Neu im Kino: „Animalia“ und „Baby to Go“

Babys aus dem Plastikei

Diese beiden neuen Science-Fiction-Filme sollte man nicht verpassen: In „Animalia“ lässt ein Virus Erkrankte zu Mensch-Tier-Mischwesen mutieren. In „Baby to Go“ findet ein Tech-Konzern eine Lösung, um den Frauen von morgen die lästige Schwangerschaft zu ersparen.

Szene aus „Baby to Go“

© Splendid Film

Szene aus „Baby to Go“

Von Kathrin Horster

Unglaublich, wie zäh der Mensch am Normalstatus klebt, obwohl alles um ihn herum nach Entgrenzung und Veränderung schreit. Vergessen ist schon der Ausnahmezustand der Pandemie. Und der Blick in eine zunehmend von Künstlichen Intelligenzen beherrschte Zukunft schockiert nur wenige, obwohl es genug Warnungen gibt, der Mensch könnte durch das Vorantreiben technologischer Entwicklungen irgendwann selbst unnütz werden. Zwei Kino-Neustarts in dieser Woche reflektieren die seltsame menschliche Unbekümmertheit in Umbruchzeiten und führen den Wahnsinn vor, mit dem wir schon täglich leben.

Aus Freunden werden wilde Biester

Auch François (Romain Duris) und dessen 16-jähriger Sohn Émile (Paul Kircher) haben sich mit gewissen neuen Umständen arrangiert. In der filmischen Realität von Thomas Cailleys fantastischem Science-Fiction-Coming-of-Age-Drama „Animalia“ spielen sich seltsame Szenen auf der Straße ab, als Vater und Sohn auf dem Weg ins Krankenhaus zu Émiles Mutter sind. Während sich François und Émile wegen einer Nichtigkeit zanken, bricht plötzlich Tumult auf der Strecke vor ihnen aus. Ein Ambulanzwagen gerät ins Schwanken, im Inneren des Vehikels schlägt etwas hart gegen das Heck-Bullauge, und aus der plötzlich berstenden Tür fliegt ein merkwürdiges Wesen auf die Motorhaube des aufschließenden Autos.

„Weg hier“, zischt François, im Gegensatz zum Zuschauer schon vertraut mit dem Anblick einer Mensch-Tier-Kreuzung. Die ist in „Animalia“ das Ergebnis eines Virus, das Menschen jeden Alters und jeden Geschlechts befällt. Auch Émiles Mutter ist zu solch einem Mischwesen mutiert. Neben den körperlichen Veränderungen sind die psychischen das eigentliche Problem, denn aus den zuvor so umgänglichen Eltern, Nachbarn und Freunden werden vermeintlich unberechenbare, wilde Biester.

Im Verlauf der Erzählung mutiert auch Émile; ein schmerzhafter Prozess sowohl für den Jungen, der sich entsetzt die neuen Krallen unter seinen Fingernägeln auszureißen versucht, als auch für den Vater, der lernen muss, Frau und Sohn loszulassen. „Animalia“ ist mit seinem fantastischen Ansatz deshalb so interessant, weil er den verstörenden, inzwischen aber verblassten Pandemieschock in einer Geschichte über soziale Veränderung und Ausgrenzung verarbeitet. Wie in Pandemiezeiten befindet sich die Gesellschaft in „Animalia“ in Aufruhr; extreme Haltungen prallen auf einander, man bekämpft, was man nicht kennt, anstatt einen solidarischen Umgang mit dem Unumkehrbaren zu entwickeln. Cailley zielt aber auch auf die Veränderungen, die sich in den kommenden Jahren durch Migration ergeben werden, plädiert für Toleranz und einen unverstellten Umgang mit vermeintlich Fremden, die François und Émile bald nicht mehr als Störfaktor, sondern als Bereicherung schätzen.

