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„Ich bin immer noch ich und will mich nicht verbiegen“

Das Interview: Oliver Zapel über seine Entwicklung als Trainer, die Rückkehr zur SG Sonnenhof Großaspach und die Ziele

Eine Rückkehr bringt immer Chancen und Risiken mit sich – auch die von Trainer Oliver Zapel zum Fußball-Drittligisten SG Sonnenhof Großaspach. Nach der 1:4-Pleite im Auftaktspiel in Duisburg und vor dem morgigen Heimspiel gegen Kaiserslautern (14 Uhr, Mechatronik-Arena) spricht der 51-Jährige über seine Erfahrungen in den vergangenen beiden Jahren und skizziert die Erwartungen für seine zweite Amtszeit im Fautenhau.

Auch mal nachdenklich, aber vor allem zuversichtlich, der SG wieder seine Handschrift verpassen zu können: Oliver Zapel in der Redaktion. Foto: A. Becher

© Sportfotografie Alexander Becher

Auch mal nachdenklich, aber vor allem zuversichtlich, der SG wieder seine Handschrift verpassen zu können: Oliver Zapel in der Redaktion. Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

Zum Auftakt die 1:4-Pleite in Duisburg: Nagt vor allem das Ergebnis an Ihnen oder gibt es auch fundamentale Kritik an der Leistung?

Fundamental klingt für mich viel zu hart, aber natürlich gibt es Kritik an einzelnen Abschnitten in diesen 90 Minuten, auch die Mannschaft selbst kritisiert sich. Wir werden uns daher über viele kleinere Sequenzen unterhalten und die Fehler aufzeigen, aber trotzdem festhalten, dass wir sehr viele Bausteine unseres Spiels exakt so umgesetzt haben, wie wir es wollten.

Beim Amtsantritt kündigten Sie eine aggressivere, weniger abwartende Spielweise an, als es in Großaspach zuletzt der Fall war. Schwang da leise Kritik an Ihren Vorgängern mit?

Überhaupt nicht, im Gegenteil: Sie haben es geschafft, das Team in der Liga zu halten und damit das Primärziel erreicht. Sie haben Spieler weiterentwickelt und für andere Klubs attraktiv gemacht. Deshalb denke ich nicht an Kritik an irgendwem, sondern an Weiterentwicklung. Ich stehe in der Pflicht, diese voranzutreiben und da sehe ich den Ansatz, dass wir uns fußballerisch anders aufstellen müssen, um die Ressourcen, die unsere jetzige Truppe bietet, auch komplett zu erschließen.

Birgt die offensivere Herangehensweise zugleich auch die Gefahr in sich, die Stabilität in der Defensive zu verlieren und taugen die vier Gegentore in Duisburg als Indiz dafür?

Nur bedingt. Das eine schließt das andere nicht aus, aber wenn man sich viel in des Gegners Hälfte bewegt, muss man wissen, dass die Räume zwischen der letzten Abwehrreihe und dem eigenen Tor für gegnerische Konterangriffe verlockend sind. Diese Erfahrung sammelten wir in Duisburg, wobei die Treffer weniger aus klassischen Kontern als vielmehr aus Situationen entstanden sind, in denen wir alle Fäden in der Hand hatten und durch individuelles Fehlverhalten den Gegner erst wieder in unsere Hälfte gelassen haben.

In Duisburg trat auch schon wieder die altbekannte Schwäche im Abschluss zutage. Fehlt ein Torjäger wie Lucas Röser, der 2016/2017 in Ihrer ersten Amtszeit 14 Tore erzielte?

Den haben wir mit Dimitry Imbongo, der zu den besten Spielern auf dem Platz gehörte. Er war extrem präsent, immer anspielbar und torgefährlich. Er hat neben dem Tor zwei weitere Chancen vergeben, war aber genau da, wo es vielleicht letztes Jahr noch an Präsenz fehlte. Mit ihm haben wir einen ähnlichen Spielertypen wie Lucas Röser, obwohl der Bewegungsablauf ein anderer ist. Darüber bin ich extrem glücklich, so einen haben wir gesucht und gefunden. Die Verantwortung, Tore zu erzielen, liegt allerdings nicht nur bei ihm, wir hatten ein Chancenplus von 8:6. Da sind fast alle in der Pflicht, auch Spieler aus der hintersten Reihe. Vor allem müssen wir uns bei Standardsituationen endlich zusammenreißen – das ist ein Punkt, bei dem ich Kritik anzumelden habe. So wie wir sie in Duisburg hergeschenkt haben, wird es auf Dauer Probleme geben.

