der Ton in der Halle zu laut eingestellt war und die Musik dadurch stellenweise verzerrte. Ansonsten lässt sich sagen: So harmonisch und unterhaltsam könnte eine Truppe nicht auftreten, wenn sie nicht zusammen passen würde. Nein, langweilig war es bei André Rieu nicht.

 

 

Setlist und Solos

Platin Tenöre:

Solistinnen:

Special guest:

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Erstellt:
25. Januar 2024, 15:56 Uhr
Aktualisiert:
25. Januar 2024, 16:07 Uhr

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