Kinder- und Jugendfußball

Wie Kinder künftig kicken sollen – was steckt hinter der DFB-Reform?

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) reformiert ab der Saison 2024/2025 den Kinderfußball. Rund um den neuen Ansatz ohne Tabellen und Meisterschaften haben sich viele, auch polemisch geführte Diskussionen entwickelt. Die Aufregung ist teils riesengroß. Zu Recht? Zur kommenden Saison soll der Kinderfußball in Deutschland reformiert werden. Über die Neuerungen wurde viel und hitzig diskutiert. Aber: Was steckt eigentlich genau dahinter. Und: Ist das Konzept überhaupt so neu?

bei den Jüngsten wird künftig in kleinen Teams auf zwei kleine Tore gespielt. bei den Jüngsten wird künftig in kleinen Teams auf zwei kleine Tore gespielt.

© o/Hanno Bode

bei den Jüngsten wird künftig in kleinen Teams auf zwei kleine Tore gespielt. bei den Jüngsten wird künftig in kleinen Teams auf zwei kleine Tore gespielt.

Von dip

Stuttgart - Dass die Aufgeregtheiten im Business Profifußball schnell in den hochroten Bereich ausschlagen, ist nicht wirklich eine Neuigkeit. Was dagegen neu war in den vergangenen Monaten: dass auch der Fußball der Kleinsten betroffen war.

In Ermangelung spielstarker Talente auf der höchsten Ebene setzt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) eine Reform des Kinderfußballs um. Die neuen Spielformen sollen ab der Saison 2024/2025 in Kraft treten. Damit schafft der DFB Verbindlichkeit und hat der Reform – manche nennen es auch eine Revolution – ein Gesicht gegeben.

Hannes Wolf, einst Trainer beim VfB Stuttgart, ist seit August Sportdirektor für Nachwuchs, Training und Entwicklung. Gebetsmühlenartig preist der smarte Dortmunder nicht erst seitdem die Vorzüge des Neuen an, sagt etwa: „Wenn wir als Fußballdeutschland den nächsten Schritt gehen wollen, dann müssen wir die Reform jetzt umsetzen.“ Und er verspricht: „Jeder und jede wird eine Klasse besser – mindestens.“ Die Aufregung ist dennoch groß, seit die Reform öffentlich diskutiert wird. Zu Recht?

Aufregung? „Wir sind eher gelassen“, sagt Alexander Stoppel. Der Mann ist Fußballtrainer – und beim Württembergischen Fußballverband (WFV) Experte für Kinderfußball. „Für uns ist es wichtig, dass jedes Kind Spielzeit bekommt. Wenn wir Meisterschaften ausspielen, dann spielen in jeder Mannschaft meist nur die Stärksten. Die noch Kleineren oder Jüngeren kommen nicht zum Zug.“ Seine Ausführungen zeigen: Von den Ideen, die der DFB nun verbindlich einführen wird, muss man ihn und seine Kolleginnen und Kollegen nicht überzeugen. „Wir in Württemberg“, sagt Stoppel, „machen vieles davon schon seit zehn Jahren.“

„Fair-Play-Liga“ nennen sie das, was bis einschließlich der U-9-Junioren die Spieltage an den Wochenenden prägt – und was größtenteils auch in der DFB-Reform steckt. Es wird auf kleinen Spielfeldern in kleinen Teams gespielt. Wer als Club viele Kinder zur Verfügung hat, stellt mehrere Mannschaften. Es gibt keine Schiedsrichter – und vor allem: Die Ergebnisse der einzelnen Partien laufen nicht ein in ein Tabellenprogramm, das am Ende der Saison einen Meister ausspuckt. Genau hier setzte in den vergangenen Wochen die teils polemische Kritik an der Reform an.

Verlernen die Kinder das Gewinnen und Verlieren? Trainiert man ihnen den sportlichen Ehrgeiz ab? „Demnächst spielen wir dann noch ohne Ball – oder machen ihn eckig, damit er den etwas langsameren Jugendlichen nicht mehr wegläuft“, lästerte etwa Hans-Joachim Watzke, als DFB-Vizepräsident übrigens Wolfs Vorgesetzter.

