Klimawandel in Echtzeit

Früher Jahrhundert-Sturmflut – heute alle Acht-Jahre-Flut

Sturmfluten und andere extreme Wasserstände an Küsten sind heute deutlich wahrscheinlicher als noch im Jahr 1900. Eine neue Studie zeigt: Was damals ein Jahrhundertereignis war, tritt heute im globalen Mittel etwa alle acht Jahre auf.

Sturmmflut an der süditalienischen Küste: Der menschengemachte Meeresspiegelanstieg ist heute der wichtigste Grund für die Zunahme solcher Extremereignisse.

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Sturmmflut an der süditalienischen Küste: Der menschengemachte Meeresspiegelanstieg ist heute der wichtigste Grund für die Zunahme solcher Extremereignisse.

Von Markus Brauer

Sturmfluten und extreme Wasserstände an Küsten treten heute deutlich häufiger auf als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine neue Studie im Fachjournal „Nature Climate Change“ zeigt: Was um 1900 statistisch nur einmal in 100 Jahren zu erwarten war, tritt global im Mittel heute etwa alle acht Jahre auf. Das entspricht einer Zunahme um etwa den Faktor zwölf.

Human-driven sea-level rise has quadrupled frequency of extreme coastal sea-level events since 1900. Findings suggest climate change has already altered coastal flood risk and highlights need to integrate these changes into strategies: https://t.co/sRavCOgGyS@NatureClimate — Springer Nature (@SpringerNature) June 11, 2026

Moderater Anstieg erhöht Risiko für Sturmfluten

Ein solches Jahrhundertereignis tritt nicht regelmäßig alle 100 Jahre auf. Gemeint ist eine statistische Wahrscheinlichkeit des Auftretens von einem Prozent pro Jahr. Durch den gestiegenen Meeresspiegel sind solche früher sehr seltenen Wasserstände heute vielerorts deutlich häufiger.

„Der Faktor zwölf ist sehr beunruhigend“, sagt Ben Marzeion vom Institut für Geographie und dem MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen. „Er zeigt, wie stark schon ein moderater Meeresspiegelanstieg die Häufigkeit von Sturmfluten und extremen Wasserständen verändern kann.“

Vom Menschen verursachter Meeresspiegelanstieg entscheidender Faktor

Die Autoren kombinierten Pegelaufzeichnungen mit Klimamodellsimulationen. So konnten sie unterscheiden, welchen Anteil natürliche Schwankungen, lokale Prozesse wie Landhebung oder Landsenkung, aber auch der menschengemachte Klimawandel haben.

Marzeion war für die Rekonstruktionen des Beitrags schmelzender Gletscher zum Meeresspiegelanstieg verantwortlich. Das Ergebnis: Der menschliche Einfluss ist der dominante Treiber für die Zunahme von Sturmflutereignissen, und zwar schon seit den 1960er-Jahren. Für sich allein genommen hat er die Häufigkeit historischer 100-jährlicher Ereignisse etwa vervierfacht.

„Der Mensch ist ein Faktor unter vielen“, erklärt Marzeion. „Aber unsere Studie zeigt: Der menschengemachte Meeresspiegelanstieg ist heute der wichtigste Grund für die Zunahme solcher Extremereignisse.“

Meeresspiegel seit 1900 um rund 20 Zentimeter gestiegen

Entscheidend ist: Schon ein relativ kleiner Anstieg des mittleren Meeresspiegels kann große Folgen haben. Seit 1900 ist der Meeresspiegel im globalen Mittel um rund 20 Zentimeter gestiegen. Für Sturmfluten ist das relevant, weil sie von einem höheren Ausgangsniveau starten.

„Viele Menschen unterschätzen, was 20 Zentimeter Meeresspiegelanstieg bedeuten“, betont Marzeion. „Bei einer Sturmflut kommen diese 20 Zentimeter nicht nur einfach oben drauf. Sie verschieben die gesamte Ausgangslage.“

Die Studie ist global angelegt und keine lokale Gefährdungsanalyse für die deutsche Nordseeküste. Trotzdem sind die Ergebnisse für Norddeutschland relevant. Denn sie zeigen: Wenige Zentimeter können darüber entscheiden, wie sehr Küstenschutzinfrastruktur belastet wird.

Ben Marzeion resümiert: „Für den Küstenschutz ist entscheidend, dass historische Erfahrungswerte nicht mehr gelten. Darauf müssen wir mit frühzeitiger Planung für die Anpassung reagieren.“

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Erstellt:
11. Juni 2026, 16:50 Uhr

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