Gefühl vs. Verstand
Intuition als Kompass: Wie verlässlich ist unser Bauchgefühl?
Viele verlassen sich in bestimmten Situationen auf ihr Bauchgefühl. Wie verlässlich dieser innere Kompass ist? Und wie lässt Intuition trainieren? Und: Was ist das überhaupt?
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Wenn einem plötzlich ein Licht aufgeht, hat sich das Unterbewusstsein gemeldet und die Intuition ist am Wirken.
Von Markus Brauer/Sabine Meuter (dpa)
Wir fragten den Hirnforscher Gerhard Roth (1942-2023) in einem Interview einmal, warum Kreativität beim Menschen eher die Ausnahme sei und nicht die Regel? „Wenn es dafür klare Regeln gäbe, könnte jeder kreativ werden“, antwortete der Gründer und langjährige Leiter des Instituts für Hirnforschung in Bremen.
Tatsächlich seien vergleichsweise wenige Menschen kreativ. Kreativität hänge mit Mechanismen im Gehirn zusammen, die Inhalte des Langzeitgedächtnisses auf eine neue und produktive Weise miteinander verknüpfen. „Aber wir wissen noch nicht, wie dies genau funktioniert.“
Yin und Yang des Gehirns
Intuition und Kreativität bilden eine Symbiose – als Yin und Yang des Gehirns. Intuition ist der Motor aus dem Unterbewusstsein, der plötzliche Einsichten wie einen Geistesblitz liefert, während Kreativität diese Impulse in die Tat umsetzt und formt. Beide greifen ineinander, um innovative Lösungen, neue Ideen oder Kunst zu erschaffen.
Intuition – das Wort stammt von mittellateinisch intuitio (unmittelbare Anschauung und lateinisch intueri (genau hinsehen, anschauen) – beschreibt die Fähigkeit, Sachverhalte, Sichtweisen, Gesetzmäßigkeiten oder subjektive Evidenz von Entscheidungen spontan zu erkennen, ohne bewusste Schlussfolgerungen, ohne diskursiven – also methodisch-schlussfolgenden – Gebrauch des Verstandes. Kurzum: Intuition ist eine kreative Leistung des Bewusstseins.
Bauchgefühl und Aha-Moment
Umgangsprachlich nennt man diesen Vorgang auch Bauchgefühl oder Aha-Moment. Doch ein solcher Geistesblitz bleibt unausgegoren und folgenlos, wenn er nicht durch einen kreativen Prozess geformt wird. Kreativität gründet in er unbewussten Eingebung, um sie dann zu strukturieren, zu gestalten und praktisch umzusetzen.
Viele kennen diese Situation, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen: Der Kopf sagt Ja, das Bauchgefühl sagt Nein. Nicht wenige folgen ihrer Intuition und entscheiden sich gegen etwas, das logisch gesehen die richtige Wahl wäre. Womit sie oft richtig liegen. Ist das Zufall oder steckt mehr dahinter?
Was ist Intuition?
„Intuition ist unbewusste Intelligenz“,erklärt der Psychologe Gerd Gigerenzer, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in München. Es sei gefühltes Wissen, das auf langjähriger Erfahrung beruhe und das man nicht begründen könne.
Mit Magie, Esoterik oder göttlicher Inpiration Eingebung hat das nichts zu tun. Und auch nicht mit einem angeblich weiblichen Instinkt: „Auch Männer verlassen sich bei einer Entscheidung oft auf ihr Bauchgefühl“, stellt Gigerenzer klar.
Wie funktioniert Intuition im Gehirn?
„Bei Intuition läuft im Gehirn ein hochkomplexer Prozess der Informationsverarbeitung ab, der unbewusst erfolgt“, erklärt der Neurowissenschaftler Henning Beck. In Windeseile gleicht das Gehirn eine aktuelle Situation mit gespeicherten Erfahrungen ab: Wie lief das damals? Wie ähnlich ist die Lage heute?
Noch bevor eine Entscheidung bewusst wird, hat das Gehirn schon bewertet, ob es eine positive Situation nutzen oder eine negative Situation vermeiden will. „Erst wird intuitiv eingeordnet, dann rational begründet“, erläutert Beck. Das Bauchgefühl sei die emotionale Vorstufe unserer bewussten Entscheidungsprozesse.
Ist Intuition das Gegenteil von Verstand?
Nein, auch wenn das viele glauben. „Bauchgefühl und Ratio (Verstand) sind kein Widerspruch, im Idealfall ergänzen sie sich“, unterstreicht Gigerenzer.
Ein Beispiel aus der Medizin: Ein erfahrener Hausarzt untersucht eine Patientin, die er seit Jahren kennt. Äußerlich wirkt sie gesund. Und doch beschleicht ihn ein Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Er ordnet eine Blutuntersuchung an – und tatsächlich: Die Nierenwerte sind erhöht. Der Arzt hat seiner Intuition vertraut und sie anschließend rational überprüft.
Wann kann man dem Bauchgefühl vertrauen?
Das hängt vor allem von Erfahrung ab. „Entscheidungen nach dem Bauchgefühl gelingen am besten, wenn man sich gut mit einer Sache auskennt“, erläutert Beck. Wer viele Jahre in einem Beruf gearbeitet hat, kann bei anstehenden Entscheidungen intuitiv handeln, indem er oder sie den bestehenden Erfahrungsschatz abruft.
„In vertrauten Situationen ist die erste Eingebung oft die beste“, konstatiert Gigerenzer. Rund 50 Prozent aller Entscheidungen treffen Menschen ihm zufolge intuitiv. Übermäßiges Nachdenken könne dabei sogar zu schlechteren Ergebnissen führen. „Man kann der Intuition trauen, wenn sie sich als ruhiges, klares Gefühl der Gewissheit äußert“, ergänzt Beck.
Kann man Entscheidungen auch komplett rational treffen?
Manche lehnen es ab, intuitiv zu entscheiden. Sie suchen nach Argumenten, wägen Vor- und Nachteile ab und lassen ihr Bauchgefühl komplett außen vor. Zwar kann Intuition auch irreführend sein, wie Gigerenzer erklärt. Allerdings ließen sich nicht alle Fragen und Probleme rational lösen. „Gute Entscheidungen erfordern oft eine Balance zwischen Intuition und analytischer Überprüfung.“
Auch hierfür ein Beispiel: Eine Firma sucht eine neue Mitarbeiterin. Die Personalverantwortliche spürt bei einer Bewerberin auf Anhieb, dass es passt. Das ist der intuitive Aspekt. Die Personalverantwortliche überprüft nun, ob die Bewerberin die nötigen Qualifikationen mitbringt und checkt, ob die Gehaltsvorstellung zum Budget passt. Schließlich entscheidet sie sich, die Bewerberin einzustellen – und mit der Zeit zeigt sich, dass dies eine gute Entscheidung war.
Wann ist das Bauchgefühl ein schlechter Ratgeber?
Bei fehlenden Erfahrungen ist das Bauchgefühl weniger zuverlässig. In völlig neuen Situationen empfiehlt sich dann eher ein rationales Vorgehen – etwa eine Pro-und-Contra-Liste.
Vorsicht ist auch geboten, wenn man rein intuitiv handelt. „Eine rein intuitive Entscheidung erfordert Mut“, sagt Gigerenzer. Dann muss man die Verantwortung dafür übernehmen, wenn sich die Entscheidung rein nach Bauchgefühl später als die falsche herausstellt.
Können wir unser Bauchgefühl bewusst stärken?
„Intuition funktioniert nur in den Bereichen gut, in denen man viel Erfahrung hat“, resümiert Gigerenzer. Wer seinem Bauchgefühl mehr vertrauen möchte, sollte vergangene Entscheidungen gezielt reflektieren: Wann lag die Intuition richtig – und wann nicht?
Der Psychologe empfiehlt ein Intuitions-Tagebuch: Situationen notieren, in denen ein Bauchgefühl spürbar war, und festhalten, was daraus wurde. „So lernt man, Fehler zu erkennen.“
Info: Intuition vs. Logik – Captain Kirk und Mr. Spock
„Star Trek“ und die Philosophie Von 1966 bis 1969 wurde in den USA das Original „Raumschiff Enterprise“ unter dem Titel „Star Trek“ erstmals ausgestrahlt. Insgesamt wurden bisher 703 TV-Episoden, 13 Kinofilme und mehr als 1000 Comics produziert. In der Originalserie werden diverse philosophische Themen und philosophiegeschichtliche Epochen angesprochen – von Platon (428-248 v. Chr.) über Immanuel Kant (1724-1804) bis zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831).
Logik – Anfang aller Weisheit Mr. Spock und James T. Kirk: Der Vulkanier Spock und Wissenschaftsoffizier ist der Denker und Logiker, der Capitain der „Enterprise“, Kirk, ist der Handelnde und Intuitive. Spocks Spruch, dass die Logik der Anfang aller Weisheit ist, kann man auch dem deutschen Großdenker Hegel in den Mund legen. Rationales und logisches Denken sind für ihn höchstes Gut und größtes Vermögen. Spock muss all sein Tun immer logisch begründen. Auch hinter seinen mystisch-rituellen Akten als Vulkanier verbirgt sich pure Logik und Rationalität.
Wiegt das Wohl von Einem genauso so schwer wie das Wohl von Vielen? Im dritten „Stark-Trek“-Kinofilm „Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock“ aus dem Jahr 1984 fällt folgender gedankenschwerer Satz: Spock fragt Kirk, warum der ihn gerettet hat und dabei das Leben seiner Crew aufs Spiel setzte. Spock: ‚Aber warum haben Sie es getan?‘ Kirk: ‚Weil das Wohl von Einem genauso schwer wiegt, wie das Wohl von Vielen!‘“ Spock ist zunächst der Meinung, das Glück vieler mehr wert sei als das Glück eines Einzelnen. Was ja nur logisch ist.
Logik ist nichts ohne Intution Diese Frage wird auch in der postmodernen Ethik diskutiert. In den „Star-Trek“-Filmen wird gezeigt, wie sich Kirk mit seiner Crew in große Gefahren begibt, um Spock zu retten. „Star Trek III“ gipfelt schließlich in dem besagten Diskurs um Spocks Satz: „Das Wohl von Vielen, es wiegt schwerer als das Wohl von Wenigen oder eines Einzelnen.“ Was Kirk, dann mit einem Verweis auf Hegel beantwortet, dass man den Wert des Glücks nicht an der Zahl der Glücklichen fest machen kann. Was beweist: Ohne Intution ist Logik nur eine Hülle ohne Inhalt.
