Wie Amphibien im Rems-Murr-Kreis vor Waschbären geschützt werden sollen

Der Waschbär breitet sich im Rems-Murr-Kreis aus und bedroht unter anderem Kröten, Unken und andere Amphibien. Deshalb sind in Aspach, Oppenweiler und Schorndorf nun probeweise Tannenzweige, Elektrozäune und Fallen als Schutzmaßnahmen im Einsatz.

Jochen Schäufele (links) und Uwe Hiller von der Unteren Naturschutzbehörde der Kreisverwaltung stehen an einem Elektrozaun, der die Amphibien im Teich vor dem Waschbären schützen soll. Foto: Alexander Becher

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Jochen Schäufele (links) und Uwe Hiller von der Unteren Naturschutzbehörde der Kreisverwaltung stehen an einem Elektrozaun, der die Amphibien im Teich vor dem Waschbären schützen soll. Foto: Alexander Becher

Von Anja La Roche

Rems-Murr. Wer dieser Tage am Fritz-Abele-See in Aspach-Rietenau vorbeikommt, genauer gesagt: am kleineren Teich nebenan, könnte sich fragen: Warum ist um den Teich ein kleiner Elektrozaun gespannt? Und warum sind zwei Wildtierkameras aufgestellt? Dabei handelt es sich um eine von verschiedenen Maßnahmen, die im Rems-Murr-Kreis dieses Jahr getestet werden, um schützenswerte Amphibien künftig vor einem aggressiven Feind bewahren zu können: dem Waschbären (wir berichteten). Projektgebiete befinden sich neben Aspach auch in Oppenweiler und Schorndorf.

Der Waschbär, seit 2016 als invasive gebietsfremde Art gelistet, stammt eigentlich aus Nordamerika und wurde in Deutschland erstmals in Hessen ausgesiedelt. Das war 1934. Einige Jahre später entwichen weitere Tiere in der Nähe von Berlin aus einer Pelztierfarm. Heute zeigt sich: Die Ausbreitung des Waschbären wurde zu lange ignoriert. Und eines der von ihm verursachten Probleme ist, dass er liebend gerne Amphibien wie Kröten, Frösche und Unken vernascht. Die wiederum sind ein wichtiger Bestandteil in der Nahrungskette unseres heimischen Ökosystems.

Die Kröten sind den Waschbären schutzlos ausgeliefert

An einem Laichgewässer in Aspach beispielsweise wurden vor Kurzem über 400 gehäutete Erdkrötenkadaver gefunden. Die Waschbären häuten sie wegen ihrer Giftstoffe, essen nur die Leckereien und lassen die Tiere angefressen liegen. Die Kröten seien ihnen dabei schutzlos ausgeliefert. „Die kennen den Waschbären hier nicht als Feind“, erklärt Jochen Schäufele, Leiter des Umweltschutzamts im Kreis, die Problematik.

Eine flächendeckende Bejagung des Waschbären sei laut Schäufele nicht sinnvoll, weil es bereits zu viele der pelzigen Tiere gebe. Vielmehr müsse lokal beobachtet werden, wo der Waschbär tatsächlich dafür sorgt, dass die Bestände von gefährdeten Amphibien weiter schrumpfen, um dort dann entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Nun umrandet also ein Elektrozaun den Teich in Rietenau – ein Versuch der Menschen, den Schaden durch den einst selbst ausgesiedelten Waschbären etwas zu begrenzen.

Der Zaun wurde am 17. Februar, rechtzeitig zur Laichzeit, aufgestellt. Die Waschbären würden beim Versuch, ans Wasser zu kommen, einen Stromschlag erleiden und in der Folge den Bereich meiden, erklärt Schäufele das Prinzip. Mit den Wildtierkameras wird überprüft, ob der rund 1.000 Euro teure Zaun die Tiere auch wirklich fernhält. Bisher seien tatsächlich keine Waschbären mehr gesichtet worden. Kleine Elektrozäune um Laichgewässer im Rems-Murr-Kreis könnten also künftig als eine Lösung angewendet werden, um die sonst schutzlosen Amphibien vor Waschbären zu bewahren. Die offizielle Auswertung des Pilotprojekts „Amphibienschutz und Waschbärenmanagement“ folgt allerdings erst Ende des Jahres.

