Speerwerferin Christina Obergföll

Die Spuren des Speers

Die Weltmeisterin Christina Obergföll ist in einer Kleinstadt in der Ortenau aufgewachsen. Ihr Heimatort Mahlberg hat der Leichtathletin immer Kraft gegeben.

Christina Obergföll arbeitet heute   als Sport- und Gesundheitsbotschafterin  bei einer großen deutschen Krankenkasse.

© dpa/Bernd Weißbrod

Christina Obergföll arbeitet heute als Sport- und Gesundheitsbotschafterin bei einer großen deutschen Krankenkasse.

Von Marco Seliger

Mit Höhenflügen ist man vertraut hier in Mahlberg. Von dem Stauferstädtchen in der Ortenau aus hat man einen grandiosen Weitblick bis zu den Achterbahnen des Europa-Parks. Christina Obergföll, 42, war schon lange nicht mehr bei ihrem ersten Leichtathletiktrainer daheim – und bewundert die Aussicht am großen Wohnzimmerfenster.

Steil und schnell, rasend und aufregend: So verlief, passend zu den Achterbahnen da unten, auch die Karriere der Speerwurf-Weltmeisterin. Nur so richtig steil nach unten ging es bei ihr nicht. Das unterscheidet ihren Weg von den auf- und absteigenden Vergnügungsgefährten in der Ebene.

Nach dem Ausblick bittet Ludwig Loerwald zu Tisch. 88 Jahre alt ist der Mann, der Christina Obergföll in der Heimat als erster Coach geprägt hat. Auf dem Esstisch liegen Fotos von damals, es gibt Gebäck und Wasser. „Christina“, sagt Loerwald, „hat als Kind und Jugendliche meistens alles gewonnen. Und wenn mal nicht, ging die Welt auch nicht unter.“ Der Ex-Trainer erntet sanften Widerspruch. „Na ja, grad so“, sagt Christina Obergföll und lacht. Ums Gewinnen und Verlieren wird es oft gehen an diesem Tag in Obergfölls Heimat.

Schon als Kind eine Persönlichkeit

Ihr Erfolgshunger entwickelt sich schon als Kind in Mahlberg. Oder besser: Er muss sich gar nicht so sehr entwickeln, weil er einfach zu ihr gehört. „Wir waren sehr früh leistungsorientiert“, sagt Ludwig Loerwald. „Christina wollte gewinnen – und ich auch.“ Und so gewannen sie, früh und oft.

Vom Kinderturnen geht es für Christina mit sechs Jahren in die Leichtathletik-Abteilung des TuS Mahlberg. Im klassischen Dreikampf aus Springen, Laufen und Werfen sticht sie in ihrer Mädchengruppe heraus – auch charakterlich. „Sie war eine Persönlichkeit“, sagt Ludwig Loerwald, „sie hatte nicht die Nase oben, sie führte die Gruppe einfach.“ Die anderen Mädels, so der Coach, hätten sich darauf verlassen: „Wenn Christina bei uns ist, geht es uns allen gut.“

Dort, wo einst alles anfing, wuchern jetzt Sträucher. In der Weitsprunggrube neben dem Mahlberger Sportplatz sucht man heute vergeblich die Spuren von Springern. Auf der Anlaufbahn von einst wächst Gras. Die Leichtathletiksparte des Heimatvereins gibt es seit 2004 nicht mehr. Was bleibt, sind Erinnerungen. „Dort“, sagt Christina Obergföll und zeigt auf das Haus hinter der Weitsprunggrube, „hat mein erster Freund gewohnt.“

Vor der ersten Liebe kommen in Mahlberg die ersten Speere ins Leben der Christina Obergföll. Spielerisch. Das Werfen klappt schon mit dem Schlagball gut. Dann funktionieren auch die ersten Versuche mit dem Speer. Doch mit ihren zwölf Jahren ist Christina noch keine Spezialistin, sondern eine Mehrkämpferin. Sie wird sogar badische Meisterin in ihrer Altersklasse.

