Buchtipp: Lucia Zamolo „Und dann noch...“

Wenn die Nervenzellen die Koffer packen

Lucia Zamolo zeichnet in einem Mix aus Comic und Autobiografie gegen den Stress an. „Und dann noch… das andere Bein anheben“ heißt ihre neue Graphic Novel.

Lucia Zamolo zeichnet auf, wie das Gehirn unter zu viel Stress leidet.

© Bohem Press/Lucia Zamolo

Lucia Zamolo zeichnet auf, wie das Gehirn unter zu viel Stress leidet.

Von Andrea Kachelrieß

Gute Vorsätze gehören zum neuen Jahr wie Feuerwerk und Sekt; leider sind sie oft fast genauso schnell verpufft. Wer sich vorgenommen hat, sein Leben entspannter anzugehen, kann sich von Lucia Zamolo Hilfestellung geben lassen. Die Buchkünstlerin wäre gern so fluffig drauf wie die Vögel vor ihrem Fenster und hat auf dem Weg dahin ein Anti-Stress-Buch produziert.

„Das Leben wäre so einfach“, notiert die mehrfach preisgekrönte Graphic-Novel-Artistin darin. „Und ich sitze hier und habe doch alles, aber fühle mich manchmal, z. B. heute, so gestresst, als ginge es um Leben & Tod.“ Wer kennt ihn nicht, den alles mitreißenden Gedankenstrom aus Terminen, Deadlines, Produktionsdruck und To-Do-Listen, dem man so schwer entkommt. Stress hat jeder genug. Jetzt noch ein Buch darüber lesen?

Auch beim Stress ist das Private politisch

Die Bedenken zerstreuen sich gleich beim Blick auf die ersten Seiten von „Und dann noch… das andere Bein anheben“. Wie in ihren anderen gezeichneten Büchern gelingt Lucia Zamolo eine kurzweilige Mischung aus Autobiografie und Comic, die den Schritt vom Privaten ins Politische nicht scheut. „Du kannst so viel Ballast von einem beladenen Boot über Bord werfen, wie du willst – wenn das Wasser nicht tief genug ist, schwimmt es nicht“, lautet eine der Erkenntnisse. Dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei, ist eine der liberalen Illusionen, die Lucia Zamolo beherzt über Bord kippt. Sich von dieser Haltung zu distanzieren, empfiehlt sie, „kann schon eine Menge Druck nehmen“.

Zamolo ist eine Optimistin, die auf die Lernbereitschaft der Menschen setzt. Ja, auch Leistungsgesellschaft kann umgedacht werden. Bis es so weit ist, hilft die Zeichnerin mit einer kompakten Phänomenologie des Stresses weiter und gibt Tipps im Umgang mit ihm. Evolutionstechnisch hat Stress ja auch etwas Gutes; schließlich rettete er den Steinzeitmenschen vor Wollnashorn und ähnlich Gefährlichem.

Schlecht ist heute, wie Lucia Zamolo in schönem Rosarot aufmalt, dass die Pausen zwischen den Stressreizen zu kurz sind, um aufs Normallevel zurückzukommen. „Das wird mir jetzt alles zu viel. Ich geh!“, sagt das genervte Wesen, das die Zeichnerin mit gepacktem Koffer aus dem Bild spazieren lässt. Bei Dauerstress, rufen fette Großbuchstaben, „bilden sich sogar Nervenzellen zurück“.

Atemübungen als Anti-Stress-Akut-Hilfe

Durch die für sie typische Gestaltung, die auf handschriftliche Notizen setzt und diese mit augenzwinkernden Zeichnungen kommentiert, erhöht Lucia Zamolo die Aufmerksamkeit bei der Lektüre. So schaffen die dynamisch rhythmisierten Seiten eine Distanz zum Gelesenen, die bestens zum Thema passt. Das Einnehmen eines anderen Standpunkts kann auch bei Stress dabei helfen, die eigene Lage besser zu verstehen.

Stressexperten wie Lennart Levi zitiert Lucia Zamolo mit markanten Gedanken, mit Atem- und Achtsamkeitsübungen gibt sie erste Hilfe. Ihre Quintessenz: „Solange du deine Zeit selbstbestimmt verbringst, ist sie erholsam. Auch Freizeit kann stressen, wenn sie aussieht wie eine To-Do-Liste.“ Da die 1991 geborene Autorin einfühlsam den Erwartungsdruck kommentiert, der sie von der Grundschule an begleitete, empfiehlt sich ihr Buch als Geschenk für alle Abiturienten. Zamolo, die ihr erstes Studium abgebrochen hat, macht Mut: ein Lebensweg muss nicht gerade sein, aber Entscheidungen sollten ohne Druck getroffen werden.

Info

Buch Lucia Zamolo: „Und dann noch... das andere Bein anheben“. Verlag Bohem Press. 108 Seiten. 18 Euro. Ab 13 Jahren

Künstlerin1991 in Münster geboren, studierte Lucia Zamolo Design mit den Schwerpunkten Illustration und Kommunikation sowie Englische Philologie und Bildungswissenschaften. Sie arbeitet als freie Grafikerin. Für ihr Menstruationsbuch „Rot ist doch schön“ erhielt sie 2019 den Serafina-Preis für Nachwuchsillustrator:innen. Ihr Liebeskummer-Buch „Elefant auf der Brust“ ist unter den 25 schönsten deutschen Büchern 2021. Mit „Jeden Tag Spaghetti“ war sie 2023 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

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Erstellt:
9. Januar 2024, 14:22 Uhr

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