Friedhofopfer dachten erst an ein Ritual

Erstmals äußern sich Verletzte zum Handgranatenattentat vom Altbacher Friedhof. Der Stuttgarter Prozess zeigt: Viele sind offenbar Zufallsopfer im Straßenkrieg zweier Gruppierungen geworden. Andere konnten den Angriff wohl sehr schnell einordnen.

Kurz nach dem Anschlag am 9. Juni vernimmt die Kripo Trauergäste im Bereich des Altbacher Friedhofs.

© 7aktuell/ Kevin Lermer

Kurz nach dem Anschlag am 9. Juni vernimmt die Kripo Trauergäste im Bereich des Altbacher Friedhofs.

Von Wolf-Dieter Obst

Stuttgart - Das Unheil im Rücken sieht keiner. Alle schauen auf den Sarg, der gerade aus der Aussegnungshalle geschoben wird. Gut 50 Trauergäste stehen draußen, auf einer Terrasse, an einer Brüstung dicht an dicht. Ein 20-Jähriger war bei einem Bahnunfall ums Leben gekommen – und sollte an jenem 9. Juni 2023 beigesetzt werden. Eine 18-Jährige, angehende Bankkauffrau, ist auch dabei. Sie kannte den Toten nicht, wohl aber ihr damaliger Freund, „deswegen bin ich dabei gewesen“, sagt sie. Und dann kracht eine Explosion. Dramatische Sekunden, die am Montag beim vierten Verhandlungstag des Prozesses um das Handgranatenattentat vom Friedhof in Altbach eine zentrale Rolle spielen – aus Sicht derjenigen, die im Visier des Anschlags standen.

Der Knall kommt aus heiterem Himmel. „Ich dachte erst, das gehört vielleicht zur Zeremonie dazu, eine andere Kultur“, sagt die 18-Jährige vor der 19. Strafkammer des Landgerichts. Der Verstorbene soll afrikanische Wurzeln gehabt haben. Doch dann spürt sie etwas am Oberarm, ein Kribbeln, dann steigt seitlich eine Rauchwolke auf. Und Leute schreien. Die junge Frau hat Glück gehabt. Nur eine Druckstelle. Aber die psychische Belastung bleibt: Vor ein paar Jahren ist ihr Vater gestorben, seither habe sie ohnehin Probleme mit Beerdigungen. Das Szenario vom Knall kommt immer wieder. Im Kopf. „Vor allem, wenn ich das Grab von Papa besuche“, sagt sie. Flashbacks gibt es auch, wenn Türen knallen.

Was wäre gewesen, wenn die Handgranate nicht zufällig ihr Ziel verfehlt und näher dran explodiert wäre? Dabei hatte der Täter nicht sie im Visier. Sondern die zahlreichen jungen Männer in der Trauergemeinde, die er einer verfeindeten Gruppierung zuordnete. Die stehen dort, Punkt zwölf, in einer laut Gutachter „potenziell tödlichen Zone“.

Mindestens seit Sommer 2022, aber eigentlich schon länger, bekriegen sich zwei multiethnische, vorwiegend kurdisch dominierte Cliquen mit roher Gewalt – sogar mit Schusswaffen. Straßenkrieger aus Zuffenhausen und Göppingen gegen Feinde aus dem Raum Esslingen. Der Tote soll angeblich zu den Esslingern gehört haben. Der angeklagte Handgranatenwerfer, ein heute 24-Jähriger mit kurdisch-iranischen Wurzeln, stammt aus Hattenhofen bei Göppingen. Er vermutete Prominenz aus der verfeindeten Gruppe, die dem Toten ihre Ehre erweisen wollten. Doch wer ist wer?

Auch eine 22-Jährige ist aus ganz anderen Gründen zur Beerdigung gekommen. Die Mutter des Toten sei ihre Arbeitskollegin gewesen, sagt sie. Zusammen steht sie mit ihrem Verlobten in der Menge vor der Halle – und wird nach der Detonation von kleinen Glassplittern getroffen. Ein Arzt entfernt ihr einen aus dem Ohr. Und da ist da noch ein 20-Jähriger Lagerlogistiker, der den Verstorbenen von der Schule in Plochingen her kannte. Der war eine Stufe höher, man kannte sich nur oberflächlich. Man sei aber aus Respekt zu der Beerdigung gekommen.

Vor der Trauerfeier war in einer Gruppierung kräftig zur Solidarität mit einem der ihren mitsamt Spendenaktion aufgerufen worden. So kräftig, dass auch die Polizei Wind davon bekam, dass sich einige Mitglieder der polizeiintern Altkurden genannten Fraktion nach Altbach reisen wollten. Die Stuttgarter Polizei entsandte einen Observationstrupp, der dann selbst von den Ereignissen überrascht wurde. Ein Beamter flüchtete vor dem Mob der rächenden Trauergäste – und selbst die Polizeikollegen aus Esslingen wussten seine Identität offenbar lange nicht richtig einzuordnen.

Doch wer ist überhaupt wer? Vorsitzender Richter Norbert Winkelmann rät drei Verletzten im Alter von 17, 19 und 22 Jahren, nicht den starken Mann zu spielen, sondern sich von einem Psychologen beraten zu lassen. Splitter aus Minikugeln hatten sie in den Rücken, in den Oberschenkelknochen oder in den Ellenbogen getroffen – wo sie teils noch heute stecken. „Das Psychische aber sieht man nicht“, sagt Richter Winkelmann.

Einem droht das Jurastudium verhagelt zu werden, mit Hausarbeit ist er in Verzug, eine wichtige Prüfung hat nur noch eine letzte Chance, er kann sich aber nur schwer konzentrieren. Ein anderer weiß noch nicht so recht, was er nach der Wirtschaftsschule machen soll. Nach außen hin zeigen die jungen Männer indes allesamt, dass sie durchaus aus hartem Holz geschnitzt sind.

Einer dachte gleich an eine Handgranate. Er habe gespürt, wie sein Bein wegknickte und Blut austrat, sagt er im Zeugenstand. Er habe seinen Gürtel genommen und gleich einen Druckverband gemacht. „Beeindruckend“, sagt Richter Winkelmann – und hört: „Das war halt ein Reflex.“ Dass einer mit seinem kleinen Bruder nicht zu ersten Mal messerscharfe Gruppengewalt erlebt haben soll, kommt bei diesem Prozess nicht zur Sprache. Schlechte Träume, psychische Probleme? Einer fasst es so zusammen: „Alles okay.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

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Erstellt:
15. Januar 2024, 22:04 Uhr
Aktualisiert:
16. Januar 2024, 21:59 Uhr

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