Thomas Broich, Ex-Profi und heute Leiter Methodik bei Hertha BSC, hält dagegen: „Das Einzige, was wir abschaffen, ist das Ergebnisdenken bei den Eltern und den Trainern.“ Die Phänomene sind bekannt: Gestikulierende, schreiende und schimpfende Eltern am Spielfeldrand, ergebnisorientierte und brüllende Coaches, überehrgeizige Väter und Mütter, sogenannte Papatrainer, die das Team um den eigenen Nachwuchs herum basteln. „Manche Eltern sehen den Fußball ihrer Kinder vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen, die kennen es nicht anders“, sagt Hanno Balitsch, der Ex-Profi und heutige Nachwuchscoach im DFB, „sie denken, das sei kein richtiger Fußball mehr.“ Kann die Reform auch hier gegensteuern? Kann sie die Sicht auf den Kinderfußball in den Familien verändern?

„Die Erwachsenen“, fordert Martin Hägele, „müssen mit einem anderen Blickwinkel auf den Kinder- und Jugendfußball schauen, Wir brauchen einen Paradigmenwechsel.“ Der heute 67-Jährige war einst deutscher A-Jugend-Meister mit dem VfB, ist seit 1982 Trainer und beschäftigt sich schon jahrelang intensiv mit dem Kinder- und Jugendfußball (heute beim FC Esslingen). Der Erfolg eines Trainers von Kindern, sagt er, dürfe nicht an den Ergebnissen festgemacht werden. „Wenn am Ende der Saison mehr Kinder zum Training kommen als noch zu Beginn, dann hat ein Trainer oder eine Trainerin in diesem Bereich richtig gut gearbeitet“, erklärt er – und stellt die soziale Komponente der Reform-Grundlagen in den Vordergrund.

„Früher war es doch von Beginn an so: Der Trainer, der ein, zwei Talentierte im Team hatte, hat die Spiele gewonnen. Aber es geht darum, jedes Kind wertzuschätzen“, sagt Hägele, „wenn das nicht passiert, hören die Kinder wieder auf und fehlen dann in der A-Jugend oder bei den Aktiven.“ Und generell im Vereinsleben. Die Pläne des DFB sieht er als „Schritt in die richtige Richtung“, weitere müssten aber folgen: „Der DFB muss ein Konzept vorstellen, das 13 Jahre umfasst, also die Zeit von der G- bis zur A-Jugend.“

Wo aber bleibt der Gedanke an den sportlichen Erfolg in späteren Jahren? Werden so auch die Talente fürs darbende Nationalteam entwickelt? Eben so, sagt Hannes Wolf – und erzählt von seinen Erfahrungen in der Zeit, als er in Genk als Cheftrainer das Erstligateam coachte: „Ich habe in Belgien gearbeitet. Dort ist für alle im Fußball klar: Drei gegen drei ist immer besser als sechs gegen sechs. In der einen Form hat jedes Kind 150 Ballkontakte, in der anderen nur 30.“ Der deutsche Nationalspieler Jamal Musiala, der in England Kinder- und Jugendfußball spielte, sagt: „In Deutschland gibt es schon für unter Zehnjährige ein Ligen-System, wohingegen das in England bis zur U 18 nicht üblich ist. Da hat man viel weniger Druck und mehr Zeit, sich zu entwickeln, man kann viel freier spielen.“ Deshalb soll nun auch in Deutschland „Funino“ gespielt werden.

So nennt sich die Spielform mit kleinen Teams, kleinen Toren, kleinen Feldern – aber mit einer großen Zahl an Aktionen für jedes Kind. Mit ständigen Dribblings, Abschlüssen, Pässen, Zweikämpfen, schnellen und intuitiven Entscheidungen. Also mit all jenen Elementen, die einen Fußballer ausmachen. Und auch mit Wettkampfcharakter.

Die Idee: Es gibt mehrere kleine Spielfelder nebeneinander. Wer gewinnt, rückt in die eine Richtung, wer verliert, in die andere – so treffen am Ende die Stärksten aufeinander. Und auch die eher Schwächeren. Sandro Wagner, der Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft, sagt: „Du brauchst nicht immer einen Pokal, um Gewinner zu sein.“

Stuttgart - Dass die Aufgeregtheiten im Business Profifußball schnell in den hochroten Bereich ausschlagen, ist nicht wirklich eine Neuigkeit. Was dagegen neu war in den vergangenen Monaten: dass auch der Fußball der Kleinsten betroffen war.

