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Rollt in Großaspach noch einmal der Ball?

SG Sonnenhof plädiert mit sieben weiteren Drittligisten für Saisonabbruch

Die einen wollen die Saison trotz der Coronakrise auf Gedeih und Verderb mit Geisterspielen durchziehen, zu dieser Gruppe zählen die bayerischen Vereine. Die anderen plädieren für den Abbruch, auch die SG Sonnenhof Großaspach ist Teil dieser Allianz. Wieder andere haben sich offiziell noch gar nicht positioniert, aus den unterschiedlichsten Gründen. Bei dieser Gemengelage ist es nur sehr schwer vorstellbar, dass sich die 20 Fußball-Drittligisten mit dem DFB noch auf eine gemeinsame Lösung verständigen.

Wo sonst regelmäßig Drittliga-Fußball zu sehen ist, herrscht derzeit gähnende Leere. Fraglich ist, ob im Aspacher Stadion vor dem Sommer überhaupt noch mal die Kugel rollt. Die SG Sonnenhof zählt zu den acht Drittligisten, die den Abbruch der Saison fordern. Foto: A. Becher

© Sportfotografie Alexander Becher

Wo sonst regelmäßig Drittliga-Fußball zu sehen ist, herrscht derzeit gähnende Leere. Fraglich ist, ob im Aspacher Stadion vor dem Sommer überhaupt noch mal die Kugel rollt. Die SG Sonnenhof zählt zu den acht Drittligisten, die den Abbruch der Saison fordern. Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

Mindestens bis zum 31. August und damit noch gut vier Monate sind Großveranstaltungen in Deutschland verboten. Wie dieser Begriff definiert wird, darf zwar jedes der 16 Bundesländer individuell entscheiden und Schleswig-Holstein hat zum Beispiel bereits angekündigt, schrittweise bis zu 1000 Menschen bei einem Event erlauben zu wollen, doch klar ist: Fußballspiele mit Publikum wird es im Profibereich und damit auch in der Dritten Liga frühestens im Spätsommer wieder geben und selbst dafür braucht es wohl eine stattliche Portion Optimismus. Bis dahin sind allenfalls die seit Wochen viel diskutierten Geisterspiele eine Option, wenn sie von den Behörden überhaupt genehmigt werden.

Doch selbst wenn das passieren sollte, klaffen die Meinungen über den Sinn oder Unsinn dieses Weges in der dritthöchsten deutschen Spielklasse weit auseinander – anders als in den ersten zwei Ligen, in denen die Fernsehgelder eine deutlich größere und die Zuschauereinnahmen eine wesentlich geringere Rolle spielen. Unter den Drittligisten gibt es Vereine, die bei einem Saisonabbruch die Insolvenz fürchten, andere wiederum glauben, dass ihnen dieses Schicksal bei Geisterspielen droht. Die im Vergleich zu etlichen Rivalen in normalen Zeiten für ihre soliden Finanzen bekannte SG Sonnenhof Großaspach setzt einen dezidiert anderen Schwerpunkt. „Für uns ist bereits seit Eintritt der Krise klar, dass das Virus den Takt bestimmt – nicht wir und auch sonst niemand“, betont Philipp Mergenthaler. Mit den vielen Ehrenamtlichen sowie den Kindern und Jugendlichen fühle sich der Verein „seit jeher als wichtiger Teil der Region“, fährt das Vorstandsmitglied fort. Deshalb könne die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, „so sehr wir uns diese auch wünschen, nur im gesellschaftlichen Kontext stehen“. Den sehen die Verantwortlichen im Fautenhau im Moment nicht, „ganz unabhängig von wirtschaftlichen und organisatorischen Herausforderungen. Die Gesundheit steht über allem.“

Eine Sichtweise, die offenkundig weitere Klubs teilen, denn gestern Nachmittag veröffentlichte die SG Sonnenhof Großaspach ein gemeinsames Positionspapier mit Mannheim, Magdeburg, Münster, Zwickau, Halle, Chemnitz und Jena. Man komme – und das angeblich noch „in Abstimmung mit weiteren Vereinen“ – zu dem Ergebnis, dass die Drittliga-Saison 2019/2020 „nicht fortgesetzt werden kann. Dies ist aus unserer Sicht der sportlich bittere, aber auch der einzig mögliche Weg, bei dem die gesellschaftlichen Realitäten, der Schutz der Gesundheit und die wirtschaftlichen Notwendigkeiten in Einklang zu bringen sind. Dennoch wollen wir, dass sportliche Erfolge in dieser Saison zu entsprechenden Ergebnissen führen. Darum schlagen wir vor, dass der aktuelle Tabellenstand im Hinblick auf den Aufstieg gewertet wird, der Abstieg dagegen ausgesetzt wird.“ Die Erklärung ist in fünf Punkte unterteilt, die hier in Auszügen wiedergegeben werden.

Verwurzelung des Fußballs nicht aufs Spiel setzen: Die acht Vereine leiten aus der Beliebtheit ihres Sports eine gesellschaftliche Verantwortung ab: „Wenn Ärzte und Pflegepersonal Tag und Nacht für die Patienten im Einsatz sind, wenn Kinder und Jugendliche nicht zur Schule oder zur Kita dürfen, wenn Gastronomen, Einzelhändler, Künstler und viele andere um ihre wirtschaftliche Existenz bangen, dann darf der Fußball insbesondere in der Dritten Liga mit der Verwurzelung der Vereine in den Regionen und Städten keine Sonderrolle für sich beanspruchen.“ Zum Beispiel wären Tausende von Tests bei Spielern, Trainern und Betreuern nötig, um die Saison beenden zu können. Selbst wenn ein Weg abseits des Testkontingents für die Allgemeinheit gefunden würde, „stünden doch diese zusätzlichen Kapazitäten nicht dort zur Verfügung, wo sie am dringendsten gebraucht werden: in den Krankenhäusern sowie in den Alten- und Pflegeheimen“.

