Doku zur WM in den USA
„Kaum Vorfreude auf die Fußball-WM“
Ingo Zamperoni und Philipp Awounou haben für die Doku „Spielfeld der Macht – Die WM in Trumps Amerika“ die USA bereist. Ihre Eindrücke gibt es nun zu sehen.
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Reporter Philipp Awounou (li.) und Ingo Zamperoni: „Ein Sommermärchen kann man nicht planen.“ Foto: WDR/Martin Kobold
Von Steffen Rüth
Ingo Zamperoni (52) und Philipp Awounou (31) haben für die ARD-Dokumentation „Spielfeld der Macht – Die WM in Trumps Amerika“ (diesen Montag, 8. Juni, 20.15, ARD, schon jetzt in der Mediathek) die USA bereist. Im Gespräch erklären sie, warum diese WM sie trotz allem fasziniert, was ICE-Agenten vor Stadien mit einem Fußballfest machen könnten und weshalb Churchill am Ende recht behalten könnte.
Herr Zamperoni, Herr Awounou, freuen Sie sich auf die WM?
Philipp Awounou: Schon, aber es gibt noch andere Gefühle. Vor allem finde ich dieses Turnier spannend. Es gibt so viele offene Fragen, so viele Fragezeichen, die uns bei der Recherche für die Doku begegnet sind.
Ingo Zamperoni: Ich freue mich, bis auf die Tatsache, dass Italien mal wieder nicht dabei ist… (lacht). Wir haben eine unfassbar spannende Konstellation, die sich 2018, bei der Vergabe, niemand so ausgemalt hat. Allein die drei Gastgeberländer: Trump will Kanada als 51. Bundesstaat einverleiben und beschimpft die mexikanische Staatspräsidentin. Claudia Sheinbaum und er werden sich bei der Eröffnungsfeier wohl kaum freundlich in die Augen schauen.
In „Spielfeld der Macht“ sagt der Soziologe Ben Carrington: 2006 war die Welt zu Gast bei Freunden, 2026 ist sie zu Gast bei Feinden.
Zamperoni: Im Falle des Iran muss man das ja wörtlich nehmen. Es klingt düster, aber ich empfinde die Situation nicht als hoffnungslos. Geopolitik und Sport haben sich immer berührt – das war bei der WM 1986 nicht anders, als Argentinien und England im Halbfinale aufeinandertrafen, wenige Jahre nach dem Falkland-Krieg. Und dann kam das Jahrhunderttor von Maradona. Vielleicht werden wir am Ende auch diesmal sagen: Vieles ist nicht so heiß gegessen worden, wie es im Vorfeld gekocht wurde.
Sie haben die USA zweimal bereist – Letztes Jahr und noch einmal im Frühjahr. Wie haben Sie das Land erlebt?
Zamperoni: Was uns zuerst überrascht hat: Wie wenig WM-Vorfreude man spürte. Selbst im Frühjahr war da kaum etwas. Aber das kommt vielleicht noch. Was man hingegen sehr deutlich spürt, ist die Polarisierung. Das Land ist gespalten, an unzähligen Stellen. Und die ICE-Aktionen – die Razzien, die Verhaftungen, das, was in Minneapolis und anderswo passiert ist – haben alles überlagert. Das ist auch eines der großen Fragezeichen dieser WM. Wenn ICE-Agenten an Stadien auflaufen werden und Fans vor allem von lateinamerikanischen Teams mit einem mulmigen Gefühl ins Stadion gehen, das drückt auf die Stimmung und ist eine Riesenbelastung. Wie soll unter diesen Umständen ein unbeschwertes Fußballfest entstehen?
Gibt es etwas, dass Ihnen besondere Sorge bereitet?
Zamperoni: Was mich wirklich beunruhigt, ist diese Entwicklung, den politischen Gegner nicht mehr als Mitbewerber zu sehen, sondern als Feind. Der Kompromiss wird nicht mehr als erstrebenswert, sondern als Zeichen von Schwäche angesehen. Das ist gefährlich. Und das überträgt sich auch auf den Sport. Es gibt diesen schönen Satz, der Winston Churchill zugesprochen wird. Er soll gesagt haben, man kann sich darauf verlassen, dass die Amerikaner schon das Richtige tun werden – nachdem sie alles andere ausprobiert haben. Vielleicht befinden wir uns gerade genau da.
Wie sehr hat die Empathie im Land unter Trump abgenommen?
Zamperoni: Nicht umsonst lautet der Spruch: Der Fisch stinkt vom Kopf. Wenn ein Präsident bestimmte Dinge sagt und tut, dann verschiebt das Grenzen. Und eine verschobene Grenze ist schwer zurückzuholen. Ich will aber betonen: Sehr viele Menschen in den USA – und natürlich auch solche, die Trump gewählt haben, wie mein verstorbener Schwiegervater – sind liebenswert und voller Empathie. Was Trump allerdings tut: Er ermutigt bestimmte Leute, das Schlechteste in sich rauszulassen. Wenn ein Präsident Politik nur für einen Teil des Landes macht, und sich nicht als Präsident aller Amerikaner versteht, dann kann er nicht helfen, Gräben zu überwinden.
Herr Awounou, Sie sagen, im Kern habe der Sport etwas Einendes. Auch bei diesem Turnier?
