Nah am Spielabbruch

Beim 0:1 des VfB Stuttgart in Bochum führen Unstimmigkeiten über Zaunfahnen und Fluchtwege im Gästeblock zu einer langen Verzögerung in der Halbzeit. Nun steht die Aufarbeitung an.

Präsident Claus Vogt (Zweiter von links) informiert sich über die Situation in der VfB-Kurve im Bochumer Stadion.

© Baumann

Präsident Claus Vogt (Zweiter von links) informiert sich über die Situation in der VfB-Kurve im Bochumer Stadion.

Von David Scheu

Stuttgart - Diesen Nachmittag werden alle Beteiligten so schnell nicht vergessen. Weniger aufgrund des Spiels an sich, rein sportlich war die 0:1-Niederlage des VfB Stuttgart beim VfL Bochum keine Partie für die Bundesliga-Annalen. Die Begleitumstände aber machten Schlagzeilen: Um ganze 40 Minuten verzögerte sich der Anpfiff der zweiten Hälfte, weil ein Konflikt zwischen VfB-Fans und Sicherheitsbehörden um Zaunfahnen im Gästeblock kontroverse Diskussionen ausgelöst hatte. Erst um 17.19 Uhr – als die Parallelspiele der ersten Liga in den letzten Zügen lagen – pfiff Schiedsrichter Bastian Dankert den zweiten Durchgang im Ruhrstadion an. Die vorangegangenen Ereignisse bestimmten die Diskussionen noch lange nach Spielende. Doch der Reihe nach.

Ein erstes Anzeichen möglicher Probleme gab es, als die Spieler nach 15 Minuten Halbzeitpause noch nicht wieder auf dem Platz zurück waren. Wenig später brachte eine Durchsage des Stadionsprechers in Richtung VfB-Fans Klarheit: „Bitte haltet die Fluchttore und Rettungswege frei und hängt die Zaunfahnen ab. Vorher pfeift der Schiedsrichter das Spiel nicht an.“ Worum es konkret ging? Zwei Stuttgarter Zaunfahnen überdeckten die Sicherheitstore, die im Fall einer Panik im Block die Flucht in den Innenraum gewährleisten sollen. Nach Angaben der Behörden ließen sich die Tore nicht ordnungsgemäß öffnen, sodass die Veranstaltungsstätte schlicht nicht freigegeben wurde.

Die VfB-Fans wiederum verweigerten ein Abhängen mit Verweis darauf, dass die Banner schon in der ersten Hälfte so gehangen hätten. Hierauf ging der VfL Bochum in einer Stellungnahme ein: In den ersten zwölf Spielminuten sei die Zaunfahne durch ein anderes Banner – ein Protestplakat gegen den geplanten DFL-Investoreneinstieg – überdeckt gewesen. Als danach das Problem bemerkt wurde, sei umgehend Kontakt mit dem VfB aufgenommen worden.

Aus Perspektive des Bochumer Trainers Thomas Letsch hätte sich das Ganze dann leicht lösen lassen: „Hängt doch dieses Plakat einfach ab“, sagte er nach Spielende. „Ich glaube nicht, dass da irgendeinem ein Zacken aus der Krone fällt.“ Für die Fans war der Verzicht auf die etablierten Banner keine Option, zumal die Tore aus ihrer Sicht durch Anheben zu öffnen gewesen wären.

Es entwickelte sich eine festgefahrene Situation, ein Abbruch war ein realistisches Szenario. „Wir standen kurz davor“, bestätigte Bochums Sportdirektor Marc Lettau. In diesem Fall hätte der VfB mit einer Niederlage am grünen Tisch rechnen müssen – ein Worst-Case-Szenario, weshalb sich aufseiten der Stuttgarter fast alles mit Rang und Namen auf den Weg in die Kurve machte. Der Lizenzspieler-Leiter Christian Gentner und Ersatztorhüter Fabian Bredlow zählten zu den Ersten, später kam Trainer Sebastian Hoeneß dazu, kurz vor 17 Uhr auch Präsident Claus Vogt. Parallel dazu hielten sich die Teams auf dem Feld warm, während sich die Bochum-Fans die Zeit mit Gesängen vertrieben und ihre Handyleuchten schwenkten.

Letztlich fand sich doch noch ein Kompromiss – durch die Prüfung, ob die Fluchttore durch das Lockern und Hochheben der Banner geöffnet werden können. Die Frage wurde schließlich bejaht. Der Sachverhalt sei „ohne jede Eskalation, aber mit viel Zeitverzögerung“ gelöst worden, so der VfB: „Zu der Verzögerung kam es aus unseren ersten Erkenntnissen vor allem wegen Kommunikations- und Zuständigkeitsfragen.“

Nun stellt sich natürlich die Frage, warum dieses Thema gerade jetzt aufkam. Es war schließlich nicht das erste Spiel des VfB in Bochum. Der VfL verweist auf neue Anweisungen vom Bauordnungsamt der Stadt Bochum vor dieser Saison, die jedem Gastverein auch schriftlich mitgeteilt worden seien: „Die Faktenlage war also den Gästefans aus Stuttgart bekannt.“

Das sah der Stuttgarter Vorstandschef anders. „Wenn man die Regeln verändert, muss man vor dem Spiel entsprechend die Freigabe genau überprüfen“, sagte Alexander Wehrle in der TV-Sendung „Doppelpass“. Die neuen Auflagen bereiteten in dieser Saison schon einmal Schwierigkeiten: Das Bochumer Heimspiel am 6. Spieltag gegen Borussia Mönchengladbach begann mit zehn Minuten Verzögerung – damals hatten die Gladbach-Fans ihr Banner nach mehrmaliger Aufforderung abgehängt. Man werde die Ereignisse aus dem VfB-Spiel zum Anlass nehmen, um über weitere Maßnahmen zu beraten, so der VfL.

Sowohl in Bochum als auch in Stuttgart steht also einiges an Aufarbeitungsarbeit an. Sie soll in den kommenden Tagen intern sowie im gegenseitigen Austausch erfolgen. Auch der DFB hat eine Untersuchung angekündigt. Den Wunsch des Stuttgarter Trainers Sebastian Hoeneß dürften dabei alle teilen: „Das war eine Konstellation, die sich nicht mehr so häufig wiederholen sollte.“

Zum Artikel

Erstellt:
21. Januar 2024, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
22. Januar 2024, 21:57 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen