Patienten lenken statt laufen lassen
Das Hausarztprinzip hat sich andernorts bewährt und sollte konsequent umgesetzt werden.
Von Eidos Import
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) versucht sich gerade als Reform-Speerspitze der Regierung. Die Gesundheitsreform hatte nur kurz nach entsprechenden Expertenvorschlägen das Kabinett passiert. Noch bevor der Bundestag sich damit intensiv beschäftigen konnte, meldete der Bundesrat jedoch bereits massive Bedenken an. Ausgang offen.
Auch die Pflegereform steht noch an und hat sich wegen diverser Widerstände, etwa aus dem Finanzministerium, verspätet. Nichtsdestotrotz befindet sich eine weitere Reform auf dem Programm der Gesundheitsministerin, nämlich das Primärarztsystem, gern als Hausarztprinzip bezeichnet. Auch hier gilt: seit Jahren diskutiert, seit Jahren nichts passiert.
Weil die Deutschen im internationalen Vergleich sehr häufig zum Arzt gehen, ohne deshalb gesünder zu sein oder länger zu leben, will Warken nun tatsächlich das Primärarztsystem einführen, bei dem man in den meisten Fällen einen Hausarzt auswählt, der stets die erste Anlaufstelle sein soll und gegebenenfalls zum Facharzt überweist.
Es geht darum, Patientenströme endlich wieder zu steuern und unnötige Facharztbesuche zu reduzieren. Aktuelle Zahlen der größten deutschen Krankenkasse TK zu bisher freiwilligen Hausarztverträgen hierzulande haben genauso wie die gesetzlich verbindlichen Erfahrungen aus Dänemark oder Frankreich gezeigt: Das Hausarztprinzip kann nur funktionieren, wenn es konsequent durchgesetzt wird mit dem Hausarzt als erste Anlaufstelle. Ausnahme: gynäkologische, zahn- und augenärztliche Versorgung.
Diesen strikten Weg kann man verordnen. Oder man wird durch Geld gelenkt – durch Strafzahlungen für ohne Hausarzt vereinbarte Facharzttermine oder aber durch Rabatte für die Versicherten, die sich immer erst an den Hausarzt wenden. Überversorgung jedenfalls ließe sich so vermeiden.
Zur Erinnerung: Das Hausarztprinzip ist nicht nur bei europäischen Nachbarn der Normalfall, es war auch in Deutschland jahrelang Standard: In der Bundesrepublik wie in der DDR waren es die Allgemeinmediziner, die eine Überweisung zum Facharzt ausstellten. Erst mit der Einführung der Krankenversichertenkarte im vereinigten Deutschland 1995 ging die Steuerung immer weiter verloren. Die zwischenzeitliche Praxisgebühr, die zu weniger Arztbesuche führen sollte, fiel 2013 weg. Seitdem kostet die völlige Wahlfreiheit beim Arztbesuch für die Patienten nichts mehr zusätzlich.
Deutschland, so hat es einmal Ärztepräsident Klaus Reinhardt gesagt, sei der wohl einzige Staat der Welt, in dem bisher der Patient allein über seine Behandlung entscheidet. So weit, so einleuchtend. Aber wie so oft bei Reformen wird es auf die konkrete Ausgestaltung ankommen. Ein Problem dabei: Die Zahl der Hausarztpraxen dürfte in den nächsten Jahren spürbar sinken, auch weil viele Hausärzte in den Ruhestand gehen und der Nachwuchs ausbleibt. Weshalb Warken die Digitalisierung nutzen will und für all jene, die sich nicht sicher sind, ob sie ärztliche Hilfe oder einfach nur eine Kopfschmerztablette und etwas Ruhe brauchen, eine digitale Ersteinschätzung vorschalten will.
Letztlich geht es um eine sehr deutliche Umstellung für Patienten und Ärzte. Über Nacht wird das nicht funktionieren, zumal in einer Zeit, in der schon der Spardruck, der aus den Milliardenlöchern der Krankenkassen resultiert, Versicherten und Medizinern einiges an Zumutungen abverlangt. Allerdings ist das die Konsequenz aus der Tatsache, dass jahrelang echte Reformen unterblieben sind. Nun muss es Schlag auf Schlag gehen. Das wird anstrengend. Aber es sollte sich lohnen.
