Als Nazitäter nicht verurteilt wurden

Was ist Auschwitz? Nicht alle Jugendlichen wissen das. Um zu erinnern, arbeiten das Haus der Geschichte und eine Stuttgarter Schule zusammen. Besonders engagiert sind die Jugendlichen, wenn es um Parallelen zur Gegenwart geht – und um ihre eigene Angst davor.

Als Teil der Zusammenarbeit führt Natalia Kot (vorne) Schülerinnen und Schüler der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule durch die Ausstellung „Gestapo vor Gericht“ im Hotel Silber. Als Teil der Zusammenarbeit führt Natalia Kot (vorne) Schülerinnen und Schüler der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule durch die Ausstellung „Gestapo vor Gericht“ im Hotel Silber.

© Lichtgut/ Leif Piechowski

Als Teil der Zusammenarbeit führt Natalia Kot (vorne) Schülerinnen und Schüler der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule durch die Ausstellung „Gestapo vor Gericht“ im Hotel Silber. Als Teil der Zusammenarbeit führt Natalia Kot (vorne) Schülerinnen und Schüler der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule durch die Ausstellung „Gestapo vor Gericht“ im Hotel Silber.

Von Jana Gäng

Stuttgart - „Wissen alle, was Auschwitz ist?“, fragt Natalia Kot die Jugendlichen. Auf dem Weg durch die Ausstellung „Gestapo vor Gericht“ im Hotel Silber, einst Zentrale der württembergischen Gestapo, hat die Gruppe vor dem Porträt Wilhelm Bogers angehalten. Boger war Stuttgarter, Gestapo-Mann und wegen seiner Foltermethoden bekannt als „Bestie von Auschwitz“. „Ich weiß das nicht“, sagt einer der Schüler der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule zögerlich – sein Nebenmann erklärt.

Viele Jugendliche bringen heute wenig Vorwissen zum Nationalsozialismus mit, findet der Lehrer Martin Gansen. Wie also die Erinnerungskultur für eine neue Generation nicht zu Phrasen verkommen lassen?

In Erinnerungsorten können Jugendliche einen solchen Zugang zur Geschichte finden, sagt Martin Gansen. Also hat der Lehrer eine Zusammenarbeit initiiert. Im Hotel Silber arbeiten die Cotta-Berufsschule und das Haus der Geschichte Baden-Württemberg nun zusammen – in lokalhistorischen Spurensuchen, Führungen und dabei, eigene Vorhaben der Jugendlichen umzusetzen.

Ein solches Vorhaben lässt sich auf den Tablets ansehen, die im Hotel Silber ausliegen: Zwei der Schüler haben Gerhard Wiese in Frankfurt getroffen. Wiese war Ankläger im Auschwitz-Prozess im Jahr 1963. Er war es, der die Anklageschrift gegen Wilhelm Boger schrieb. Eine Aufzeichnung des Gesprächs ist ein Ergebnis des ersten Projekts, das in der Kooperation entstand.

Mehrere Monate lang haben sich die Jugendlichen mit den Prozessen gegen NS-Täter auseinandergesetzt. Wortgewaltig hält Ankläger Wiese fest, warum diese Verfahren so wichtig waren und sind: Noch heute gebe es Menschen, die den Holocaust leugneten, „aber mit dem Urteil war festgestellt, was damals in Auschwitz geschehen ist. Und daran konnte auch keiner mehr rütteln“.

Wilhelm Bogers Urteil lautete lebenslange Haft. Viele Täter aber wurden nie vor einem Gericht belangt, andere wurden freigesprochen, erzählt Kot – etwa, weil sie sich auf eine Gefahr für das eigene Leben beriefen, die jedoch für kaum einen bei einem verweigerten Befehl drohte. „Ich wusste vorher nicht, dass so viele Naziverbrecher keine Strafe bekommen haben. Das ist schon schwer zu verstehen“, sagt der 17-jährige Hamsah Helmy. Abstrakte wie Recht und Gerechtigkeit voneinander zu trennen, Konstanten zu erkennen und Geschehenes doch historisch zu verorten – es ist ein anspruchsvolles Projekt. Um die Vergangenheit näher zu holen, nutzt Natalia Kot vom Haus der Geschichte auch lokale Bezüge: „Als es um die Adresse eines jüdischen Deutschen in Stuttgart ging, sagte eine Schülerin: In der Straße wohnt auch meine Oma. Und auf einmal war das Unrecht nicht mehr irgendwo in Auschwitz, sondern vor der eigenen Haustür passiert“, erzählt Natalia Kot.