In Ermangelung spielstarker Talente auf der höchsten Ebene setzt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) eine Reform des Kinderfußballs um. Die neuen Spielformen sollen ab der Saison 2024/2025 in Kraft treten. Damit schafft der DFB Verbindlichkeit und hat der Reform – manche nennen es auch eine Revolution – ein Gesicht gegeben.

Hannes Wolf, einst Trainer beim VfB Stuttgart, ist seit August Sportdirektor für Nachwuchs, Training und Entwicklung. Gebetsmühlenartig preist der smarte Dortmunder nicht erst seitdem die Vorzüge des Neuen an, sagt etwa: „Wenn wir als Fußballdeutschland den nächsten Schritt gehen wollen, dann müssen wir die Reform jetzt umsetzen.“ Und er verspricht: „Jeder und jede wird eine Klasse besser – mindestens.“ Die Aufregung ist dennoch groß, seit die Reform öffentlich diskutiert wird. Zu Recht?

Aufregung? „Wir sind eher gelassen“, sagt Alexander Stoppel. Der Mann ist Fußballtrainer – und beim Württembergischen Fußballverband (WFV) Experte für Kinderfußball. „Für uns ist es wichtig, dass jedes Kind Spielzeit bekommt. Wenn wir Meisterschaften ausspielen, dann spielen in jeder Mannschaft meist nur die Stärksten. Die noch Kleineren oder Jüngeren kommen nicht zum Zug.“ Seine Ausführungen zeigen: Von den Ideen, die der DFB nun verbindlich einführen wird, muss man ihn und seine Kolleginnen und Kollegen nicht überzeugen. „Wir in Württemberg“, sagt Stoppel, „machen vieles davon schon seit zehn Jahren.“

„Fair-Play-Liga“ nennen sie das, was bis einschließlich der U-9-Junioren die Spieltage an den Wochenenden prägt – und was größtenteils auch in der DFB-Reform steckt. Es wird auf kleinen Spielfeldern in kleinen Teams gespielt. Wer als Club viele Kinder zur Verfügung hat, stellt mehrere Mannschaften. Es gibt keine Schiedsrichter, die Eltern halten einen Mindestabstand zum Spielfeld – und vor allem: Die Ergebnisse der einzelnen Partien laufen nicht ein in ein Tabellenprogramm, das am Ende der Saison einen Meister ausspuckt. Genau hier setzte in den vergangenen Wochen die teils polemische Kritik an der Reform an.

Verlernen die Kinder das Gewinnen und Verlieren? Trainiert man ihnen den sportlichen Ehrgeiz ab? „Demnächst spielen wir dann noch ohne Ball – oder machen ihn eckig, damit er den etwas langsameren Jugendlichen nicht mehr wegläuft“, lästerte etwa Hans-Joachim Watzke, als DFB-Vizepräsident übrigens Wolfs Vorgesetzter. Thomas Broich, Ex-Profi und heute Leiter Methodik bei Hertha BSC, hält dagegen: „Das Einzige, was wir abschaffen, ist das Ergebnisdenken bei den Eltern und den Trainern.“

Die Phänomene sind bekannt: Gestikulierende, schreiende und schimpfende Eltern am Spielfeldrand, ergebnisorientierte und brüllende Coaches, überehrgeizige Väter und Mütter, sogenannte Papa-Trainer, die das Team um den eigenen Nachwuchs herum basteln. „Manche Eltern sehen den Fußball ihrer Kinder vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen, die kennen es nicht anders“, sagt Hanno Balitsch, der Ex-Profi und heutige Nachwuchscoach im DFB, „sie denken, das sei kein richtiger Fußball mehr.“ Kann die Reform auch hier gegensteuern? Kann sie die Sicht auf den Kinderfußball in den Familien verändern?

„Die Erwachsenen“, fordert Martin Hägele, „müssen mit einem anderen Blickwinkel auf den Kinder- und Jugendfußball schauen, Wir brauchen einen Paradigmenwechsel.“ Der heute 73-Jährige war einst deutscher A-Jugend-Meister mit dem VfB, ist seit 1982 Trainer und beschäftigt sich schon jahrelang intensiv mit dem Kinder- und Jugendfußball (heute beim FC Esslingen). Der Erfolg eines Trainers von Kindern, sagt er, dürfe nicht an den Ergebnissen festgemacht werden. „Wenn am Ende der Saison mehr Kinder zum Training kommen als noch zu Beginn, dann hat ein Trainer oder eine Trainerin in diesem Bereich richtig gut gearbeitet“, erklärt er – und stellt die soziale Komponente der Reform-Grundlagen in den Vordergrund.

