Die ganz große Entzauberung
In seiner Enzyklika beschäftigt sich Leo XIV. mit der KI. Seine Botschaft sollte jeden Menschen interessieren.
Von Eidos Import
Was hat uns der Papst zur Künstlichen Intelligenz zu sagen – aber vor allem: Wen soll das interessieren? Das wäre die einfachste Reaktion, um die kürzlich veröffentlichte Enzyklika von Papst Leo XIV. schnell beiseitezulegen. Warnungen vor Künstlicher Intelligenz hat man schließlich schon so einige gehört, mahnende Worte von Päpsten noch viel mehr.
Aber so einfach ist es nicht. Vom Papst kann man zwar halten, was man will. Aber liest man seine Enzyklika, muss man feststellen: So umfassend wie er hat sich bisher kaum ein Staatsoberhaupt mit KI und ihren Folgen auseinandergesetzt. Das sollte den Regierenden dieser Welt zu denken geben. Besonders angesichts der wohl wichtigsten Botschaft, die diese Enzyklika enthält: KI wird dann gefährlich, wenn sich die Macht und das Wissen darüber bei Einzelnen ballt. Wenn man diese neue Technologie für etwas Magisches hält – oder gar für etwas Menschliches. Das klingt banal. Aber man vergisst es schnell. Das weiß jeder, der sich schon mal bei einer KI bedankt hat.
Natürlich warnt Leo in seiner Schrift auch vor den allseits bekannten Folgen von KI: vor Überwachung, Benachteiligung, vor Hass und Desinformation, vor den Auswirkungen auf Umwelt und Klima, vor drohender Arbeitslosigkeit, vor dem Einsatz von KI in Kriegen, vor Einsamkeit, Überforderung und Abhängigkeiten. Leo scheint dabei nicht der Illusion verfallen zu sein, dass man diese Entwicklungen rückgängig machen könne. Aber er macht klar: Um diese Herausforderungen zu bewältigen, müssen wir uns alle mit dieser neuen Technologie beschäftigen.
Das sagt sich natürlich leicht, wenn man – wie der Papst – einen Job hat, in dem genug Zeit ist, um sich mit den großen Fragen der Menschheit auseinanderzusetzen. Man kann in der Schrift aber auch Ideen finden, wie man dieses große, grundlegende Bildungsprojekt konkret umsetzen könnte. So schlägt der Papst zum Beispiel vor, Lehrer ihr gesamtes Berufsleben lang zu diesem Thema weiterzubilden. Ob das überall auf der Welt umzusetzen ist, kann man hinterfragen. Aber wichtig ist der Punkt durchaus: Jeder Staat sollte sich Gedanken machen, wie er seine Bürger an KI heranführen kann.
„Nichts ist in der Welt der KI immateriell oder magisch“, schreibt Leo. Jede scheinbar perfekte Antwort entspringe einer langen Kette von Vermittlungen, einem Netzwerk aus natürlichen Ressourcen, Energieinfrastruktur und vor allem Menschen. Auf diesen Punkt kommt der Papst immer wieder zurück. Etwa, wenn er daran erinnert, dass die KI nicht selbst denkt, sondern bestimmte Funktionen der menschlichen Intelligenz nachahmt. Dass sie keine Erfahrungen macht, sondern sich statistisch anpasst.
Sie ist eben weder Magie noch Mensch, diese Technologie. Es ist ein Versuch der Entzauberung, den der Papst da unternimmt. Das kann man fast paradox finden: Die Entzauberung der Welt, die der Soziologe Max Weber als Folge des wissenschaftlichen Fortschritts beschrieb, bedeutete ja auch eine Entmystifizierung auf Kosten der Religion. Und nun ist es gerade das Kirchenoberhaupt, das mit Vernunft und Sachverstand die für manche fast gottgleiche KI entzaubern will.
Den Papst besorgt, dass die KI, ja der technologische Fortschritt überhaupt, den Menschen auf seine Leistungsfähigkeit reduziert, während der Blick für das eigentlich Menschliche mit all seinen Fehlern und Schwächen verloren geht. Man sollte KI als eben das betrachten, was sie ist: keine Magie, kein Mensch, sondern ein Instrument, mit dem sich jeder auseinandersetzen sollte. Dass nun gerade der Papst vorgelegt hat, kann man erstaunlich finden oder auch nicht. Aber wichtiger ist: Es wird Zeit, dass der Rest mitzieht.
