Fünf Minuten für die 612-Millionen-Arena?

Der Gemeinderat soll spätestens am 15. Dezember sein Plazet für den Nachfolgebau der Schleyerhalle geben. Bisher hat er keine Informationen dazu erhalten. Im Rathaus sind sich zwei Bürgermeister uneins über den bei solchen Vorhaben angesagten Architektenwettbewerb.

Die Neue Arena 3.0 soll Stuttgarts Ruf als Veranstaltungsstadt verteidigen.

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Die Neue Arena 3.0 soll Stuttgarts Ruf als Veranstaltungsstadt verteidigen.

Von Konstantin Schwarz

Stuttgart - Die Landeshauptstadt steht vor einer der größten Einzelinvestitionen ihrer Geschichte. Der Ersatzneubau für die alte Schleyerhalle wird voraussichtlich die Marke von einer halben Milliarde Euro überspringen. Offiziell ist bisher von 350 Millionen die Rede. Spätestens am 15. Dezember soll der Gemeinderat sich bei der Verabschiedung des Doppelhaushalts 2024/25 festlegen. Einen Haken gibt es: Das Vorhaben ist bis heute weder öffentlich vorgestellt noch eine Minute öffentlich diskutiert worden.

Über die Neue Arena, die nun offiziell Neue Arena 3.0 heißt, sollte am Mittwoch im Verwaltungsausschuss des Gemeinderates nach einem mündlichen Bericht gesprochen werden. Die Verwaltung setzte den Punkt kurzfristig erneut ab. Hintergrund ist die Uneinigkeit zweier Alphatiere. Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU), der auch den zuständigen Aufsichtsrat für die Objektgesellschaft Schleyerhalle führt, pocht auf das in der Machbarkeitsstudie vorgesehene Generalübernehmer-Verfahren. Architektur und Bau kämen entgegen den städtischen Gepflogenheiten aus einer Hand. Das soll das Tempo hoch und die Kosten niedrig oder beherrschbar halten. Bei der Objektgesellschaft sieht man in Europa maximal fünf Bewerber, die Planung und Bau einer solchen Halle überhaupt stemmen könnten.

Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) dagegen pocht auf einen Architektenwettbewerb für die Halle, die mit „World-Class-Acts“ (Machbarkeitsstudie) das Bild der Landeshauptstadt in den nächsten Jahrzehnten prägen soll. Solche Wettbewerbe sind selbst für mickrige städtische Bauvorhaben Usus. Ihnen folgt die Ausschreibung einzelner Gewerke durch die Stadt. Auf diese Weise soll der regionale Mittelstand profitieren. „An einigen Stellen gibt es eine Verständigung, aber es ist noch ein Weg, bis wir den Gremien eine abgestimmte Vorlage präsentieren können. Zentrale Fragen sind noch zu klären“, sagt die Verwaltung auf Anfrage.

Im Gemeinderat werden das augenscheinliche Patt auf der Bürgermeisterbank und der Zeitdruck scharf kritisiert. Bei den ganztägigen Haushaltsberatungen mit mehreren hundert Punkten blieben fünf Minuten für das Thema.

Die Fraktionen habe bisher kein Blatt Papier dazu erreicht, heißt es. Dabei wäre von Ende Juni an, als die Machbarkeitsstudie im nichtöffentlich tagenden Aufsichtsrat vorgestellt worden war, genügend Zeit gewesen. Auch zur Beantwortung der Frage aus dem Rat, wie die Klimabilanz eines großen Neubaus gegenüber einer erneut ertüchtigten und womöglich mit einem neuen, höheren Dach versehenen Schleyerhalle aussehen würde.

Die Meinungen zum Neubau sind im Gremium diametral. Aus der Fraktion Puls und dem Linksbündnis gibt es die Forderung, das nationale Wettrüsten mit immer größeren Veranstaltungsstätten nicht mitzumachen. Der Neue Arena 3.0 gilt als beispielloser klimapolitischer Sündenfall. Am Mittwoch gab es vor dem Sitzungssaal erneut eine Mini-Demonstration dagegen. Würde sich die Verwaltungsspitze bis zum 15. Dezember nicht einig werden, dann empfänden das die den Bau ablehnenden Stadträte nicht als Beinbruch. So weit wird es aber wohl nicht kommen. Das Projekt sei schon jetzt zwei Jahre im Rückstand, sagt Thomas Fuhrmann auf Anfrage. „Wir brauchen eine Richtungsentscheidung und eine Bestätigung der 250 Millionen Euro in der mittelfristigen Finanzplanung“, so der Bürgermeister. Sie ist Teil des Haushalts.

Die früheste Inbetriebnahme des Neubaus war bisher für den 31. Juli 2029 projektiert. Nicht nur der Zeitplan, auch der Preis für die bis zu 19 000 Zuschauer fassende Arena dürften Makulatur sein. Die 350 Millionen Euro seien eine „Grobkostenschätzung“ mit „Baukosten Stand 11/2021“, so die Machbarkeitsstudie. Abzüglich 50 Millionen aus dem Betrieb und 50 für Namensrechte soll die Stadt 250 Millionen zuschießen. Das dürfte kaum reichen.

Rechnet man seit 2021 eingetretene Preissteigerungen und die von der Stadt selbst bei anderen Vorhaben wie zum Beispiel dem Feuerwehrhaus Sillenbuch angenommene Preisentwicklung hinzu, läge der Preis bis zur Eröffnung der Neuen Arena Mitte 2031 bei rund 612 Millionen Euro.

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Erstellt:
29. November 2023, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
30. November 2023, 21:46 Uhr

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