Am Abend der Rückkehr steigt damals ein Dorfhock in Mahlberg. Schnell weiß jeder, dass ein Kind der Stadt die Beste in ganz Baden ist. Christina darf auf die Bühne, unten Klatschen Hunderter Menschen. Etliche Leute stecken ihr später zwei Mark zu, als eine Art spontane Siegprämie. „Und ich bin dann sogar mit Bericht und Foto in unserem Dorfblättle gestanden“, erzählt Christina Obergföll. Erfolge bringen Anerkennung, das spürt die junge Athletin damals zum ersten Mal – und es spornt sie enorm an. „Das hat etwas mit mir gemacht.“

2016 beendet sie ihre Karriere

Bald ist die junge Sportlerin auch mit dem Speer spitze. Sie wechselt 1996, noch als Mehrkämpferin, zur LG Offenburg. Ein Jahr später wird Christina Obergföll Zweite bei den deutschen Jugendmeisterschaften, ihr erster Speerwettkampf überhaupt. Von nun an führt der Weg mit dem Speer nach oben: Olympia-Zweite 2008 und 2012, Weltmeisterin und Sportlerin des Jahres 2013, insgesamt viermal deutsche Meisterin. Im Jahr 2016 beendet sie ihre Karriere.

Mahlbergs Bürgermeister Dietmar Benz schaut zwischen zwei Terminen am Sportplatz vorbei. Schwungvoll steigt er aus dem Auto. Benz ist seit 1994 im Amt, ein kerniger, hemdsärmeliger Schwarzwälder. „Christina“, sagt Benz, „ist das Aushängeschild unserer Stadt, wir alle sind stolz auf sie.“ Nach jedem großen Erfolg hat der Bürgermeister damals spontan eine große Ehrung veranstaltet. „Einmal“, erzählt er, „haben wir Christina mit einer Stretchlimousine aus Offenburg abgeholt und eine Triumphfahrt nach Mahlberg gemacht – unvergesslich!“

Eine Seitenstraße beim Sportplatz wurde 2013 nach der Weltmeisterin benannt. „Darüber mussten wir im Rathaus nicht lange reden – eigentlich gar nicht“, erzählt Bürgermeister Benz. Wenn man so will, gibt es in Mahlberg, das malerisch zwischen Schwarzwald und Rheinebene eingebettet ist, drei Wahrzeichen: das Schloss, das über dem Städtchen thront, die alte Burg und Christina Obergföll samt Straße.

So prahlerisch würden Evelin und Pirmin Obergföll nie über ihre Tochter sprechen. Aber klar, stolz sind die Eltern, die nach dem Empfang gleich an den liebevoll gedeckten Tisch bitten, natürlich schon. Mahlberg ist idyllisch. Hier, ein paar Steinwürfe vom Schloss entfernt, ist es noch idyllischer. Wohlbehütet wächst Christina auf. Und wohlbehütet liegt heute der satte Medaillensatz ihrer Karriere im alten Kinderzimmer.

Auf dem Weg zu späteren Triumphen hat Pirmin Obergföll seiner Tochter neben all der Unterstützung auch immer eines mit auf den Weg gegeben: Verlieren gehört dazu im Sport. Oder, wie er es selbst beim zweiten Kaffee sagt: „Wenn es mal nicht läuft, dann läuft es halt mal nicht.“ Dass der Drang nach Erfolg eine innere Gelassenheit dem Verlieren gegenüber nicht ausschließt, ist eine der wichtigsten Botschaften, die Christina Obergföll aus ihrem Elternhaus mitnimmt.

Am schönsten ist Feiern in der Heimat

Der Vater muss es ja wissen, als Kind der Region spielte er hier lange Fußball und war später Trainer. Noch heute, mit 70, kickt er bei den Alten Herren jeden Freitagabend dort, wo für Christina einst alles anfing: auf dem Sportplatz des TuS Mahlberg.

In der Heimat schließen sich die Kreise. Christina Obergföll wollte nie weg. Noch heute lebt sie mit ihrem Mann Boris, der früher ein Weltklasse-Speerwerfer war, und den beiden Söhnen in der Region. Irgendwann wurde Boris Henry der Trainer von Christina. Später wurde er dann ihr Mann – und heißt seitdem Boris Obergföll.

Die Heimat – was ist das also, und was gibt sie Christina Obergföll? „Es ist alles sehr prägend für mich“, sagt sie. „Die Menschen hier sind von ihrem Schlag her sehr offen und herzlich.“ Woanders, so Obergföll weiter, hätte sie zum Beispiel niemals so eine Wertschätzung bekommen wie daheim in Mahlberg: „Da hätte es sicher auch mal Ehrungen gegeben, aber nicht so wie hier. Die Leute kennen mich, ich kenne die Leute, das ist einfach ein riesiger Wohlfühlfaktor.“

Beruflich tourt Christina Obergföll seit zehn Jahren als Sport- und Gesundheitsbotschafterin einer großen deutschen Krankenkasse durchs Land. „Ich mag es noch immer, wie früher als Athletin die Koffer zu packen und unterwegs zu sein“, sagt sie. Noch schöner war und ist dann aber das Heimkommen.

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Erstellt:
9. Januar 2024, 17:54 Uhr

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