Und Kot erforschte mit der Klasse Biografien, die der anonymen Monstrosität Gestapo Gesichter geben – Gesichter wie das Bogers. „Boger lebte nach dem Krieg unbehelligt hier in der Region“, sagt Kot bei der Führung. „Erst 1958 wurde er bei der Arbeit in Zuffenhausen verhaftet. Und dann kam er hier in dieses Gebäude.“ Kot zeigt Fotografien, die einen lächelnden Boger im Profil und frontal zeigen – Polizeifotos, aufgenommen in der Zeit, als das Hotel Silber Sitz der Kriminalpolizei war. „Alter“, rutscht einem der Jugendlichen raus.

In der Vergangenheit bleibt das Projekt nicht stehen. „Wir möchten historische Themen in die Gegenwart holen“, sagt Paula Lutum-Lenger, die Direktorin des Hauses der Geschichte. Es gehe um Antworten auf die Frage: „Was hat das mit mir zu tun?“

Einiges, lautet die Antwort des 18-jährigen Marko Tereshchuk. Er ist vor dem Krieg in der Ukraine geflohen. Mehrere Schüler im Projekt sind Ukrainer – auch deshalb ist der russische Angriffskrieg eine der Linsen, durch die die Schülerinnen und Schüler auf die Gerichtsprozesse blicken. Daran, dass die Ukraine bereits während des Kriegs Beweise für russische Kriegsverbrechen sammle, erkennen Schüler die Bedeutung von Verfahren, sagt Kot.

Dass von den NS-Tätern so wenige verurteilt wurden, nehme ihm nicht die Hoffnung, sagt Marko Tereshchuk: „Heute haben wir bessere Technologien. Wir haben Videos, um Schuld zu beweisen. Damit wird ein Gericht für Gerechtigkeit sorgen.“ Auch für ihr eigenes Verhalten wollen die Schüler aus dem Projekt etwas mitnehmen: Aufgeklärt zu sein und es zu verhindern wissen, falls Jugendliche in eine vergleichbare Situation kommen – darin sieht die 19-jährige Jule Breuninger die heutige Bedeutung der NS-Prozesse. Es ist nur eine der schwierigen Fragen, der sich die Jugendlichen in Video-Gesprächen stellen, zu sehen am Ende der Ausstellung.

Dass ein moralischer Kompass nötig ist, deutet Schulleiterin Birgit Jaeger-Gollwitzer an: Von „fürchterlichen Tendenzen“ in der Gegenwart spricht sie. Ihre Schüler werden konkreter: „Ich glaube, das Aktuellste sind die aufgedeckten Pläne von Rechtsextremisten, Menschen mit Migrationshintergrund zu vertreiben“, sagt Breuninger.

„Für uns Deutsche mit Migrationshintergrund ist das ein großes Thema“, sagt auch der 18-jährige Thaid Keserovic. Man rede zu Hause darüber, was zu tun sei, wenn Rechtsextremisten an die Macht kämen: auswandern oder bleiben. Noch kann er sich Extremisten nicht in der Regierung vorstellen: „Vieles ist jetzt anders. Aber damals haben wahrscheinlich auch viele Menschen anfangs nicht geglaubt, dass das alles realistisch ist, was später passierte.“

Man versuche den Jugendlichen zu vermitteln, dass Geschichte sich nicht eins-zu-eins wiederholen werde, sagt Natalia Kot. Dass Politik, Gesellschaft und Rechtsprechung sich verändert haben: „Keine unangemessenen Vergleiche. Aber wir blicken auch auf menschliches Verhalten, das überzeitlich ist: Ich halte lieber den Kopf unten. Ich bin nicht verantwortlich.“

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Erstellt:
26. Januar 2024, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
27. Januar 2024, 20:06 Uhr

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