Zudem stelle sich die Frage, wie die Reaktion auf mögliche Infektionen im Kreise der Spieler oder deren Familien aussehen könnte. Unverantwortlich sei das Konzept, auf die Verfolgung einer Infektionskette zu verzichten, um den Spielbetrieb auch bei einer Erkrankung fortführen zu können.

Gesundheit steht über allem: Betont wird die „Fürsorgepflicht“ für alle Mitarbeiter, von Spielern und Trainern bis hin zu Betreuern oder Ordnern. Selbst wenn in allen Bundesländern der Trainings- und Spielbetrieb wieder in vollem Umfang zugelassen würde, halten es die Vereine bei eingeschränkten Raumverhältnissen gegenüber Erst- und Zweitligisten für nicht machbar, etwa den Sicherheitsabstand von 1,50 Metern zu gewährleisten. Die daraus resultierenden Risiken für die Angestellten sowie deren Familien wollen die Klubs keineswegs in Kauf nehmen und verantworten.

Geisterspiele sind für viele Vereine der vorzeitige Weg in die Insolvenz: Mittels Kurzarbeit konnten die Vereine ihre Kosten erheblich senken. Trotzdem werde bei einigen „nur durch Aufnahme von Darlehen – sofern sie denn überhaupt gewährt werden – die Zahlungsunfähigkeit vermieden werden können“. Sollten nun Geisterspiele anstehen, „hätten wir bei vollen Kosten keinerlei Einnahmen aus dem Spielbetrieb“. Von den Fernsehgeldern, die im Vergleich zu den ersten zwei Ligen ohnehin nur einen „Bruchteil“ ausmachen, stehe für die aktuelle Saison nur noch eine geringe Rate aus. „Wir gehen nicht davon aus, dass bei einer Einstellung des Spielbetriebes höhere Regressforderungen von Sponsoren auf uns zukommen als bei einer Fortsetzung mit Geisterspielen“, sagen die Unterzeichner und verweisen auf entsprechende Signale ihrer Partner. Das Fazit: „Die Beendigung der Saison mit Geisterspielen würde viele Vereine in finanzielle Schieflage und einige direkt in die Insolvenz führen. Die Anpassung der Insolvenzregelungen durch den DFB ermöglicht das ohne Konsequenzen. Zahlreiche Insolvenzen in kurzer Zeit werden aber zu einem langfristigen wirtschaftlichen Imageschaden der Dritten Liga und des deutschen Fußballs führen.“

Dritte Liga muss Realität anerkennen: Als „nicht umsetzbar“ wird in dem Positionspapier ein weiteres Aufschieben der Entscheidung und eine Verlängerung der Saison in den Herbst oder gar in den Winter bezeichnet. Eine breite Unterstützung für die Haltung erfahre man von Fangruppen, auch in der Politik und der Öffentlichkeit, vor allem im kommunalen Bereich, werde eine Sonderrolle für den Drittliga-Fußball „umfassend abgelehnt“. Diese Saison fortzusetzen, „sehen wir aufgrund der bestehenden und zu erwartenden Auflagen als organisatorisch unmöglich, gesundheitlich sowie wirtschaftlich nicht darstellbar und gesellschaftlich nicht vermittelbar an“.

Aufstieg zulassen, Abstieg aussetzen, Liga aufstocken: „Naturgemäß“ könnten nicht alle Hoffnungen erfüllt werden, wenn die Runde abgebrochen wird, räumen die acht Vereine ein und skizzieren ihren Vorschlag als „Diskussionsgrundlage“. Der aktuelle Tabellenstand soll über den Aufstieg entscheiden, Drittliga-Absteiger soll es dagegen nicht geben. „Im Sinne einer solidarischen Lösung“ werde die Aufstockung der Liga um die derzeitigen Spitzenreiter der Regionalligen befürwortet, auch wenn das ein größeres Feld in der neuen Saison bedeutet. Dann könnten sich Großaspach sowie die sieben anderen Klubs auch Spiele ohne Publikum oder mit eingeschränkten Zuschauerzahlen vorstellen, wenn es die Pandemie weiter abverlangt. „Wir können bis dahin alle Voraussetzungen im organisatorischen Bereich in einem hoffentlich gelockerten gesundheitlichen Umfeld planen und vorbereiten“, heißt es. „Anders als in der laufenden Spielzeit, in der die Personalkosten und Budgets unveränderbar sind, haben alle Vereine zur neuen Saison die Möglichkeit, ihre Etats an die neue Situation anzupassen.“ Zudem sollte der angepeilte Start „so weit wie möglich nach hinten verschoben werden“, um die Phase der Geisterspiele möglichst kurz zu halten und das Infektionsrisiko zu senken.

Für Mannheim würde es den Aufstieg bedeuten, wenn die Vorschläge umgesetzt werden, die gefährdeten Teams aus Chemnitz, Magdeburg und Halle würden drinbleiben. Letzteres gilt auch für die derzeit auf den Abstiegsplätzen notierten Klubs aus Zwickau, Münster, Großaspach und Jena. Für die SG Sonnenhof streitet Sportdirektor Joannis Koukoutrigas vehement ab, dass das Positionspapier damit etwas zu tun hat: „Natürlich wollen wir auch im siebten Jahr in der Dritten Liga spielen. Für uns steht allerdings fest, dass die Gesundheit der Gesellschaft und insbesondere unserer Mitarbeiter immer wichtiger ist als ein sportlicher Abstieg.“

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Erstellt:
18. April 2020, 08:58 Uhr

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