Kant-Roman von Felix Heidenreich

Das Elend des Philosophen

Passend zum Kant-Jahr 2024 legt der Stuttgarter Politikwissenschaftler und Autor Felix Heidenreich einen gewitzten Roman über den Metaphysiker und seinen Diener vor. Unterhaltsam lässt er seine Protagonisten die zentralen philosophischen Fragen der Zeit austragen.

Felix Heidenreich forscht nicht nur zu politischer Ideengeschichte, sondern verfasst auch Romane.

© Lichtgut/Max Kovalenko

Felix Heidenreich forscht nicht nur zu politischer Ideengeschichte, sondern verfasst auch Romane.

Von Sebastian Jutisz

Schon zu Lebzeiten galt Kant als philosophischer Gigant, sodass bereits Ende des 18. Jahrhunderts ein regelrechter Kantianismus entstand. Diese enorme Wirkmächtigkeit stand in einem gewissen Kontrast zum eher unauffälligen Erscheinungsbild des 1,57 Meter großen Mannes, der zeit seines Lebens ledig blieb und kaum aus seiner Geburtsstadt herauskam.

Mit 38 Jahren stellte der Gelehrte den ehemaligen Soldaten Martin Lampe als Diener ein, der 40 Jahre lang dessen Haushalt führen, Gäste betreuen und Bittsteller abwimmeln sollte.

In seinem zweiten Roman „Der Diener des Philosophen“ verarbeitet der Stuttgarter Autor und Politikwissenschaftler Felix Heidenreich nun literarisch das sonderbare Verhältnis der beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Heidenreich überzeichnet den Kontrast zwischen beiden Männern, indem er Kant als scharfsinnigen, aber körperlich schwachen Gelehrten und Lampe als ungebildeten Tollpatsch darstellt. Schnell wird klar, welche Positionen die jeweiligen Figuren verkörpern. Während für Kant das Denken an oberster Stelle steht, verlässt sich Lampe auf seine Lebenserfahrung.

Das Ende der Metaphysik

Als Wendepunkt in Kants Leben beschreibt Heidenreich die Lektüre eines Buchs von David Hume. Der schottische Philosoph war Empirist und ein großer Gegenspieler Kants. Ihm zufolge können die Menschen nur das erkennen, was sie direkt erfahren haben. Kant vertrat hingegen die Auffassung, dass es Erkenntnis auch ohne Erfahrung gibt.

Als Lampe seinen Herren eines Tages wie gewohnt um fünf Uhr mit den vorgeschriebenen Worten – „Es ist Zeit!“ – wecken will, findet er Kant in einem äußerst aufgewühlten Zustand vor. Kant hebt das Buch hoch und sagt: „Dies ist kein flacher Skeptizismus, sondern das Ende der Metaphysik! Versteht Ihr: Wir endlichen Wesen können nichts Unendliches erkennen!“ Als Lampe fragt, was so schlimm daran sei, erntet er von seinem Herren wüste Beschimpfungen. „Was bist du nur für ein Einfaltspinsel! Du heißt Lampe und bist alles andere als eine Leuchte!“

Das Duell zwischen dem Herrn und seinem Knecht

Lampe ist der Überzeugung, Kant sei verrückt geworden. Von jenem Tag an herrscht Krieg zwischen dem Herrn und seinem Knecht. Immer wieder versucht der rachelüsterne Diener Lampe seinen überheblichen Herrn durch allerlei heimtückische Verwirrungsmanöver aus der Fassung zu bringen. Der ehemalige Soldat des preußischen Heeres betrachtet Kant als einen weltfremden Denker, der gegen die Welt „anvernünftelt“ und der kaum einen Tag ohne ihn überstehen würde. Kant wiederum sieht in seinem Diener nicht mehr als einen „Trottel fürs Empirische“.

Anhand des Kampfs zwischen Herr und Knecht veranschaulicht der Autor auf wunderbar unterhaltsame Art die zentrale Frage der Zeit, ob es Erkenntnis nur durch Erfahrung geben kann oder ob man auch von der Schreibstube aus zu großen Erkenntnissen gelangen kann.

Ein mit liebevoller Ironie geprägter Beitrag zum Kant-Jahr auf den Aufklärer, der ihn nicht als einsames Genie, sondern als zweifelnden Denker mit Marotten und Kanten erscheinen lässt.

Der Diener des Philosophen, Felix Heidenreich. Wallstein, 149 Seiten, 22 Euro.

Autor und Buch

AutorFelix Heidenreich wurde 2003 mit einer Arbeit über Hans Blumenberg in Heidelberg promoviert. Seit 2004 lehrt er im Fach Politikwissenschaften an der Universität Stuttgart. 2022 veröffentlichte er seinen ersten Roman mit dem Titel „Ich erinnere mich noch“ beim Wallstein-Verlag.

RomanHeidenreichs zweiter Roman „Der Diener des Philosophen“ ist in diesem Jahr ebenfalls bei Wallstein erschienen. 149 Seiten, 22 Euro.

Zum Artikel

Erstellt:
4. Januar 2024, 10:50 Uhr
Aktualisiert:
4. Januar 2024, 15:27 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!