Archäologischer Fund in sachsen-Anhalt

7000 Jahre alter Kopfschmuck belegt Schamanismus in Deutschland

Schamanismus hat es in der Steinzeit Mitteldeutschlands über mehrere Jahrtausende gegeben. Darauf lässt die Untersuchung eines Rehgeweih-Kopfschmucks schließen.

Der Rehgeweihkopfschmuck aus der jungsteinzeitlichen Siedlung Eilsleben-Vosswelle ist rund 7000 Jahre alt und zeigt deutliche Spuren ritueller Nutzung.

© Heiko Rebsch/dpa

Der Rehgeweihkopfschmuck aus der jungsteinzeitlichen Siedlung Eilsleben-Vosswelle ist rund 7000 Jahre alt und zeigt deutliche Spuren ritueller Nutzung.

Von Markus Brauer

Ein neu bewerteter rund 7000 Jahre alter Rehgeweih-Kopfschmuck aus der Börde bei Halle in Sachsen-Anhalt liefert Hinweise auf die Tradition des Schamanismus in Mitteldeutschland.

Der jungsteinzeitliche Fund stammt aus einer im Jahr 1987 ausgegrabenen Grube in der Siedlung Eilsleben-Vosswelle. „Die neuen Analysen zeigen, dass das Stück überraschende Parallelen zum deutlich älteren Grab der sogenannten Schamanin von Bad Dürrenberg aufweist“, sagt der Archäologe Oliver Dietrich. „Das Stück ist eindeutig Teil einer mittelsteinzeitlichen Tradition der Geweiharbeit.“

Mitteldeutschland: Geburtsstätte der Zivilisation

 Mitteldeutschland gehört zu den Gegenden, in denen bereits ab der Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus frühe Bauern die mittelsteinzeitlichen Wildbeuter von den fruchtbaren Lössböden nach Norden verdrängten. Bald nach der Einwanderung kam es jedoch auch zu Austausch zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen.

 Das Landesdenkmalamt (LDA) Sachsen-Anhalt untersucht mit der Siedlung von Eilsleben einen Schlüsselfundplatz zum Verständnis dieser Zeit. In einer kürzlich erschienenen Studie werden neue Erkenntnisse zu einem Altfund aus der Siedlung vorgestellt: Ein Rehgeweihkopfschmuck hat seinen besten Vergleich im bedeutend älteren mittelsteinzeitlichen Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg.

Einwanderung jungsteinzeitlicher Bauern

Ab etwa 9600 v. Chr. verbesserte sich das Klima in Mitteleuropa nach der letzten Eiszeit nachhaltig. Dieser Einschnitt ist in der Archäologie mit dem Beginn des Mesolithikums (die Mittelsteinzeit) verknüpft. Die Menschen dieser Zeitstufe waren wie auch in der davorliegenden Altsteinzeit Jäger und Sammler.

In der nun zunehmend bewaldeten Landschaft Mitteldeutschlands stellten sie mit dem Bogen Beutetieren wie Reh, Rothirsch, Ur/Wisent und Wildschwein nach. Die Bedeutung von Fischfang und pflanzlicher Nahrung stieg. In diese Zeit gehört das herausragende Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg im Saalekreis.

Die Schamanin von Bad-Dürrenberg

Neben der Himmelsscheibe von Nebra ist das Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg einer der spektakulärsten Funde der mitteleuropäischen Archäologie. Die 30- bis 40-jährige Frau war vor etwa 9000 Jahren in einem aufwendigen Grabbau zusammen mit einem etwa sechs Monate alten Kind bestattet worden.

Unter anderem ein Kopfschmuck aus Rehgeweih und Tierzahngehänge belegen die besondere Stellung der Toten als spirituelle Anführerin ihrer Gruppe.

Mitteldeutschland gehört zu den Gegenden, in denen bereits ab der Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. die ersten Bauern, die genetisch aus Anatolien und der Ägäis abstammen, die Wildbeuter von den fruchtbaren Lössböden nach Norden verdrängten, etwa auf die Sander- und Binnendünenflächen der Altmark.

Außenposten in vorgeschobener Lage: Siedlung von Eilsleben

Diese ersten Bauern in Mitteleuropa werden archäologisch als so genannte Linienbandkeramikkultur eingeordnet. Schon bald nach der Einwanderung kam es jedoch auch zu Kontakten und Austausch zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen.

Befunde, die diese Kontakte beleuchten, sind selten. Aus Sachsen-Anhalt liegt mit der Siedlung von Eilsleben-Vosswelle, Landkreis Börde, einer der wichtigsten Fundorte zum Verständnis dieser Übergangsphase vor.

Der Fundplatz liegt ganz am nördlichen Rande der Lösszone ungefähr 2,5 Kilometer südöstlich von Eilsleben im Bereich eines leichten Hangs, der zur Aller abfällt. Er wurde bereits in den 1920er Jahren durch Oberflächenfunde identifiziert.

