Baufirma will Stadt Stuttgart wachrütteln

Der Hauptsponsor der IBA’27, das Stuttgarter Bauunternehmen Wolff & Müller, zieht sich spektakulär zurück – und übt massive Kritik am fehlenden Engagement der Landeshauptstadt für das Event. Die Stadt wehrt sich gegen die Vorwürfe, steht jedoch im Gemeinderat unter Druck.

Das Züblin-Parkhaus ist eines der IBA-Projekte in der Innenstadt. Für Zwischennutzungen wurde das Dach des Züblin-Parkhauses schon einmal umfunktioniert. Aber wie geht es weiter?

© Lichtgut/Iannone/Ferdinando Iannone

Das Züblin-Parkhaus ist eines der IBA-Projekte in der Innenstadt. Für Zwischennutzungen wurde das Dach des Züblin-Parkhauses schon einmal umfunktioniert. Aber wie geht es weiter?

Von Andreas Geldner

Stuttgart - Die Internationale Bauausstellung (IBA’27) in Stuttgart verliert einen ihrer Hauptsponsoren. Das Stuttgarter Bauunternehmen Wolff & Müller erklärte nun seinen Rückzug. Das in Stuttgart beheimatete Unternehmen war im April 2021 nach eigenen Angaben der erste Hauptförderer aus der Wirtschaft. Man will nun zum Jahresende aussteigen.

Dies sei kein Zeichen gegen die IBA, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Albert Dürr in einer Stellungnahme auf dem Portal Linked-In: „Wir glauben weiter an die große Strahlkraft, die eine Internationale Bauausstellung entfalten kann. Dafür braucht es jedoch mehr Engagement – und das vor allem auch von der Stadt Stuttgart, die eine zentrale Führungsverantwortung für die IBA hat.“

Er würdigt ausdrücklich die Verantwortlichen der IBA, die zu Recht einen hohen Anspruch an ihre Projekte hätten. Das Bauunternehmen sieht dies als Weckruf, weil die IBA-Vorhaben in der aktuellen Baukrise sowieso mit Gegenwind zu kämpfen hätten. Dürr sieht vor allem die Stadt Stuttgart in der Pflicht: „Sollte sich das Engagement deutlich verstärken, ist Wolff & Müller gerne bereit, die Förderung wieder aufzunehmen.“

Die Vorwürfe weist die Stadt energisch zurück. Schon finanziell leiste man mit jährlich 1,2 Millionen Euro einen relevanten Beitrag. Acht der 23 IBA-Projekte fänden im Übrigen in der Landeshauptstadt statt. Die Entscheidung von Wolff & Müller sei nicht nur bedauerlich, sondern sogar kontraproduktiv. Man könne „nicht nachvollziehen, wie Rückhalt aus einem Rückzug entstehen soll“.

Die Rolle der Stadt im Rahmen der Bauausstellung steht schon länger in der Kritik. Zwar gibt es einige erfolgreiche IBA-Projekte etwa in Stuttgart-Zuffenhausen oder Stuttgart-Untertürkheim. Aber hier ist nicht die Stadt am Zug, sondern sie werden von Baugenossenschaften vorangetrieben. Vorhaben, bei denen die Stadt direkt Verantwortung trägt, wie die Umgestaltung des Züblin-Parkhauses im Leonhardsviertel kommen nur schleppend voran. Wolff & Müller bemängelt bürokratische Hürden und eine fehlende Vision. Es fehle etwa ein städtebaulicher Masterplan von der Innenstadt über den Bahnhof bis nach Bad Cannstatt.

Heftige Debatten hat der angekündigte Rückzug der Baufirma auch im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik am Dienstag ausgelöst. Als „hochgradig peinlich“ bezeichnete Hannes Rockenbauch vom Linksbündnis im Gemeinderat das bisherige Erscheinungsbild der Stadt.

Entbrannt war der Streit an der Vorlage über die geplante Verlängerung des Pachtvertrags des Züblin-Parkhauses über ein weiteres halbes Jahr. Das als IBA-Projekt deklarierte Areal soll von einem Investor als neue Mitte der Leonhardsvorstadt entwickelt werden. Bereits vor mehr als einem Jahr habe der Gemeinderat Beschlüsse für eine Ausschreibung gefasst, „geschehen ist aber bislang nichts“, sagte Rockenbauch. Gar vom „Tod der IBA in Stuttgart“ sprach auch Armin Serwani (FDP), „zum Glück haben wir noch die Region“.

Kritik setzte es von allen Fraktionen vor allem auch an den bürokratischen Hürden. „Man muss, vor allem wenn so viele Projekte auf engstem Raum zusammenliegen, die Planung als Gesamtpaket betrachten“, forderte Lucia Schanbacher (SPD). Zur Not müsse man den Präsentationstermin „um ein oder auch zwei Jahre nach hinten schieben“, sagten Michael Schrade (Freie Wähler) und Michael Mayer (AfD).

Davon will Baubürgermeister Pätzold jedoch nichts wissen. Trotz Kritik schreite auch das wichtige Projekt auf dem Züblin-Areal mit der Ausschreibung im kommenden Jahr zügig voran. Und nicht zuletzt liefen Gespräche, um das wegen hoher Baukosten gestoppte Projekt des Neuen Stöckach im Stuttgarter Osten in Teilen realisieren zu können.

Die kaufmännische Geschäftsführerin der IBA, Karin Lang, bedauert den Ausstieg des Sponsors. Es gebe acht laufende Projekte in Stuttgart und weitere 15 in den Landkreisen. Trotz der Baukrise könnten im Ausstellungsjahr 2027 wohl mindestens 20 Vorhaben ganz oder teilweise fertig sein. „Aber natürlich sind wir uns alle einig, dass die Planungs- und Bauprozesse in Deutschland und in der Region Stuttgart schlanker und effizienter werden müssen“, sagte Lang. Es brauche dafür aber einen Schulterschluss aller Beteiligter: „Und darüber bleiben wir auch mit Wolff & Müller im Austausch.“

Die Entscheidung des Bauunternehmens sei überraschend, sagt Bernd Münchinger, Sprecher des Verbands der Immobilienwirtschaft Stuttgart (IWS): „Aber wir verstehen, dass man da einen Weckruf loslassen wollte.“ Stuttgart sei ein Schwachpunkt. Münchinger will die Leitung der IBA nicht von der Kritik ausnehmen. Man habe versäumt, der Bauausstellung ein klares Profil zu geben: „Es fehlt der große Wurf.“

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Erstellt:
28. November 2023, 22:04 Uhr
Aktualisiert:
29. November 2023, 21:44 Uhr

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