„Wir wollen raus aus den Abhängigkeiten“

Fabian Wohlgemuth blicktauf sein erstes Jahr als Sportdirektor des VfB Stuttgart – und auf die künftige Ausrichtung des Clubs.

Fabian Wohlgemuth ist seit dem 3. Dezember 2022 Sportdirektor des VfB Stuttgart.

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Fabian Wohlgemuth ist seit dem 3. Dezember 2022 Sportdirektor des VfB Stuttgart.

Von David Scheu und Carlos Ubina

Stuttgart - An diesem Sonntag ist Fabian Wohlgemuth als Sportdirektor des VfB Stuttgart genau ein Jahr im Amt. Vor dem Heimspiel gegen Werder Bremen am Samstagabend (18.30 Uhr) spricht der 44-Jährige über die Gründe für den Höhenflug nach dem Fastabstieg – und eine mögliche Vertragsverlängerung mit dem Trainer.

Herr Wohlgemuth, ein Jahr VfB liegt hinter Ihnen. Ist es schnell vergangen?

Es war auf jeden Fall sehr intensiv und dadurch auch äußerst kurzweilig. Wir hatten extrem viele Ausschläge in alle Richtungen. Man vergisst ja gerne beim derzeitigen Erfolg, dass wir in diesem Jahr auch schon ein Bein in der zweiten Liga hatten.

Bei Ihrem Amtsantritt lag der VfB auf dem Relegationsplatz.

In dieser Zeit kam der Wind von allen Seiten. Wir waren im Abstiegskampf, die finanziellen Mittel waren limitiert, wir mussten zweigleisig planen und hatten unter anderem mit Silas (Vertragsverlängerung, Anm. d. Red.) gleich dringende Personalthemen auf dem Tisch. Das waren einige Teller, die gleichzeitig in der Luft gehalten werden wollten. Es waren schwierige Tage und lange Nächte. Das schweißt zusammen, wenn man so eine Situation gemeinsam meistert. Wir sind zusammengewachsen in diesen Krisenzeiten. In solchen Situationen kommt es auf Führung an. Unser Vorstandsvorsitzender Alexander Wehrle hat in dieser kritischen Phase das Schiff auf Kurs gehalten.

War diese extreme Form des Drucks eine neue Erfahrung, die Sie aus Ihren vorherigen Stationen in Paderborn und Kiel nicht kannten?

Natürlich ist die Bundesliga eine besondere Herausforderung und der VfB ein großer Club. Für die tägliche Arbeit war das allerdings nicht unbedingt entscheidend. Wir hatten vom ersten Tag an das Ziel Klassenverbleib vor Augen und haben uns auf das Innenleben fokussiert. Aber klar, ein so großer Club hat einen anderen Rhythmus.

Das ging dann so weit, dass mit Bruno Labbadia der dritte Trainer innerhalb einer Saison verpflichtet wurde. Woran ist sein Engagement gescheitert?

Bruno hat die Mannschaft in einen athletisch guten Zustand gebracht. Und es gab viele knappe Spiele mit guten Leistungen, dabei bleibe ich. Dann fiel Serhou Guirassy über mehrere Wochen aus, das war ganz sicher nicht ohne Einfluss. Letztlich sind die Ergebnisse ausgeblieben, und wir mussten reagieren. Der VfB ganz am Ende der Tabelle Anfang April war ein verheerender Anblick. Es gab aber selbst in dieser Zeit Momente, an die ich gerne zurückdenke.

Sie machen uns neugierig.

Einen Tag nach der 0:3-Niederlage bei Union Berlin hatten wir uns für einen erneuten Trainerwechsel entschieden. Es war ein Sonntag, mein Geburtstag, ich war gerade mit Alex Wehrle im Austausch zu den aktuellen Ereignissen, als unser Finanzvorstand, Thomas Ignatzi, mit drei Dosen Bier in mein Büro kam und sagte: „Fabian, das ist zwar kein schöner Geburtstag heute. Aber wir machen jetzt mal eine Viertelstunde Pause.“ Dann saßen wir da und haben angestoßen. Das sind so kleine Momente, die bleiben.

Die anschließende Trainerverpflichtung war ein Glücksgriff, unter Sebastian Hoeneß liegt der VfB derzeit auf Platz drei. Hätten Sie das erwartet?

Es kam auch für mich etwas überraschend, das muss ich zugeben. Die Mannschaft hat manche der erhofften Entwicklungsschritte schneller als gedacht vollzogen.

Was sind die entscheidenden Unterschiede zur vergangenen Saison?

