Pride und Kunst

Thomas Fuchs: „Akzeptanz ist auch bei uns noch keine Selbstverständlichkeit“

Intime Blicke auf männliche Körper zeigt die Schau „Juni“ in der Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs. Kann Kunst zur Selbstverständlichkeit queeren Lebens beitragen?

Thomas Fuchs (hier 2023 auf der Art Cologne – mit Werken von  Rainer Fetting

© Art Cologne/Messe TV

Thomas Fuchs (hier 2023 auf der Art Cologne – mit Werken von Rainer Fetting

Von Nikolai B. Forstbauer

In diesen Wochen wird die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gefeiert und gleichzeitig auf Diskriminierung aufmerksam gemacht. Die Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs zeigt in diesem Zusammenhang in ihren Räumen in der Reinsburgstraße 68a die Gruppenausstellung „Juni“ (Eröffnung am Freitag, 12. Juni, 18 Uhr). Mit welchem Ziel? Wir haben bei Thomas Fuchs nachgefragt.

Herr Fuchs, „Juni“ heißt schlicht Ihre neue Ausstellung – in Erinnerung an die gewaltsamen Auseinandersetzungen um sexuelle Freiheit im Jahr 1969?

Ja, am 28. Juni 1969 wehrten sich queere Menschen in der Bar Stonewall Inn in der Christopher Street in New York gegen eine Polizeirazzia. In vielen Ländern erinnern queere Communities daran im Juni im sogenannten „Pride Month“ und gehen für die Rechte queerer Menschen auf die Straße. In Deutschland ist die Bezeichnung Christopher Street Day gebräuchlich, der in vielen Städten an diversen Wochenenden nicht unbedingt im Juni begangen wird. In Stuttgart etwa wird dieses Jahr im Juli gefeiert.

Ist „Juni“ also eher ein Hinweis darauf, dass es um mehr geht als um die Erinnerung?

Der Ausstellungstitel „Juni“ soll auf den Pride Month verweisen, zugleich aber offen und so vielschichtig wie die gezeigten Werke sein. Der bewusst zurückhaltende Titel bringt die Hoffnung zum Ausdruck, dass queere Lebensrealitäten und Erfahrungen eines Tages keine besondere Sichtbarkeit mehr benötigen, sondern als selbstverständlicher Teil des Alltags akzeptiert werden.

Aber ist denn Queerness als Realität wirklich immer noch und schon wieder neu zu verhandeln?

In Deutschland ist schon viel erreicht, aber es gibt leider auch bei uns wieder zunehmende Gewalt gegen queere Personen, wachsenden Hass im Netz und Intoleranz gegenüber vielen Gruppen. Akzeptanz ist auch bei uns noch keine Selbstverständlichkeit. Daher ja, es ist leider immer noch und wieder und gerade auch jetzt ein Thema. Es geht allerdings weniger um eine Neuverhandlung als eher eine kontinuierliche, bewusste Aufrechterhaltung des Themas und seiner Präsenz.

Ihre Schau zeigt auf eigentlich kleinem Raum eine Zeitreise durch vier Generationen. Was verändert sich da in den Künstlerblicken?

Natürlich sind die Räume in der Reinsburgstraße bei weitem zu klein, um dem Thema auch nur halbwegs gerecht zu werden. Aber anhand einzelner Werke der ausgestellten Künstler kann man tatsächlich bereits Unterschiede in den Künsterblicken erkennen.

Inwiefern?

Patrick Angus verlieh der schwulen Underground-Szene des New Yorks der 1980er Jahre einen bleibenden künstlerischen Ausdruck und hielt sowohl die Intimität als auch die Einsamkeit fest, die diese Räume prägten. Zugleich zeigte er die universelle Suche nach Freundschaft und Liebe. Die Werke der Ausstellung von Rainer Fetting zeigen Desmond Cadogan, den er Mitte der 1980er Jahre in New York kennenlernte und den er bis heute in Gemälden und Skulpturen darstellt und Leon, ein neueres Modell.

Bei Fettings Porträts geht es aber doch nicht nur um die persönliche Anziehung?

Der Entschluss von Rainer Fetting, Männer derart darzustellen, war tatsächlich politisch geprägt, zumal dies in den 1970er Jahren noch unter einem großen Tabu stand. Allerdings ist dies nur eines von vielen Themen und also auch Motiven bei Rainer Fetting. Schon seit seinen Ricky-Bildern von 1980 gilt sein künstlerisches Interesse beispielsweise auch den Afroamerikanern und den damit verbundenen Themen Unterdrückung und Rassismus. Das Politische aber stellt er nicht illustrativ heraus. Rainer Fettings Ziel ist in erster Linie, ein schlüssiges Bild zu malen.

Und wie agieren die jüngeren Maler?

Logan T. Sibrel zeigt intime Momente und schafft Arbeiten, die zwischen dem Gefühl der Nähe und der häufigen Anonymität der Figuren oszillieren. James Bartolacci richtet seinen Blick auf das zeitgenössische queere Nachtleben und zeigt Clubs und Zusammenkünfte als Räume von Verbundenheit, Ekstase und Einsamkeit.

Eine besondere Nähe zu männlichen Körpern wagt Dylan Hurwitz. Was macht seine Bilder aus?

Es stimmt, wir sehen intime, ausschnitthafte Darstellungen männlicher Körper in warmen, gesättigten Farbtönen. Mit Fokus auf Fragmente und Momente körperlicher Nähe bewegen sich seine Arbeiten zwischen Zärtlichkeit, Begehren und emotionaler Vertrautheit. Von hier aus zurück zu Patrick Angus ergeben sich ausschnitthafte Blicke auf künstlerische Positionen in ihren jeweiligen zeitlichen Kontexten.

Drehen wir mal die Frage herum: Würden Sie sich zur Pride – etwa zum Jubiläum 2029 – eine große Museumsausstellung zum Thema wünschen?

In einem solchen Projekt könnte man das Thema viel breiter und besser abbilden. Daher ja, natürlich, unbedingt. Wobei es gerade mit „The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939“ auch eine große Ausstellung im Kunstmuseum Basel dazu gibt. Und in Stuttgart hallt immer noch die große Patrick Angus-Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart von Dezember 2017 bis April 2018 nach.

Sie sagten am Anfang „Akzeptanz ist auch bei uns noch keine Selbstverständlichkeit“. Kann denn Kunst und ihre Präsentation zu dieser Selbstverständlichkeit beitragen?

Ja, absolut – beziehungsweise unter anderem. Die ästhetische Kunsterfahrung kann hier ähnlich wie die Medienbranche zumindest einen großen Beitrag leisten. Auch durch persönliches Engagement. Es freut mich besonders, dass Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, Schirmperson des CSD Stuttgart 2026 ist. Solche Zeichen sind sehr wichtig.

Eine Galerie, zwei Ausstellungen

JuniDie Themenschau „Juni“ ist in den Galerie Thomas Fuchs-Räumen in der Reinsburgstraße 68a in Stuttgart zu sehen – bis zum 11. Juli (Mittwoch bis Freitag 13 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 16 Uhr. Eröffnung ist am Freitag, 12. Juni, um 18 Uhr.

Jakub TomasIn den neuen Räumen der Galerie Thomas Fuchs in der Augustenstraße 63 in Stuttgart sind – ebenfalls bis zum 11. Juli – neue Arbeiten von Jakub Tomas zu sehen. Der Titel dieser Schau: „Notstromversorgung“. Eröffnung ist ebenfalls am Freitag, 12. Juni, um 18 Uhr.

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Erstellt:
11. Juni 2026, 23:38 Uhr

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