26.07.2019 SG-Trainer Oliver Zapel vor dem FCK-Heimspiel
01:25 min
Mit welchen Erwartungen Oliver Zapel, Trainer des Fußball-Drittligisten SG Sonnenhof Großaspach, ins Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern geht, verrät er im BKZ-Video.

Sie hatten schon nach dem letzten Testspiel in Sandhausen angemahnt, dass noch ein oder eher zwei neue Spieler kommen sollten. Sehen Sie sich darin nun bestärkt? Wenn ja, auf welchen Positionen sehen Sie Bedarf?

Ich denke, das ist nicht nur meine Sichtweise. Sportdirektor Joannis Koukoutrigas und ich sind täglich im Austausch und die Transferperiode endet erst am 2. September. Daher ist dies völlig normal und bedeutet in keinem Fall, dass ich dem bisherigen Kader nicht vertraue. Aber im Training elf gegen elf zu spielen wäre wichtig, um bestimmte Abläufe einzustudieren. Die Situation hindert uns zwar nicht daran, einen Kader mit 18 Mann zu rekrutieren, aber wir haben beispielsweise nur fünf Spieler, die unter die U-23-Regelung fallen. Von denen müssen vier zum Kader zählen, weshalb ich mir bei den anderen 14 Plätzen sehr viele Gedanken machen muss. Es ist daher erforderlich, den Kader noch auf ein bis zwei Positionen zu erweitern. Ohne es zu stark eingrenzen zu wollen, denke ich an einen Offensiv- und an einen Defensivspieler.

Als Sie die SG vor zwei Jahren verließen, war von „grundlegend unterschiedlichen Auffassungen in der Ausrichtung“ die Rede. Haben Sie Ihre Erwartungen runtergeschraubt oder hat sich der Klub deutlich weiterentwickelt?

Ich habe meine Erwartungen nicht runtergeschraubt, aber angepasst – und das hat der Verein auch getan. Beide Seiten haben diese Distanz zunächst gebraucht, um reflektieren zu können, was passiert ist. Damals wurden die Fußstapfen meines Vorgängers Rüdiger Rehm anfänglich oft als sehr groß und als kaum auszufüllend bezeichnet. Sein Name war nach der langen Zeit omnipräsent, was auch angemessen und gut ist. Ich denke aber, dass man im Rückblick erkannt hat, dass diese Fußstapfen richtig gut ausgefüllt wurden. Mit etwas Abstand wurde festgestellt, dass es eine richtig starke sportliche Leistung war – vielleicht sogar die beste, die wir im Verein jemals hatten. Und was ich ebenfalls sagen muss: Der Verein hat sich toll weiterentwickelt.

Was haben Sie aus Ihren beiden recht kurzen Engagements seit 2017 mitgenommen? Fangen wir mal beim SV Werder Bremen II an.

Es kann hilfreich sein, sich der Möglichkeiten zu bedienen, die der große Apparat eines Bundesligisten bietet. Hierbei denke ich an die Arbeitsausstattung fürs Trainerteam oder an die personellen Ressourcen für Spielanalyse und Scouting.

Und die kurze Amtszeit bei Fortuna Köln, die mit dem Drittliga-Abstieg endete?

Dort habe ich festgestellt, wie hilfreich es sein kann, eine emotionale Bindung auch zum Umfeld eines Klubs aufzubauen und die extreme Unterstützung einer breiten Fan-Basis zu erhalten. Das sind Eindrücke, die ich nicht missen will. Sie haben mich sehr bereichert und ich kann vieles mitnehmen für den Neustart bei der SG.

Sie haben einen Bundesligisten in Sachen Controlling und Optimierung beraten. Was heißt das konkret und welcher Verein war’s?

Letzteres darf ich nicht verraten. Ich bin mit einem Konzept an einen Verein herangetreten, weil ich den Eindruck hatte, dass Optimierungsbedarf in diesem Bereich bestehen könnte. Die Verantwortlichen waren sehr offen für die Vorschläge. Ich habe danach als externer Beobachter versucht, die Kommunikation zwischen der sportlichen Leitung sowie den Kontrollgremien zu optimieren. In einem großen Verein im Aufsichtsrat zu sitzen und aus der Vogelperspektive zu beurteilen, ob der Trainer einen Zugang zum Team hat, kann nicht funktionieren, wenn man in einem Weltkonzern den ganzen Tag für andere Prozesse verantwortlich ist.

Was brachten Ihnen die Hospitanzen in der Jugendakademie von Ajax Amsterdam und beim niederländischen Erstligisten Almelo?