Awounou: Die Frage ist, wen der Sport einen wird. Wenn man möchte, dass die WM die USA eint, dann müsste die Mannschaft schon sehr gut spielen und das Fußballinteresse im Land steigen. Grundsätzlich hat Sport für mich jedenfalls etwas Faires, Unschuldiges und Vereinendes. Das ist keine naive Romantik, das kann jeder aus eigenen Erfahrungen bezeugen. Sport kann in der Gesellschaft eine wichtige Funktion einnehmen.
Jürgen Klinsmann sagt im Film: Schluss mit Politik, die Mannschaft soll gewinnen und keine politischen Botschaften senden. Ist diese Sicht nicht ein bisschen eindimensional?
Awounou: Das ist seine Position, nicht unsere. Aber ich verstehe sie. Klinsmann spricht aus, was viele deutsche Fans unterschreiben würden. Der Wunsch, Politik und Sport zu trennen, ist aus Zuschauerperspektive nachvollziehbar. Das Problem ist: Es geht nicht. Politik und Sport sind nicht zu trennen, gerade bei einer Fußball-WM nicht. Das ist kein Herbeigerede – das ist Fakt. In den USA hat politisches Engagement von Sportlern ohnehin einen anderen Normalitätsgrad als bei uns. Es gibt viele Athleten, die exzellent performen und gleichzeitig sichtbar mit ihrer Haltung sind. Ich bin gespannt, was von dieser Seite passieren wird.
Zamperoni: Man kann das so oder so sehen. Wichtig ist, dass wir von den Spielern politische Haltung nicht erzwingen sollten, wir aber den Platz einräumen sollten, sich zu Themen abseits des Sports zu äußern, wenn sie das möchten. Aber die Debatte wird in den USA schon auch doppelmoralisch geführt. Als der Football-Profi Colin Kaepernick bei der Nationalhymne kniete, um gegen rassistische Polizeigewalt zu protestieren, schrien eine Menge Leute: „Shut up and play!“. Auch Trump. Gleichzeitig macht der Präsident selbst Politik mit Sport.
In Deutschland schrecken viele Menschen vor einer Reise in die USA zurück, sei es zur WM oder auch überhaupt, seit Trump wieder im Amt ist. Ein Fehler?
Zamperoni: Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich jedenfalls bin und bleibe mit diesem Land eng verbandelt. Das Land ist weitläufig, und vieles, was wir hier in Deutschland mit Blick auf Washington in den Fokus nehmen, kriegen manche in den USA gar nicht mit. Ich mag die Amerikaner, egal, wen sie wählen, nach wie vor gern.
Der Traum vom Sommermärchen 2.0, ist das eine realistische Erwartung?
Zamperoni: Erwartungen kann man ja man haben – aber man kann sie nicht planen. Wir waren 2006 alle überrascht von dem Sommermärchen. Niemand hat damit gerechnet, wie unverkrampft wir mit Nationalflaggen umgehen konnten, wie entspannt das war, ohne diesen nationalistischen Überbau.
Awounou: Man darf den Sport nicht kleiner denken, als er ist, ihn aber auch nicht überhöhen. 2006 war eine einmalige Gemengelage – Heimturnier, die Stimmung, das Wetter. Alles hat gepasst.
Zamperoni: Was ich mir wünsche, ist eine Pausentaste. Dass der Sport für ein paar Wochen andere Dinge etwas in den Hintergrund schiebt. Die Probleme verschwinden dadurch nicht. Aber diese Atempause – die würde ich der Welt gönnen.
Vom Super Bowl ist die Halftime-Show von Bad Bunny stärker im Gedächtnis geblieben als das Spiel. Jetzt wird es beim WM-Finale erstmals eine Halbzeitshow geben – mit Shakira, Madonna und BTS. Was halten Sie davon?
Zamperoni: Mich hätte es fast enttäuscht, wenn dem nicht so gewesen wäre. In den USA gehören Shows dazu. Ich finde das in Ordnung. Für die Spieler ist es kein Nachteil, sie haben eine etwas längere Pause.
Awounou: Gerade Shakira ist ja schon eine alte Bekannte der Fifa. Aber ich sage voraus, dass diese Show besser ankommen wird als die von Helene Fischer beim DFB-Pokalfinale 2017 (lacht).
Auf wen tippen Sie als Weltmeister?
Awounou: Frankreich.
Zamperoni: Ich sage Spanien.
Zamperoni „Tagesthemen“-Moderator Ingo Zamperoni arbeitete von 2014 bis 2016 als ARD-Korrespondent in Washington. Er lebt in Hamburg, ist mit der US-Amerikanerin Jennifer Bourguignon verheiratet und hat drei Kinder. Er besitzt die deutsche und die italienische Staatsbürgerschaft.
Awounou Philipp Awounou ist ein freier Journalist und Filmemacher. Er ist unter anderem für die „Sportschau“ tätig. In seiner Arbeit befasst er sich auch mit der Verknüpfung von Themen aus Sport und Gesellschaft. Awounou arbeitet zudem als Autor für den „Spiegel“.
Dokumentation „Spielfeld der Macht – Die WM in Trumps Amerika“ in der ARD-Mediathek
