Handball-EM

Kein Bronze, kein Olympia-Ticket – wie geht’s jetzt weiter?

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft kommt bei der Handball-EM auf Platz vier. Wie sieht die sportliche Bilanz und der Blick in die Zukunft aus? Wie steht es um den Trainer und die Finanzen?

Neun EM-Spiele, nur vier Siege: Wie geht’s nach dieser durchschnittlichen Bilanz weiter mit Bundestrainer Alfred Gislason?

© dpa/Tom Weller

Neun EM-Spiele, nur vier Siege: Wie geht’s nach dieser durchschnittlichen Bilanz weiter mit Bundestrainer Alfred Gislason?

Von Jürgen Frey

Blech statt Bronze: Deutschlands Handballer haben bei ihrer Heim-EM das so wertvolle Medaillenspiel um Platz drei verloren. Die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason unterlag Schweden 31:34 (12:18) und verfehlte damit neben der erhofften Medaille auch die direkte Qualifikation für die Olympischen Spiele in Paris. Zwei Tage nach der Halbfinal-Niederlage gegen Dänemark unterliefen dem unerfahrenen deutschen Team im Angriff zahlreiche Fehler, dazu erwischte der schwedische Torhüter Andreas Palicka einen echten Sahnetag. „Wir haben in der ersten Halbzeit sehr schlecht geworfen“, kritisierte Gislason nach der Partie, die wie die gesamte EM wichtige Erkenntnisse für die Zukunft brachte.

Mannschaft Vor der ersten Bewährungsprobe gegen die Schweiz hatten viele Respekt. Doch die DHB-Auswahl fand mit einem begeisternden 27:14 optimal ins Turnier. Den Rückenwind konnte sie nicht mit in die Hauptrunde nehmen. Bis auf das 35:28 gegen Ungarn war es eine zähe Angelegenheit, der Halbfinaleinzug mit 5:5 Punkten schmeichelhaft. Unterm Strich präsentierte sich das Team nicht konstant genug und konnte mit der Weltelite nicht mithalten. Packende Auftritte, die die Fans mitrissen und die Faszination der Sportart vermittelten, wechselten sich ab mit Fehler-Festivals. Auf Keeper Andreas Wolff war Verlass, die Abwehr um die Innenblock-Strategen Johannes Golla und Julian Köster erwies sich als Prunkstück. Die Problemzone bleibt der Angriff. Zu vieles steht und fällt mit Chef-Spielmacher Juri Knorr. Er denkt viel nach, beschäftigt sich sehr mit sich selbst, will oft zu schnell zu viel. Er muss noch den optimalen Mix finden, aus eigener Torgefahr und der mindestens genauso wichtigen Aufgabe, seine Rückraumkollegen in Szene zu setzen. Von denen spielte Julian Köster eine insgesamt herausragende EM, spulte ein Riesenpensum ab. Doch aufgrund seiner kraftraubenden Dienste in der Defensive braucht er vorne Pausen. Hier sind künftig noch mehr Heymann und Martin Hanne gefragt. Im rechten Rückraum zeigte Renars Uscins vor allem gegen Dänemark (fünf Tore) und Schweden (acht Tore), dass er ein Versprechen für die Zukunft ist. Das gilt auch für seinen U-21-Weltmeister-Kollegen Nils Lichtlein, der sein Können aber (zu) selten zeigen durfte. Kernproblem war die extreme Abschlussschwäche. Doch insgesamt sind die Perspektiven des Teams aufgrund der Altersstruktur sehr gut. Oder wie es Kapitän Golla nach dem verlorenen Spiel um Platz drei sagte: „Hoffentlich können wir irgendwann die Teile zusammenfügen und eine erfolgreiche Mannschaft für Deutschland bilden.“

Wiede wäre wichtige Option

Trainer Ob Alfred Gislason über den Sommer hinaus der richtige Bundestrainer ist? Bei dieser Frage gehen die Meinungen auseinander. Sein Fachwissen, seine Aura sind unbestritten. Kritische Themen räumte er mit natürlicher Autorität ab. Mit 64 Jahren hat er sich auch ein Stück weit gewandelt: Statt knorrig und kühl wirkte der Isländer in den vergangenen EM-Tagen zugewandt, geradeheraus und humorvoll. Immer wieder betonte er, wie sehr ihm die Arbeit mit den deutschen Handballern gefällt, einmal sagte er sogar: „Ich liebe diese Mannschaft.“

