Der Zug ist abgefahren
Die Bahn hat ein Glaubwürdigkeitsproblem: Warum sollte der Termin 2031 für Stuttgart 21 stimmen?
Von Eidos Import
Die Buchstabenfolge DB steht eigentlich für Deutsche Bahn – in Stuttgart aber kann sie aktuell getrost als „die Bankrotterklärung“ gelesen werden. Nun also soll es 2031 werden, bis im neuen Bahnhof von Stuttgart 21 Züge halten, Fahrgäste ein- und aussteigen können. Wobei: An Prognosen, wann der Durchgangsbahnhof seinen Betrieb würde aufnehmen können, hat es bisher nicht gemangelt. So zahlreich sie waren, so falsch stellten sie sich schließlich heraus.
Noch will niemand den neuen Fahrplan für die Inbetriebnahme bestätigen. Doch davon abgesehen bleibt ein gehöriges Problem. Warum sollte die Deutsche Bahn ausgerechnet dieses Mal richtig liegen mit ihrer Vorhersage, wann der neue Bahnknoten in der Landeshauptstadt in Betrieb gehen kann? Zu oft wurden Versprechen und Beteuerungen abgegeben, zu oft haben sie sich als nicht haltbar erwiesen.
Es mag ja sein, dass die Beschäftigten der Konzernrevision diesmal besonders genau hingeschaut haben und besonders scharf nach Versäumnissen gesucht haben und sogar besonders vorsichtig dabei waren, als sie aus den vorliegenden Daten ihre Schlüsse für den neuen Terminplan zogen.
Doch durch bloßes Benennen von Fehlern und das Anprangern von Schuldigen wird eine neue Prognose ja nicht gleich belastbarer. Den Fahrgästen dürfte das auch eher egal sein. Sie sind in erster Linie daran interessiert, dass Reisen mit der Bahn auch von und nach Stuttgart diesen Namen wieder verdient. Die Wege am Bahnhof müssen kürzer und das direkte Umfeld der Station so gestaltet werden, dass man auf seinem Gang zu den Gleisen nicht unwillkürlich zum Bauhelm greifen will. Und das so schnell wie möglich.
Doch das Problem geht weit über die Erschwernisse hinaus, die die Deutsche Bahn ihren Kunden in Stuttgart seit Jahren zumutet. In einer Zeit, in der an vielen Stellen ein Gefühl der Resignation um sich greift, weil in diesem einstmals so trefflich funktionierenden Land vieles aus den Fugen zu geraten scheint und nur noch wenig so läuft, wie es sollte, ist das Eingeständnis des neuerlichen Scheiterns bei einem Großprojekt fatal.
Zunehmend greift die Erkenntnis um sich, dass Versprechen nicht mehr umgesetzt und eingelöst werden. Für das Vertrauen ins Gemeinwesen und in die Institutionen ist das Gift.
Hinzu kommt der Verdacht, dass die einst hochgepriesene deutsche Ingenieurskunst der Vergangenheit angehört und man nun die Wahl hat, entweder Spott über sich ergehen lassen zu müssen oder bemitleidet zu werden – beides fühlt sich nicht besonders gut an. Hinweise auf den Berliner Großflughafen BER und die Hamburger Elbphilharmonie, die lange wegen gerissener Terminpläne und deutlich gestiegener Kosten in einem Atemzug mit dem neuen Stuttgarter Bahnhof genannt wurden, taugen nur bedingt. Als die beiden ebenso umstrittenen Projekte endlich fertig wurden, funktionierten sie leidlich (BER) oder erfreuten sich schnell des Rufs als Touristenmagnet (Elbphilharmonie). Dass man beides einmal über Stuttgart 21 wird sagen können, ist längst nicht ausgemacht.
In der baden-württembergischen Landeshauptstadt ist man noch weit vom Beweis entfernt, dass sich all die Mühen und Milliarden wirklich gelohnt haben. Vieles liegt immer noch im Trüben.
Klarer wird hingegen, dass Stuttgart 21 bislang lediglich auf einem Versprechen beruht, das da lautet: Der Bahnverkehr wird schneller und bietet der Stadt eine Entwicklungschance, wie sie anderswo kaum vorstellbar ist. Sollten diese Verheißungen doch noch eintreten, so hätte sich Stuttgart das mit einem langen Leidensweg und viel Spott von anderswo teuer erkauft.