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Der Elektrozaun ist dabei nur eine Maßnahme, die getestet wird, um herauszufinden, wie die Amphibien am besten vor Waschbären geschützt werden können. Ein weiterer Versuch befindet sich nicht weit entfernt an einem winzigen Teich im Wald: Dort wurde eine Falle aufgestellt, um vorbeikommende Waschbären einzufangen. Dabei handle es sich um eine Lebendfalle, erklärt Uwe Hiller, der Amphibienbeauftragte des Landkreises. Wird sie ausgelöst, egal von welchem Tier, erhält der zuständige Jäger eine Mitteilung auf sein Handy. Handelt es sich bei dem eingefangenen Tier um einen Waschbären, erschießt der Jäger das Tier vor Ort. Die Jäger machen diese Mehrarbeit ehrenamtlich.

Zurzeit darf er allerdings nur die männlichen Waschbären töten – und das auch nur aufgrund einer Sondergenehmigung. Denn trotz der negativen Folgen, die der Waschbär für unser heimisches Ökosystem mit sich bringt, darf den felligen Tierchen nicht zu viel Leid zugefügt werden. Nach dem Tierschutzgesetz wäre das auch der Fall, wenn eine Waschbärin getötet wird und deshalb ihre Jungen im Bau qualvoll verhungern. Die Schonzeit für die Jagd auf Waschbären dauert deshalb von Mitte Februar bis Ende Juni.

Zweige sollen den Kleinbären fernhalten

Ein Stück weiter im Wald bei Rietenau befindet sich noch eine weitere Versuchsanlage: Ein Teich wurde dort im Uferbereich mit Zweigen von Nadelbäumen ausgekleidet. Die Idee dahinter ist folgende: Die Waschbären fischen meist nur vom Rand des Gewässers nach den Amphibien im Wasser. Sie machen sich laut Schäufele selten die Mühe, dafür ins Wasser zu springen, obwohl sie eigentlich gut schwimmen können. Und das brauchen sie auch nicht, denn die Lurche tummeln sich meist sowieso in Ufernähe – eine einfache Beute. Die Zweige sollen die Waschbären nun davon abhalten, sich gemütlich vom Teichrand aus einen Leckerbissen aus dem Wasser greifen zu können. Zusätzlich ist neben dem Teich eine weitere Lebendfalle positioniert. Und Hiller berichtet von einer weiteren Maßnahme, die besonders die stark gefährdete Gelbbauchunke vor dem invasiven Fressfeind schützen soll: Gitterabdeckungen über dem Wasser. Die Gelbbauchunke hat ursprünglich Bach- und Flussauen bewohnt, wo sie die im Zuge der Auendynamik entstandenen Gewässer besiedelte. Als Ersatzlebensräume bevorzugt sie temporäre Kleinstgewässer wie Traktorspuren, Pfützen und kleine Wassergräben, die meist vegetationslos und frei von konkurrierenden Arten und Fressfeinden sind. Um der Gelbbauchunke einen sicheren Lebensraum zu bieten, sollen im Rahmen des Pilotprojekts kleine Gewässer kreiert werden, die nach ein, zwei Jahren wieder trockengelegt werden können. Zum Schutz vor dem Waschbären soll ein Gitter über diese künstlichen Kleinstgewässer gelegt werden. Der Versuch soll laut dem Amphibienbeauftragten allerdings erst im Mai starten, denn die Gelbbauchunken laichen erst im Sommer, wenn es wärmer wird und dementsprechend auch die Wassertemperaturen steigen.

Bei all dem stellt sich die Frage: Können sich die Amphibienbestände so wirklich nachhaltig erholen? Für Hiller und Schäufele ist klar: Dass die Amphibienbestände zurückgehen, ist auf viele Faktoren zurückzuführen, nicht nur auf die Ausbreitung des Waschbären. Zum Beispiel sind die landwirtschaftliche Nutzung und die Bebauung durch den Menschen ein großes Problem für die Tiere, weil dadurch ihr Lebensraum schwindet. Und als wie effektiv sich die verschiedenen Maßnahmen letztlich entpuppen, gilt es sowieso erst noch abzuwarten.

Weitere Projektbeteiligte Das Pilotprojekt „Amphibienschutz und Waschbärenmanagement“ läuft unter der Federführung des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft. Projektbeteiligt sind die Untere Naturschutzbehörde, das Kreisforstamt und der Wildtierbeauftragte des Rems-Murr-Kreises sowie Vertreterinnen und Vertreter von Forst BW und der Wildforschungsstelle Baden-Württemberg.

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Erstellt:
4. Mai 2024, 16:00 Uhr

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