Mit ihr würde er am liebsten bis zur Heim-WM 2027 weiter zusammenarbeiten. „Wir sind diesen steinigen Weg des Umbruchs gegangen und es sieht sehr gut aus mit den Jungs. Die Mannschaft hat sich bei diesem Turnier weiterentwickelt“, fand der Isländer nach dem Spiel um Platz drei und ergänzte: „Ich habe signalisiert, dass ich das gerne weiter machen möchte. Natürlich macht mir das richtig Spaß, aber letztlich entscheide das nicht ich.“ Er habe zwar noch kein Signal vom Verband erhalten, sei bei der Sache aber „sehr, sehr locker“. DHB-Sportvorstand Axel Kromer bekräftigte: „Wir werden mit Alfred nach der EM hundertprozentig in die Gespräche gehen.“ Möglicherweise fällt die Entscheidung über eine weitere Zusammenarbeit auf der Präsidiumssitzung des Verbandes im Februar, bei der Gislason seine EM-Analyse abgeben wird.

Fest steht: Der Vertrag des 64-Jährigen läuft nur bis nach den Olympischen Spielen 2024 – vorausgesetzt man ist überhaupt dabei. Vom 14. bis 17. März heißen die Gegner im Qualifikations-Turnier Algerien sowie Österreich und Kroatien, gegen die man bei der EM nicht gewinnen konnte. Möglicher Spielort ist Hannover. Zwei der vier Teams sind in Paris dabei. Ein Scheitern wäre gleichbedeutend mit dem Ende der Ära Gislason. Schon jetzt gibt es Stimmen, die andere Trainer für geeigneter halten, das Team weiterzuentwickeln: Namen wie Maik Machulla oder Florian Kehrmann kursieren. Gislasons Vertrauen in die U-21-Weltmeister hielt sich in Grenzen, manche Rollen von Spielern wie Nils Lichtlein oder Philipp Weber waren undurchsichtig. Und mit Blick auf das teils schwache Angriffsspiel, die eklatante Abschlussschwäche, das mitunter fehlende Tempospiel kann der Trainer auch nicht aus der Verantwortung genommen werden.

Emotionen Es waren schwarz-rot-goldene Feiertage. Die EM zeigte, dass der Handball in Deutschland die Massen begeistern kann, wie sonst keine andere Mannschaftssportart außer Fußball. Und das nicht nur, wenn das eigene Team am Ball ist. Es wurde ein Zuschauerrekord im Handball aufgestellt. Am Ende waren insgesamt 1 008 660 Zuschauer in den Hallen – eine Bestmarke in der 30-jährigen EM-Geschichte. 96 Prozent aller Tickets an den sechs Spielorten sind verkauft worden. „Das ist nicht nur ein Rekord, das ist ein signifikanter Unterschied zu allen Handball-Veranstaltungen vorher“, sagte EHF-Präsident Michael Wiederer.

Besonders in Erinnerung bleibt das Weltrekord-Spiel in Düsseldorf mit 53 586 Zuschauern. Den TV-Spitzenwert stellten 9,69 Millionen Menschen dar, die gegen Dänemark im ZDF zusahen, der Marktanteil betrug 34,4 Prozent.

Wirtschaftlich Bei der Heim-WM 2019, ausgerichtet mit Dänemark, erwirtschaftete der DHB ein Plus von drei Millionen Euro. Der Vorstandschef Mark Schober ließ sich noch keine Zahlen entlocken: „Es ist keinesfalls klar, dass man mit allen Turnieren Geld verdient. Ob wir das Ergebnis von 2019 erreichen, ist völlig offen“, sagte der gebürtige Bietigheimer gegenüber unserer Redaktion. Mögliche Gewinne würden auch dazu genutzt, um Defizite, wie etwa die Ausrichtung der U-21-WM, zu kompensieren.

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Erstellt:
28. Januar 2024, 19:38 Uhr
Aktualisiert:
28. Januar 2024, 22:37 Uhr

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