Intensive Beziehungen zu Jägergruppen

Auf erste Sondagegrabungen im Jahr 1973 folgten umfangreiche Ausgrabungen zwischen 1974 und 1989, bei denen eine wohl mit Wall, Graben und Zaun befestigte mehrphasige Siedlung der Linienbandkeramikkultur ausgegraben werden konnte. Bemerkenswert ist, dass offenbar bereits die Siedlung der ältesten Linienbandkeramikkultur befestigt war, ein seltener Sonderfall, der mit der vorgeschobenen Position im Grenzland zusammenhängen könnte

Zu den Wildbeutergruppen in der Umgebung scheint es intensive Beziehungen gegeben zu haben. Nicht nur zeigen die Stein- und die Geweihgeräte der Siedlung eine kulturelle Nähe zu mesolithischen Herstellungstechniken und Geräteformen, auch liegt mit einem bearbeiteten Rehgeweih, das Teil eines Kopfschmucks war, ein Fund vor, dessen nächste Analogien in mesolithischen Masken zu finden sind.

Als Bauern eine Schamanin brauchten

Aus einer unscheinbaren, 1987 ausgegrabenen Grube stammt das Geweih eines etwa 2 bis 3 Jahre alten Rehs, das bei näherer Betrachtung Spuren von Bearbeitung erkennen lässt. Das Schädelfragment ist rechteckig zugerichtet und weist zudem Schnittspuren auf, die auf eine Häutung hindeuten.

Unmittelbar am Geweihansatz befinden sich beidseitig jeweils Kerben. Es dürfte sich um einen Kopfschmuck beziehungsweise eine Maske gehandelt haben. Die Kerben dienten der Befestigung. Eine Radiokarbondatierung ergab ein Alter von 5291 bis 5034 v. Chr..

Ähnlich zugerichtete Geweihe sind in der Jungsteinzeit unbekannt. Sie liegen allerdings aus mesolithischen Fundkontexten in einiger Zahl vor. Die Deutungen variieren zwischen Verkleidungen von Jägern und der Kopfbedeckung von Schamanen.

Ahnenkult und Schamanismus

Die mittelsteinzeitlichen Geweihe stammen bislang fast allesamt von Rothirschen. Für das wesentlich jüngere Stück von Eilsleben aus Rehgeweih gibt es nur einen guten Vergleich, der ebenfalls aus Mitteldeutschland stammt. Ein ganz ähnliches Stück liegt aus dem Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg vor und wird als Teil eines aufwendigen Kopfschmucks interpretiert.

Das Rehgeweih von Eilsleben könnte damit Zeugnis des Kontakts zwischen bäuerlichen Siedlern und wildbeuterischen Ritualspezialisten sein, wie Forscher des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in einer Studie im renommierten Fachjournal „Prähistorische Zeitschrift“ ausführen.

Warum Bauern nach einer Heilerin suchten

Die neolithische Lebensweise brachte eine Reihe von Veränderungen mit sich, die sich teils negativ auf die Gesundheit der Menschen auswirkten.

Ob Zahnprobleme durch den regelmäßigen Verzehr stärkehaltigen Getreides, neue virale und bakterielle Erkrankungen durch den engen Kontakt mit Haustieren, ein höheres Unfallrisiko durch schwere Arbeit wie Waldrodung, gewalttätige Auseinandersetzungen um Land: Es gibt eine Reihe von Szenarien, in denen die medizinischen Fähigkeiten der frühen Bauern an ihre Grenzen gestoßen sein mögen.

Es ist vorstellbar, dass man versuchte, die Fähigkeiten einer erfahrenen Heilerin beziehungsweise eines Heilers zu nutzen, die nicht nur über Kontakte ins Geisterreich, sondern sicher auch über ein umfassendes Wissen zu den medizinischen Eigenschaften lokaler Pflanzen verfügten.

Bauern wollten Fähigkeiten der Schamanen nutzen

„Den Bauern der Linienbandkeramik waren schamanistische Vorstellungen fremd, für sie ist eher Ahnenkult anzunehmen“, erläutert Landesarchäologe Harald Meller.

„Es ist vorstellbar, dass man in Situationen, welche die eigenen medizinischen Fähigkeiten überstiegen, versuchte, die Fähigkeiten einer Schamanin oder eines Schamanen zu nutzen, die nicht nur über Kontakte ins Geisterreich, sondern auch über ein umfassendes Wissen zu den medizinischen Eigenschaften lokaler Pflanzen verfügten.“

Allgemein sind Schamanen als Vermittler zwischen der Geisterwelt und den Menschen für viele Völker in Sibirien, am Nordpol, in der Mongolei und Nordchina belegt. (mit dpa-Agenturmaterial)

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Erstellt:
12. Februar 2026, 13:12 Uhr
Aktualisiert:
12. Februar 2026, 13:14 Uhr

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