„Früher war es doch von Beginn an so: Der Trainer, der ein, zwei Talentierte im Team hatte, hat die Spiele gewonnen. Aber es geht darum, jedes Kind wertzuschätzen“, sagt Hägele, „wenn das nicht passiert, hören die Kinder wieder auf und fehlen dann in der A-Jugend oder bei den Aktiven.“ Und generell im Vereinsleben. Die Pläne des DFB sieht er als „Schritt in die richtige Richtung“, weitere müssten aber folgen: „Der DFB muss ein Konzept vorstellen, das 13 Jahre umfasst, also die Zeit von der G- bis zur A-Jugend.“

Auch der WFV nennt in der Beschreibung seiner „Fair-Play-Liga“ erst einmal nicht den sportlichen Erfolg als wichtigstes Ziel – sondern will „Spielfreude entfachen, Selbstvertrauen geben und Spielkompetenz entwickeln“. Wichtig auch hier: Durch kleine Teams können diese entsprechend der Spielstärke der Kinder zusammengestellt werden. So sind in jeder Partie auch alle ins Spiel eingebunden, die Kinder treten gegen ähnlich starke Kontrahenten an, Frust-Erlebnisse wie bei einem 0:12 bleiben im Normalfall aus. Weil es keine Tabellen gibt, wird aus dem Gegen- mehr ein Miteinander.

„Man kann beobachten, dass die Stimmung an Spieltagen eher einem Fußballfest gleicht“, sagt Alexander Stoppel zu den Auswirkungen auch auf die Trainer und Eltern. Wo aber bleibt der Gedanke an den sportlichen Erfolg in späteren Jahren? Werden so auch die Talente fürs darbende Nationalteam entwickelt?

Eben so, sagt Hannes Wolf – und erzählt von seinen Erfahrungen in der Zeit, als er in Genk als Cheftrainer das Erstligateam coachte: „Ich habe in Belgien gearbeitet. Dort ist für alle im Fußball klar: Drei gegen drei ist immer besser als sechs gegen sechs. In der einen Form hat jedes Kind 150 Ballkontakte, in der anderen nur 30.“ Der deutsche Nationalspieler Jamal Musiala, der in England Kinder- und Jugendfußball spielte, sagt: „In Deutschland gibt es schon für unter Zehnjährige ein Ligen-System, wohingegen das in England bis zur U 18 nicht üblich ist. Da hat man viel weniger Druck und mehr Zeit, sich zu entwickeln, man kann viel freier spielen.“ Deshalb soll nun auch in Deutschland „Funino“ gespielt werden.

So nennt sich die Spielform mit kleinen Teams, kleinen Toren, kleinen Feldern – aber mit einer großen Zahl an Aktionen für jedes Kind. Mit ständigen Dribblings, Abschlüssen, Pässen, Zweikämpfen, schnellen und intuitiven Entscheidungen. Also mit all jenen Elementen, die einen Fußballer ausmachen. Und auch mit Wettkampfcharakter.

Die Idee: Es gibt mehrere kleine Spielfelder nebeneinander. Wer gewinnt, rückt in die eine Richtung, wer verliert, in die andere – so treffen am Ende die Stärksten aufeinander. Und auch die eher Schwächeren. Sandro Wagner, der Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft, sagt: „Du brauchst nicht immer einen Pokal, um Gewinner zu sein.“

So sieht man das auch beim WFV, der in der Saison 2024/2025 weiter auf seine längst bewährten Spieltagsformen baut und auf Basis der DFB-Leitlinien laut Alexander Stoppel „in aller Ruhe nach Optimierungsmöglichkeiten“ schaut. Und darauf, dass das, was über die Spieltage gefördert wird, auch unter der Woche trainiert wird. „Den Straßenfußball von einst“, sagt Martin Hägele, „gibt es immer weniger. Heute muss man ihn in die Vereine hineinbekommen.“

Und in den nächsten Monaten wohl noch die eine oder andere Debatte dazu aushalten.

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Erstellt:
27. November 2023, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
28. November 2023, 21:57 Uhr

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