Selecao stolpert zum Start – Cacau hadert
Vinicius Junior verhindert mit einer sehenswerten Soloaktion zum 1:1 gegen Marokko einen kompletten Fehlstart, doch in Brasilien herrscht schon helle Aufregung. Trainer Carlo Ancelotti bleibt gelassen. Die in Brasilien geborene VfB-Legende Cacau reagiert ernüchtert auf das Remis.
Von sid/dip
East Rutherford - Als Vinicius Junior geknickt vom Feld schlich und Neymar die Fans mit Selfies besänftigte, ploppten in der aufgeregten Heimat bereits Vergleiche mit einer der dunkelsten Stunden der Selecao auf. Beim 1:1 (1:1) gegen Marokko, schimpften Kolumnisten der Tageszeitung „O Globo“, habe Brasilien die schlechtesten 45 Minuten geliefert seit jenem unheilvollen 1:7 gegen Deutschland, das 2014 tiefe Spuren im Gedächtnis der stolzen Fußballnation hinterlassen hatte.
Nun gut, ganz so schlimm war es nicht. Doch in der Öffentlichkeit wuchsen trotzdem die Zweifel an den Ideen von Trainer Carlo Ancelotti, der die lange Leidenszeit der Brasilianer nach 24 Jahren ohne Weltmeistertitel beenden soll. Der Starcoach reagierte ganz gelassen – und beruhigte die Anhänger. Eine WM, betonte der Routinier, „gewinnt man nicht mit dem ersten Spiel“.
Brasilien hatte in East Rutherford vor den Toren New Yorks jedoch wenig Glanz versprüht und die große Frage offengelassen, ob die Selecao wirklich zum Kreis der Topfavoriten gehört. Ancelottis Startelf, vor allem die Berufung von Roger Ibanez auf die rechte Abwehrseite, erregte die Gemüter in der Heimat. Kritik, entgegnete der Coach, dessen Team sich nach dem Seitenwechsel immerhin gesteigert hatte, müsse akzeptiert werden, aber: „Die Startaufstellung war bewusst gewählt.“
Dass Brasilien in der ersten Halbzeit derart fahrig, ideenlos und dürftig agiert hatte, führte Ancelotti auf die Nervosität seiner Spieler zurück. Damit müsse sich die Selecao vor dem zweiten Gruppenspiel am Samstag (2.30 Uhr MESZ/ARD und Magenta TV) gegen Haiti auseinandersetzen. „Es ist normal, dass der Druck hoch ist“, betonte der 67 Jahre alte Italiener: „Aber wir werden uns auch in dieser Hinsicht nach und nach verbessern.“ Er deutete zudem an, dass sich die viel diskutierte Startelf je nach Gegner ändern könne.
Zehntausende Anhänger hatten auf den Rängen mitgefiebert, darunter Ronaldo, Kaká und Roberto Carlos, die Brasilien 2002 den bislang letzten von fünf WM-Titeln beschert hatten. Selbst NFL-Legende Tom Brady drückte im Selecao-Trikot die Daumen. Sie alle packten ihre Hoffnung auf die Schultern von Vinicius, der einen Fehlstart nach Marokkos Führung durch Ismael Saibari (21.) mit einer sehenswerten Soloaktion zum 1:1-Ausgleich verhinderte (32.).
Er sei überzeugt, dass er sich noch steigern könne, versicherte Vinicius, der den WM-Titel als klares Ziel ausgegeben hat. Ein wunderschönes Tor, das erst zehnte im 50. Länderspiel, habe Vinicius erzielt, lobte Ancelotti: Er habe „alle Qualitäten, um eine großartige WM zu spielen“. Alleine wird es Vinicius kaum richten können. Heilsbringer Neymar, hinter dessen Leistungsfähigkeit ein dickes Fragezeichen steht, fehlt allerdings noch angeschlagen. Der Superstar, der seit 2023 kein Länderspiel mehr absolviert hat, fieberte mit weißer Kappe als Zuschauer mit. Wann er einsatzfähig sein wird, ist offen. Brasilien, beschwichtigte Ancelotti, stehe aber ohnehin erst „am Anfang dieser Reise“.
Die in Brasilien geborene VfB-Legende Cacau haderte dagegen deutlich mit dem 1:1. „Das war nicht das Spiel, das ich mir erwartet habe“, schrieb der ehemalige Stürmer und heutige Markenbotschafter des VfB Stuttgart auf Instagram. Er habe erwartet, dass von der Bank „mehr kommt“. Also von den Einwechselspielern der Brasilianer. Ancelotti sei aber „nicht so mutig gewesen“. Doch Cacau erkannte auch die Leistung des Gegners an: „Marokko war sehr gut.“
