Das große Versprechen

Seit fast einem Jahr trainiert Jürgen Klinsmann die Nationalmannschaft von Südkorea. Bisher hat der deutsche Weltmeister eher wenig gewonnen, dafür aber ein großes Ziel ausgerufen: Bei der am Freitag startenden Asienmeisterschaft will er den Titel holen.

Von Felix Lill

Seoul - Wer Jürgen Klinsmann dieser Tage reden hört, müsste denken, er habe einen Lauf. „Wir sind bereit für die Reise nach Katar. Wir sind voller Energie. Wir haben viel Glauben“, sprudelte es aus dem 59-Jährigen heraus, als er mit seinem typisch strahlenden Gesicht zur nationalen Presse in Seoul sprach. Klinsmann und seine Spieler standen kurz vor der Abreise nach Abu Dhabi, wo sie ein Kurztrainingslager aufschlugen, um dann bei der Asienmeisterschaft anzugreifen. „Wir hoffen, dass wir Sie alle sehr, sehr glücklich machen können.“

Am Freitag beginnt in Katar das wichtigste Turnier im asiatischen Männerfußball. Klinsmann, der mit Deutschland 1990 Weltmeister als Spieler wurde sowie 2006 WM-Dritter als Bundestrainer, hat dafür ein stolzes Ziel ausgegeben: den Sieg. „Das ist unser Ziel“, verkündete Trainer Klinsmann bei der Pressekonferenz in Seoul einmal mehr. „Dafür arbeiten wir jeden Tag.“ Und er liegt absolut richtig in der Annahme, dass er im ostasiatischen 52-Millionen-Einwohner-Land mit dem Titel für Erlösung sorgen würde.

Denn im Fußball – einer der beliebtesten Sportarten in Südkorea – zählt das Land zwar zu den Großmächten Asiens. Aber die Asienmeisterschaft gewann es zuletzt 1960. Seit Jahren ist man sich in Südkorea einig: Es ist dringend Zeit, dass die Nationalelf endlich wieder Asiens Nummer eins wird.

Um dies zu erreichen, hat der koreanische Fußballverband vor einem knappen Jahr Jürgen Klinsmann geholt. Anfangs galt die Verpflichtung als Sensation, Zeitungen schwärmten von der „deutschen Ikone“. Doch seither hat sich Ernüchterung breitgemacht. Von den ersten fünf Spielen mit Klinsmann als Trainer konnte Südkoreas Auswahl kein einziges gewinnen, nicht einmal El Salvador wurde besiegt, gegen Peru gab es eine Niederlage. Die jüngsten sechs Spiele gewann Klinsmann dann allesamt – allerdings gegen nominell unterlegene Mannschaften wie Vietnam, Singapur, China oder den Irak. Wie gut sein Team wirklich ist, wird sich von Montag an zeigen, wenn Südkorea in seinem ersten Turnierspiel in Ar-Rayyan auf Bahrain trifft. Am 20. Januar folgt das zweite Gruppenspiel gegen Jordanien, am 25. Januar das dritte gegen Malaysia.

Klinsmann ist angezählt. Medien haben kaum inspirierte Auftritte seiner Auswahl kritisiert und dafür vor allem den Trainer ins Visier genommen. Der wiederum hat – wie man es von ihm als Spieler kannte und als Trainer kennt – emotional reagiert. „Du kannst alle vier Spiele am Anfang gewinnen, und es wird trotzdem noch Kritik geben, an der Art zu spielen, an der Art zu wechseln.“ Ihm mache das nichts aus, beteuerte Klinsmann im September, als schon über seine Entlassung spekuliert wurde.

An der Lage des südkoreanischen Fußballs generell liegt es jedenfalls kaum, dass die Nationalelf unter Klinsmann bisher nicht überzeugen konnte. In mehreren europäischen Topligen zählen Südkoreaner zu den Leistungsträgern: In der Bundesliga ist da Min-jae Kim, Verteidiger bei Bayern München. In der Premier League führt der Stürmer Heung-min Son Tottenham Hotspur an. Kang-in Lee gilt bei Paris Saint-Germain als Rohdiamant im Mittelfeld.

Im vergangenen Sommer holte Südkorea bei den Asian Games, einer Art Olympischer Spiele für Asien, Gold im Fußball. Dort war es allerdings die U 23, die antrat, angeführt von Woo-yeong Jeong, der zur aktuellen Saison vom SC Freiburg zum VfB Stuttgart wechselte. Der Erfolg bei den Asian Games – zumal im Finale gegen Südkoreas Erzrivalen, die einstige Kolonialmacht Japan – besänftigte die Menschen in Südkorea.

Nur gelang dieser Erfolg eben nicht Jürgen Klinsmann. Die U-23-Auswahl wurde betreut vom südkoreanischen Ex-Nationalspieler Sun-hong Hwang. Für Klinsmann ist die Fallhöhe damit noch etwas gewaltiger geworden. Denn jeder weiß: Die aktuelle Generation von Südkoreanern zählt tatsächlich zu dem Besten, was Asien zu bieten hat.

Wobei Klinsmann auch fernab des Sportlichen für Kritik gesorgt hat. Der koreanische Verband wünscht sich von seinen Trainern, dass diese auch im Land leben. Klinsmann hat sich über die ersten Monate seiner Tätigkeit viel im Ausland aufgehalten. Darauf angesprochen, reagierte er schnippisch: Dann werde er die Spieler, die in Europa spielen, eben nicht ansehen.

Mit Eskapaden als Trainer ist Klinsmann, der als Spieler oft „Sonnyboy“ genannt wurde, nicht erst in Südkorea aufgefallen. Bei seinem vorigen Job, bei Hertha BSC in der Bundesliga, kritisierte Klinsmann nach wenigen Monaten öffentlich die Vereinsführung, womit die Zusammenarbeit endete. In Südkorea, wo Werte wie Loyalität und Dankbarkeit als besonders wichtig gelten, würde so ein Verhalten wohl nicht nur zu einer Vertragsauflösung führen, sondern auch seinem Ruf im Land nachhaltig schaden.

Aber Jürgen Klinsmann, der bei der WM 1994 ein Traumtor gegen Südkorea schoss, an das man sich im ostasiatischen Land bis heute erinnert, scheint gelernt zu haben. Vor der Asienmeisterschaft hat er nicht etwa die Medien für ihre Kritik an ihm zurückkritisiert. Und wenn es dann doch nicht klappt mit dem Turniersieg? „Dann gibt es genug Zeit, den Trainer zu kritisieren oder zu feuern oder was immer ihr wollt“, so Klinsmann.

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Erstellt:
10. Januar 2024, 22:14 Uhr
Aktualisiert:
11. Januar 2024, 22:02 Uhr

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