Französisches Flair geht im Lehenviertel verloren

Die Liststraße im Stuttgarter Süden ist um ein Geschäft ärmer: Das La Maison Wohnen neben dem Café List im Lehenviertel hat seit Jahresbeginn geschlossen.

Pierre-Olivier Baron Languet hat seinen Eiffelturm inzwischen eingemottet. Seine französischen Klassiker will er auch nach der Schließung vertreiben.

© Georg Friedel

Pierre-Olivier Baron Languet hat seinen Eiffelturm inzwischen eingemottet. Seine französischen Klassiker will er auch nach der Schließung vertreiben.

Von Georg Friedel

Stuttgart - Wer früher durch die Liststraße in Stuttgart-Süd geschlendert ist, dem kam die Atmosphäre zwischen dem Café List und der Galerie Uno Art Space für schwäbische Verhältnisse „très parisien“, also sehr pariserisch vor. Der gerade mal knapp zwei Meter kleine Bonsai-Eiffelturm dort war auf alle Fälle ein Hingucker.

Meist stand dieses nachgebildete Miniatur-Modell des weitaus imposanteren, 330 Meter hohen stählernen Bruders aus Paris zu den üblichen Geschäftszeiten auf dem Trottoir vor dem Eingang des La Maison Wohnen an der Liststraße 25. Das Türmchen war mit Küchen-Accessoires aus Frankreich behängt. Auf der Spitze steckte die „Trikolore“.

Voilà, sehr amüsant! Das passte ins Lehenviertel und zu den alten Häusern mit Jugendstilfassaden. Für dieses französische Flair sorgte der Einzelhändler Pierre-Olivier Baron Languet. Dass sein Geschäft seit Jahresbeginn in dieser Form nicht mehr existiert, empfinden viele im Viertel und darüber hinaus als Verlust. Aus ganz Stuttgart seien die Leute ins La Maison gekommen, sagt der Inhaber. Sein Credo war: „Ein Geschäft muss beiden Seiten Spaß machen. Wer zu mir kommt, soll sich wohlfühlen.“

Weniger Freude machten dem Betreiber des Ladens zuletzt die finanziellen Forderungen des Vermieters. Die Differenzen um die Erhöhung der Ladenmiete führten dazu, dass nun nach 13 Jahren die Lichter im La Maison endgültig ausgeknipst wurden. Für Baron Languet ist die Angelegenheit damit abgehakt. Er hat den Laden Ende Dezember nach seinem Räumungsverkauf ausgeräumt und verlassen.

Er bastelt nun an einem neuen Konzept. Erst einmal wolle er die bestehende digitale Plattform weiterentwickeln und die Website www.lamaison-wohnen.de aktualisieren. Dort bietet er sein Sortiment auch online an: „Wobei das Internetgeschäft nicht so ganz meine DNA ist. Da fehlt das Schöne“, sagt er. Deshalb arbeite er an einem Konzept für einen kleinen Showroom im Lehenviertel um die Ecke. Dort wolle er kleinere „Privat-Sales“ für Interessierte organisieren: „Ich kann mir vorstellen, dass man Produkte zu einzelnen Themen präsentiert und dazu kleinere Gruppen einlädt.“

Näheres werde er dann über die Homepage veröffentlichen. Einen Laden in einem Stadtteil wie dem Süden zu führen sei grundsätzlich mit großem Aufwand verbunden, berichtet Baron Languet: „Es gehört eine Menge Aufopferungsbereitschaft dazu.“

Wie es der Begriff „Baron“ im Nachnamen schon andeutet: „Ich komme aus einer sehr alten Familie aus dem Burgund, meine Vorfahren waren adlig“, sagt der in Valence im Rhonetal geborene Franzose. Aufgewachsen ist er in Neuilly-sur-Seine, einer Vorstadt von Paris. Einige seiner Vorfahren waren zu Zeiten der „Belle Epoque“ Kutschenbauer. Vielleicht kommt daher sein Feinsinn für die schönen Dinge des Lebens. 2010 begann er mit dem Ladenprojekt in der Liststraße. Ursprünglich vertrieb er hier Möbel für eine kleine Manufaktur in Südfrankreich. Weitere Artikel kamen dazu: „So hat sich mein Ladengeschäft peu à peu weiterentwickelt.“

Immer mehr Klassiker aus französischen Manufakturen landeten in den Regalen. Porzellan aus Limoges, Marius-Fabre-Seifen aus Olivenöl nach Marseiller Art, Bettwäsche von Traditionsbetrieben aus den Vogesen, Papier d’Arménie aus Paris – um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Produzenten kennt er oft persönlich. Für frankophile Stuttgarter war der Laden daher fast wie ein Ausflugstrip ins benachbarte Frankreich: „Viele kennen meine Produkte ja aus dem Urlaub. Ich habe mir gedacht: Wieso können sie ihre Souvenirs und Geschenke nicht gleich bei mir kaufen?“ Das soll nun auch ohne Laden weiter möglich sein. Daneben will Baron Languet ein weiteres Projekt in Angriff nehmen: „Ich besitze noch eine kleine Burg im Burgund, ungefähr dort, wo der Époisses-Käse herkommt.“

Das idyllisch gelegene Gebäude sei aber insgesamt in einem sehr schlechten Zustand. Das historische Gemäuer wolle er von Grund auf sanieren und mithilfe einer Architektin in ein kleines Boutique-Hotel umbauen lassen: „Das ist ein Kindheitstraum von mir. Und diesen werde ich in diesem Jahr angehen.“

Zum Artikel

Erstellt:
19. Januar 2024, 22:04 Uhr
Aktualisiert:
20. Januar 2024, 20:06 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen