Mannschaft mit Masterplan

Der VfB beeindruckt beim Sieg gegen RB Leipzig nicht nur mit seiner Spielweise. Die Stuttgarter befreien sich vielmehr mit neuer Energie aus einer schwierigen Lage und beenden vor dem Landesduell in Freiburg unliebsame Diskussionen.

Grundstein für den Sieg: Josha

© IMAGO/Jan Huebner

Grundstein für den Sieg: Josha

Von Carlos Ubina

Stuttgart - Der VfB Stuttgart beschäftigt ja einen Historiker. Florian Gauß ist der Fachmann für die Geschichte beim Traditionsverein von 1893. Er konserviert vieles, was in Erinnerung bleiben soll. Und vielleicht sollte Gauß – aus sportlicher Sicht – einen Blick auf die TV-Zusammenfassung des 5:2-Erfolgs gegen RB Leipzig werfen.

In den Aufnahmen lassen sich Szenen finden, die bislang stellvertretend für eine beachtliche Saison stehen. Weniger, weil der VfB im zwölften Anlauf gegen den Bundesligisten aus Sachsen erstmals gewonnen hat, sondern vielmehr weil am Ende dieser Spielzeit deutlich mehr herausspringen könnte, als sich die Fans und Fußballexperten zu Beginn vorstellen konnten.

Die Begegnung steckte zunächst voller Befürchtungen, die sich anschließend in einem Spektakel entluden. Tabellenplatz drei ist eindrucksvoll untermauert. Ob die Leistungen des VfB nach Jahren des Abstiegskampfs letztlich aber mit dem Einzug in den Europapokal eine neue historische Dimension erreichen, bleibt natürlich abzuwarten. Die Verantwortlichen geben sich nach wie vor zurückhaltend. Nachvollziehbar. Doch gegen die Leipziger, den Tabellenvierten mit Ansprüchen, haben die Stuttgarter dominiert. Obwohl sie nach zwei Niederlagen in diesem Jahr selbst angeschlagen in die Partie gingen.

Das Team drohte in eine Negativspirale zu geraten, zumindest aber in eine Ergebniskrise zu stürzen. Jetzt spricht Sebastian Hoeneß jedoch vom „Stolz“ darüber, wie sich die Spieler trotz der Personalprobleme (fünf potenzielle Stammkräfte nicht dabei) aus der misslichen Lage herauskombiniert haben. „Wir hatten eine gute Energie. Das war spürbar“, sagt der Trainer über die defensive Griffigkeit und den offensiven Schwung, mit denen zu der Stärke aus den vergangenen Monaten zurückgefunden wurde.

„Zu unseren Stärken Spielfreude und Kreativität sind diesmal auch die Gier und der Wille gekommen, dieses Spiel unbedingt gewinnen zu wollen“, sagt der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth. Die Verbindung dieser Elemente lässt sich an zwei Spielern festmachen, die auch der Historiker Gauß in Augenschein nehmen könnte. Für einen tieferen Blick in die Seele der Mannschaft.

Weil Enzo Millot als Vertreter des gesperrten Atakan Karazor auf ungewohnter Position im Mittelfeld überzeugte. Der erst 21-jährige Franzose übernahm zudem nicht nur die Verantwortung für den Handelfmeter zum 1:0 (25.), sondern weiter für das ganze Stuttgarter Spiel. Vor allem aber, weil Millot eine Wandlung durchlaufen hat – vom technisch begabten Filou zum Unterschiedsspieler. Der Zweite im Reigen ist Jamie Leweling. Ein Kraftprotz, der häufig zwischen Ball und Bank pendelt und dem die spielerische Leichtigkeit abgeht. Der ausgeliehene Angreifer gibt jedoch nicht auf – und traf so zum wichtigen 3:1 (48.).

Die anderen Tore waren die Sache von Deniz Undav (30./56./75.). Damit war der Stürmer der gefeierte Mann in den Reihen der Weiß-Roten. Gleichzeitig halfen seine Saisontreffer zehn, elf, zwölf maßgeblich dabei, eine unliebsame Diskussion zu beenden. Ohne Serhou Guirassy (zurzeit mit Guinea beim Afrika-Cup) schien der VfB kein Bundesligaspiel gewinnen zu können.

Jetzt fehlt die Qualität des Torjägers zwar immer noch, aber die Stuttgarter sind trotz der Gegentreffer von Benjamin Sesko (32.) und Lois Openda (55.) in ihren selbstsicheren Abläufen zurück und haben den Glauben an sich zurückgewonnen. „Es ist doch klar, dass es uns wehtut, wenn ein Spieler wie Serhou Guirassy, der zu den besten Stürmern in der Liga zählt, nicht dabei ist. Das nimmt uns Substanz, aber wir mussten uns diesbezüglich nichts beweisen. Wir treten noch immer mit einer sehr jungen Mannschaft an, und da gehört es zur Entwicklung, dass sie auch mal in schwierige Situationen gerät“, sagt Hoeneß. Vertrauen in die Spieler ist dabei sowohl für den Trainer als auch für den Sportdirektor ein Schlüssel zum Erfolg. „Wir wollen klar im Kopf bleiben“, sagt Wohlgemuth, „und die Mannschaft hat gezeigt, dass es womöglich weniger Abhängigkeiten von einzelnen Spielern gibt, als von außen befürchtet wird.“ Diese mannschaftliche Geschlossenheit gehört ebenso zum Masterplan, um den VfB oben zu halten, wie der Realitätssinn von Hoeneß und Wohlgemuth. „Wir bleiben im Hier und Jetzt und loben uns nicht in den Himmel, wenn wir zwei Spiele hintereinander gewinnen. Wir ziehen uns aber auch nicht runter, wenn wir zwei Spiele in Folge verlieren“, sagt der Chefcoach.

Zumal auf dem Stuttgarter Weg noch viele Prüfsteine stehen, ehe in der Vereinshistorie ein weiteres Erfolgskapitel geschrieben werden kann. Wie am Samstag beim SC Freiburg. Ein unangenehmer Gegner. Trotz der neun Punkte Vorsprung auf den Landesrivalen, der wieder in die internationalen Ränge vordringen will. Da kommt schwere Arbeit auf den VfB zu, weshalb sich Hoeneß und seine Elf nicht von der Leichtigkeit des Augenblicks wegtragen lassen wollen.

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Erstellt:
28. Januar 2024, 22:04 Uhr
Aktualisiert:
29. Januar 2024, 21:57 Uhr

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