Der neue Chef-Ausbilder

Seit November wird das Nachwuchsleistungszentrum des VfB von Stephan Hildebrandt geleitet. Öffentlich ist er bisher kaum in Erscheinung getreten.

Von Philipp Maisel

Stuttgart - Oft läuft es im Nachwuchssektor von Bundesligisten ähnlich wie im Profibereich. Wenn sich auf den Entscheiderpositionen Grundlegendes ändert, ist großer Bahnhof angesagt. Interviews werden gegeben, Videos gedreht, Fotos gemacht. Bei Stephan Hildebrandt verhält sich das anders. Der neue Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) des VfB Stuttgart bleibt lieber im Hintergrund.

Der 50-Jährige, der sich seine ersten Sporen Anfang der 1990er in Berlin im Nachwuchsbereich beim SV Empor und BFC Dynamo verdiente, hat im November seine Arbeit in Stuttgart aufgenommen. Davor war er zehn Jahre Leiter des NLZ beim Hamburger SV, war Sportlicher Leiter bei Energie Cottbus und zuletzt fünf Jahre lang Technischer Direktor der Aspire Academy in Katar. Dort war er vornehmlich für den Aufbau professioneller Strukturen zuständig.

Ausbildungsarbeit ist seine Passion. „Mich interessieren Entwicklungsthemen“, sagt Hildebrandt. „Im Nachwuchsbereich ist der Rhythmus ein anderer. Es gibt größere Gestaltungsspielräume, während es im Profifußball mehr darum geht, den Status quo zu optimieren.“ Für den VfB zu arbeiten, den er schon seit über eineinhalb Jahrzehnten verfolgt, empfindet er als Privileg. „Der Verantwortung, einen Ausbildungsstandort wie hier zu leiten, bin ich mir natürlich bewusst – ohne dass mich das negativ unter Druck setzen würde.“ Ohnehin hinge das Wohl und Wehe des Stuttgarter NLZ nicht von einer Person ab. „Wir bewegen ein riesiges Themenfeld. Das geht nur im Team“, sagt Hildebrandt.

In Stuttgart soll er die Arbeit von Thomas Krücken (wechselte zu Manchester City) fortführen. Keine einfache Aufgabe, schließlich hat sein Vorgänger in seinen vier Jahren beim VfB viel entwickelt. Hildebrandt ist sich dessen bewusst. In den ersten Wochen bis Jahresende hat er sich einen ausführlichen Überblick verschafft und gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden und Sportvorstand in Personalunion, Alexander Wehrle, Stellschrauben definiert, an die man nun in der ersten Jahreshälfte herangehen will. Auch mit Krücken hat er telefoniert.

Bei seinem neuen Team ist Hildebrandt auf viel Aufgeschlossenheit gestoßen. „Ich bin überrascht von der Offenheit und von der Bereitschaft, anzupacken und nicht Besitzstände zu wahren. Es macht großen Spaß hier und ich denke, wir haben ein Team, das gemeinsam viel erreichen will und wird.“

Seine Vorgehensweise erklärt der zweifache Familienvater wie folgt: „Was unser Leistungszentrum aktuell nicht braucht, ist eine konzeptionelle Neuorientierung. Dazu sind wir exzellent aufgestellt, was unser Personal und die Rahmenbedingungen unserer Ausbildungsarbeit angeht“, sagt Hildebrandt. Vielmehr sieht er sich als Sparringspartner für die neuen Kollegen: „Unsere eigenen Ambitionen sollten die unserer Spieler nicht dominieren.“ Es gehe weniger darum, „den Spieler zum Objekt unserer Ausbildungsziele zu machen, sondern den Talenten noch mehr zuzutrauen.“

Dieser zentrale Bereich der Ausbildungsarbeit beschäftigt ihn sehr. Der Club hat sich in den letzten Jahren ausführlich der spielerzentrierten Ausbildung gewidmet, mit dem sogenannten Potenzialtraining eine in der Branche viel beachtete Maßnahme entwickelt. Doch auch die gelte es zu überprüfen. „Wir brauchen da auch manchmal Mut zur Lücke. Nicht noch mehr monitorisieren, nicht noch mehr in die knappe verfügbare Zeit zu packen, die ein Spieler hat. Mehr Freiräume gewähren“, sagt Hildebrandt. „Unsere Spieler dürfen später nicht mit ihrem Latein am Ende sein, wenn die guten Ratschläge von außen aufhören. Das ist eines der Themen, welches uns in den kommenden Wochen beschäftigen wird.“

Ziel sei es, das Individuum wieder mehr in die Verantwortung zu nehmen. „Das Gefühl dafür, dass der Spieler selbst den größten Beitrag für den eigenen Erfolg leisten kann, müssen wir stärken“, so Hildebrandt weiter. Gelinge das, würden sich bald Ergebnisse zeigen. „Wir haben einige herausragende Talente beim VfB Stuttgart, Jungs, die ihren Weg machen werden. Davon bin ich fest überzeugt.“ Weitere Stellschrauben sind definiert. Es gelte, die Strahlkraft des Clubs zu nutzen, um den in der Region verlorenen Boden wieder gutzumachen. Hierfür will man das Scouting, die Zusammenarbeit mit den Satellitenclubs, generell die regionale Verzahnung stärken. Auch die VfB-Fußballschule soll eine noch stärkere Rolle spielen. Viel zu tun also für den neuen Mann, der aktuell noch im Hotel wohnt und fast rund um die Uhr arbeitet. Erst im kommenden Sommer will er seine Familie nachholen, um sich dann wirklich in Stuttgart niederzulassen.

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Erstellt:
17. Januar 2024, 22:26 Uhr
Aktualisiert:
18. Januar 2024, 22:03 Uhr

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