Sebastian ist es in kürzester Zeit gelungen, der Mannschaft einen neuen Spirit zu geben. Er hat den Spielern das Selbstbewusstsein zurückgegeben. Alles auf das sogenannte Momentum zurückzuführen, würde der Sache nicht gerecht werden. Dagegen spricht auch die Tatsache, dass das Team mehrere Rückschläge erfolgreich verarbeiten konnte. Inzwischen ist die Mannschaft reifer, das Selbstverständnis ein anderes, und viele Spieler haben im Rahmen der kollektiven Aufwärtsentwicklung selbst entscheidende Schritte nach vorn gemacht. Und natürlich darf man nicht vergessen, dass wir im Sommer gemeinsam um die 35 Transferaktivitäten bewerkstelligt haben.

Die Zielsetzung einer Saison ohne Abstiegssorgen korrigieren Sie aber nicht.

Zunächst einmal: Das ist kein kleines Ziel. Frühe Planungssicherheit ist ein hohes Gut. Wir hatten in der Endphase der vergangenen Saison viele gute Gespräche mit potenziellen Neuzugängen, aber die Ligazugehörigkeit war eben bis in den Juni hinein offen. Das hat die Notwendigkeit mit sich gebracht, diese Spieler über einen langen Zeitraum der Unklarheit bei Laune zu halten. Deshalb ist eine sorgenfreie Saison für uns von großem Wert. Und: Je geringer der Abstand nach oben, desto geringer die Sorgen.

Aber der VfB steht doch nicht durch Glück oder Zufall auf Platz drei.

Das stimmt schon, unsere Leistungen sind konstant gut in dieser Saison. Wie schon gesagt, hat unser Trainer hier Entscheidendes in Bewegung gesetzt. Dennoch, wir müssen das, was geschieht, richtig einordnen. Unsere aktuellen Ergebnisse laufen der sportlichen und wirtschaftlichen Gesamtentwicklung etwas voraus. Um nach den vergangenen zwei schwierigen Spielzeiten überhaupt voranzukommen, haben wir uns vor dieser Saison bewusst in Abhängigkeiten begeben. Aus denen wollen wir raus.

Was meinen Sie?

Mittelfristig müssen wir mit weniger Ausstiegsklauseln in den Verträgen auskommen und auch die Zahl der Leihgeschäfte reduzieren. Wir haben im Sommer zum Beispiel mit der Verpflichtung von Alexander Nübel als Torwart viel Qualität durch eine Leihe dazu geholt, sitzen bei der Personalie aber nicht als Bestimmer am Tisch. Das sind Kompromisse, die wir akzeptieren mussten. Zukünftig aber müssen wir uns davon lösen, sonst fangen wir immer wieder bei null an.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, Alexander Nübel oder Serhou Guirassy über die Saison hinaus zu halten?

Die Wahrheit ist: Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt schlichtweg nicht sagen. So ehrlich müssen wir sein. Wir werden natürlich das in unserer Macht Stehende tun, um das Niveau der vorhandenen Qualität der Mannschaft zu halten. Das aber hängt auch immer am Willen der Spieler und an den finanziellen Möglichkeiten des Clubs. Große Sprünge wird es da im nächsten Sommer nicht geben. Unser Ziel ist es, mittelfristig in der Lage zu sein, die Eckpfeiler der Mannschaft nicht immer von Neuem austauschen zu müssen.

Ihr Trainer steht auch im Fokus, sein Vertrag endet 2025. Wollen Sie vorzeitig mit Sebastian Hoeneß verlängern?

Die Frage zeigt doch, dass es gut läuft und es derzeit passt. Eineinhalb Jahre vor Vertragsende war das in der jüngeren Vergangenheit beim VfB selten ein Thema. Natürlich sind wir an einer langfristigen Zusammenarbeit mit Sebastian interessiert und werden dazu zu gegebener Zeit Gespräche führen. Das Wichtigste ist aber nicht der Vertrag – sondern das Gefühl und die Überzeugung, dass er mit Herz und Seele beim VfB Stuttgart ist und den vom Verein vorgegebenen Rahmen akzeptiert. Das sehe ich zu hundert Prozent.

Wie steht es um Ihre eigene Zukunft beim VfB? Hängt sie von einer Beförderung zum Sportvorstand ab?

Nein. Dass ich mir das grundsätzlich vorstellen kann, ist ja bekannt. Aber es gibt eben auch andere Kriterien: Ich habe große Lust darauf, dass wir hier zusammen viel erreichen. Der Entwicklung des VfB sind wenige Grenzen gesetzt. Wir haben ein fantastisches Stadion, treue Fans, Partner von Weltformat und haben unser Zuhause in einer Großstadt mit enormer Strahlkraft.

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Erstellt:
1. Dezember 2023, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
2. Dezember 2023, 20:03 Uhr

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