Eindrücke, die ebenso kaum zu ersetzen sind. Wenn man zum Beispiel sieht, wie Ajax in der Spielerausbildung von Kindesbeinen an mit den Jungs umgeht, wird einem bewusst, warum man dort in technisch-taktischer Hinsicht einen anderen Zugang zu den Spielern findet als hier in Deutschland. Dort wird Fußball gespielt, nicht an der Magnettafel gelehrt. Es gibt nicht viel Videoüberwachung, die Jungs werden einfach von der Leine gelassen – und trotzdem wird im Detail gearbeitet. Sehr interessant war es auch, meinen Ausbilder Frank Wormuth als Trainer in Almelo dabei zu beobachten, wie er den Sprung von der Trainerausbildung zu einem deutschen Coach in den Niederlanden hinkriegt, was alles andere als normal ist – und mit ihm darüber zu reden, welche Klippen er umschiffen musste.

Würden Sie sagen, Sie sind ein besserer Trainer als vorher – oder nur ein etwas anderer?

Ich hoffe, ich bin ein besserer Trainer geworden, das hoffe ich eigentlich von Tag zu Tag. Wie Jürgen Klinsmann schon gesagt hat, versuche ich ja auch, die Spieler jeden Tag besser zu machen. Das ist keine Plattitüde, sondern es muss ja so sein. Ich bin aber auf alle Fälle auch ein anderer Trainer geworden, weil ich mich geöffnet und die Scheuklappen abgelegt habe. Ich habe viel nach links und rechts geschaut und respektiere es auch total, wenn andere Trainer mal Wege gehen, die ich vorher vielleicht nicht als ertragreich betrachtet habe. Ich muss nur aufpassen, mich auch wieder in meine Welt zurückzuholen und mich auf das zu besinnen, was mich immer ausgezeichnet hat: Und das ist eben viel Intuition sowie ein Bauchgefühl für bestimmte Momente. Ich bin immer noch ich und will mich nicht verbiegen.

Gibt es einen Begleiter, der ab und an guckt, ob Oliver Zapel noch Oliver Zapel ist?

Abgesehen von meiner Familie, die mich immer wieder kritisch hinterfragt, gibt es eine Art Mentor und Trainerscout. Er beobachtet mich, bewertet mein Verhalten und analysiert meine Entscheidungen. Es ist wichtig, als Trainer auch selbst einmal den Spiegel vorgehalten zu bekommen, um sich weiterentwickeln zu können.

Nun beginnt die Englische Woche mit einem Heimspiel gegen Kaiserslautern. Dann geht’s nach Würzburg, ehe Uerdingen nach Aspach kommt. Wie viele Punkte sollten es sein?

Neun (lacht). Sollten es ein bisschen weniger sein, nehmen wir das auch an. Im Ernst: Ich weiß, dass mein Team jeden Gegner schlagen, aber auch gegen jeden verlieren kann. Wir könnten danach theoretisch also noch mit null Zählern dastehen, das sind dicke Bretter. Wir müssen sehr aufmerksam und mit viel Selbstvertrauen zu Werke gehen, um die Punkte einzufahren, die wir für unsere Spielweise vielleicht verdient hätten. Wir haben in Duisburg aber gesehen, dass in dieser Liga 75 und mehr Minuten auf Augenhöhe nicht ausreichen, es müssen 95 Minuten sein. Klar ist: Wir haben keine Angst vor irgendwelchen Namen und wenn wir konzentriert weiterarbeiten, wird es sicher zwangsläufig so sein, dass wir viele Siege einfahren. Das geht nicht anders.

Ist der starke zehnte Platz in Ihrer ersten Saison in Großaspach für Sie das Maß oder zählt einzig und allein der Klassenverbleib?

Natürlich ist das erste große Ziel der Klassenverbleib. Ich will mich aber lieber an der Art und Weise messen lassen, wie wir damals mit einem ähnlich zusammengestellten Team sowie der gleichen Herangehensweise und Ausgangssituation aufgetreten sind. Kriegen wir es wieder hin, uns in jedem Mannschaftsteil so flexibel und variabel aufzustellen, dass wir für unsere Rivalen unbequem und kaum zu berechnen sind, werden wir meines Erachtens auch mindestens dieselbe Punktzahl holen und ebenso viele Tore erzielen können. Ich will es ungern an einer Platzierung festmachen.

Zur Person
Oliver Zapel

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Erstellt:
26. Juli 2019, 06:00 Uhr

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