Eltern werden zu Hütern des Plastikeis

Über die Bereicherung durch eigenen Nachwuchs freuen sich junge Paare dagegen häufiger. Nur die Schwangerschaft, erzählt die französische Filmemacherin Sophie Barthes in ihrer Science-Fiction-Satire „Baby to Go“, ist für die Frau von morgen ein nicht mehr unbedingt nötiges Übel. Dehnungsstreifen, Übelkeit, Gewichtszunahme und eine verminderte Belastbarkeit in Beruf und Partnerschaft gehören in einer nahen Zukunft der Vergangenheit an, sofern Paare das nötige Kleingeld aufbringen, um einen begehrten Platz im Programm eines renommierten Technologiekonzerns zu bekommen. Der hat die lästige Tragezeit eines Menschen outgesourced – statt in Muttis Bauch wachsen Föten jetzt in pastellfarbenen Plastikeiern heran. Der erfolgreichen Rachel (Emilia Clarke) scheint das ein probater Weg zum Babyglück, auch wenn ihre Vorgesetzte sie unter Druck setzt, Rachel möge die Familienplanung sofort in Angriff nehmen. Rachels Mann Alvy (Chiwetel Ejiofor), ein gering verdienender Botaniker an der Uni, ist skeptischer. Doch der soziale Druck obsiegt, Rachel und Alvy werden zu Hütern eines Plastikeis.

Wie die britische Anthologieserie „Black Mirror“ thematisiert „Baby to Go“ eine nahe Zukunftsvision unter den Bedingungen bereits bestehender technologischer Entwicklungen. Deshalb erscheint das Szenario erschreckend vertraut. Wenn Rachel in ihrem Büro auf einem Laufband joggt, während sie Memos tippt und telefoniert, erinnert das an die Programme fortschrittlich gesinnter Arbeitgeber, die schon jetzt Gewichts- und Rückenproblemen ihrer Angestellten mit einer aktiven Arbeitsumgebung entgegenwirken wollen.

Natur? Igitt, wie eklig!

Alvy muss dagegen seine Studierenden zwingen, eine reife Feige vom Baum im Gewächshaus zu probieren. Die Natur ist eklig geworden, die Produktion von Nahrungsmitteln unterliegt wie die der Babys strenger technischer Standards. Meer und Wald erleben die Menschen nur noch als digitale Simulationen auf hochauflösenden Bildschirmen.

Vieles, was die Regisseurin Sophie Barthes hier zeigt, ist bereits Realität, anderes eine unheimliche Gruselvariante der Wirklichkeit wie Rachels KI-Therapeutin, ein riesiger, von Plastikblumen umkränzter Augapfel, der ihr aus einer Wand entgegenglotzt. Der Mensch will Unsicherheit, Angst und Schmerzen minimieren, erzählen beide Filme. In seiner rigorosen Harmoniesucht bringt er sich womöglich aber um wichtige Erfahrungen.

Animalia: Frankreich 2023. Regie: Thomas Cailley. Mit Romain Duris, Adèle Exarchopoulos, Paul Kircher. 130 Minuten. Ab 12 Jahren.

Baby to Go: Großbritannien 2023. Regie: Sophie Barthes. Mit Emilia Clarke, Chiwetel Ejiofor, Vinette Robinson. 109 Minuten. Ab 12 Jahren.

Filmemacher Der Franzose Thomas Cailley ist in Deutschland noch unbekannt, dessen Science-Fiction-Serie „Ad Vitam“ (2018) war allerdings erst bei Arte, anschließend bei Netflix abrufbar. In der Serie geht es um die Selbstmorde von Teenagern in einer Zukunft, in der Menschen ewig leben. „Animalia“ hat unter dem Titel „The Animal Kingdom“ im Sommer 2023 beim Stuttgarter Fantasy-Filmfest Kinopremiere gefeiert.

Filmemacherin Sophie Barthes’ „Baby to Go“ ist sichtbar vom Konzept der Anthologieserie „Black Mirror“ inspiriert, die aktuell mit sechs neuen Folgen beim Streamingdienst Netflix verfügbar ist. Die bewusst heimelige Atmosphäre des Films mit seiner pastellfarbenen, blitzblank polierten Science-Fiction-Vision wirkt aber auch im extragroßen Kinoformat. 

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Erstellt:
10. Januar 2024, 15:56 Uhr

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