Musik

Zusammen Musik hören - Das steckt hinter Listening Sessions

Wann haben Sie zuletzt ein Album gehört – von Anfang bis Ende, ohne Ablenkung? Für viele ist das zur Ausnahme geworden. Umso größer ist das Interesse an einem Format, bei dem es genau darum geht.

Kevin Rodriguez legt in seiner Bar eine Platte auf.

© Christophe Gateau/dpa

Kevin Rodriguez legt in seiner Bar eine Platte auf.

Von von Lukas Dubro, dpa

Berlin - Die spanische Popsängerin Rosalía sorgt auf ihrer Welttournee zurzeit für Begeisterung, Ende April kommt sie nach Deutschland. Um ihr neuestes Album "Lux" der Weltöffentlichkeit ein erstes Mal zu präsentieren, wählte die 33-jährige Musikerin ein für viele vielleicht noch ungewöhnliches, aber doch sehr angesagtes Format: die Listening Session. 

Listening bedeutet auf Deutsch zuhören. Bei Listening Sessions oder Partys kommen Musiker und Fans im intimen Kreis zusammen, um gemeinsam Musik zu lauschen, die zumeist von einem Tonträger wie einer Schallplatte abgespielt wird. 

Eine neue Art des Musikhörens

Im Palau Nacional in Barcelona hörten geladene Gäste im November 2025 die 18 Lieder des neuen Rosalía-Albums, während die Sängerin auf einem Podest aus weißem Tüll wie eine Art Schneewittchen im Schnee lag. Und zuhörte, nicht sang. Nach dem letzten Track verließ Rosalía lächelnd aber wortlos den Saal. 

Rosalía ist eine Meisterin darin, sich zeitgenössische Popkultur anzueignen – kein Wunder also, dass sie für die Premiere ihres Albums eine Form wählte, die sich in Musikkreisen zunehmender Beliebtheit erfreut. Das britische Lifestyle-Magazin "Dazed" veröffentlichte kürzlich einen langen Artikel über das neue Phänomen.

In Hamburg eröffnete im September das Listening-Café Trader Hifi und in München im November die Bar Spin – und auch in Berlin gibt es schon mehrere Bars, die dem gemeinsamen Hören von Musik einen Raum geben.

Eine von ihnen ist die Bar Unkompress in Kreuzberg. "Listening Bars sind gerade deshalb so gefragt, weil sie auf einen Wandel im Nachtleben reagieren", sagt Betreiber Kevin Rodriguez der Deutschen Presse-Agentur. Die klassische Clubkultur habe es zunehmend schwer. "Und viele Menschen suchen nach Alternativen – nach etwas Intentionalem, Intimem, etwas Konzentriertem und Fokussiertem." Doch wie genau funktioniert dieses gemeinsame Musikhören?

Wie muss man sich eine Listening Session vorstellen?

Was Listening Bars besonders mache, sei ihre persönliche Handschrift, beschreibt Rodriguez das Konzept. Vom Soundsystem über die Auswahl der Platten bis hin zum gesamten Erlebnis spiegele jeder Ort die Persönlichkeit seiner Betreiber wider. "Manche legen den Fokus stärker auf Essen, andere auf Kultur oder Drinks – aber allen gemeinsam ist die bewusste Atmosphäre und das konzentrierte Zuhören."

Bei Unkompress werden komplette Alben von Anfang bis Ende gespielt. "Beide Seiten", unterstreicht Rodriguez. Er wähle die Musik aus, unterstützt von DJs, die regelmäßig in der Bar auflegen. Zu hören gebe es Jazz, Funk, Electronic Sounds aus den 80ern, aber auch aktuelle Musik. Sonntags fände die Album Listening Session statt: "Ein Album, keine Handys, keine Gespräche – gemeinsames, konzentriertes Hören."

Rodriguez wähle die Musik nach Jahreszeit, Tageszeit und sogar nach dem Wetter aus. "Auch die aktuelle Stimmung in Berlin spielt eine Rolle. Die Auswahl ist sehr intuitiv und persönlich", sagt er. Getanzt werde nicht. Der Raum sei klein, etwa zwanzig Sitzplätze, die Gäste kämen bewusst zum Zuhören und um den Raum und die Drinks zu genießen.

Die Sessions würden sehr gut angenommen. Da es keine räumliche Trennung zwischen dem DJ und Gästen gibt, entstehe eine gemeinschaftliche Atmosphäre. "Oft fragen Gäste nach den gespielten Platten – daraus entstehen ganz natürlich Gespräche", berichtet Rodriguez. Auf die Idee kam er, als er sich fragte, warum nur Clubs gute Soundsystems und eine durchdachte Musikauswahl bieten würden. Er entdeckte die Listening-Kultur in Japan und interpretierte sie auf seine Weise. 

In japanischen Jazz-Kissas trifft man sich, um gemeinsam Jazzmusik zu genießen. Die japanischen Musikcafés werden im Zusammenhang mit Listening Bars immer wieder genannt. Die Berliner Listening-Bar Bar Neiro bezieht sich auf ihrer Internetseite direkt darauf - genau wie Rodriguez.

Listening Partys auch bei Billie Eilish und Frank Ocean 

Nun erobert das gemeinsame Musikhören die Welt. In Paris gibt es ebenfalls viele Listening Bars, dort heißen sie auch "Bars audiophiles". Im Artikel von "Dazed" werden neben Rosalía auch Listening Partys von US-Popstar Billie Eilish und Rapper Frank Ocean erwähnt. Es geht dort auch um die Londoner Listening Bar Shai Space. Und andere Musiker kommen zu Wort, die das Format für sich entdeckt haben, wie die Londoner Produzentin HAAi.

Touren sei extrem teuer geworden, sagt HAAi dort. "Listening Parties schließen eine Lücke. Sie ermöglichen es, die Musik angemessen zu präsentieren, ohne den enormen finanziellen Druck." Der Musiker Isaac de Martin alias Ike trat im August bei Unkompress in Kreuzberg auf. Zunächst hörten die Gäste das Album gemeinsam, anschließend konnten sie Fragen dazu stellen. Danach spielte er die Songs live – um einen anderen Eindruck von der Musik zu vermitteln. Ike lebte bis 2023 in Berlin, pendelt nun zwischen London und Italien.

Das sagen Musikerinnen und Musiker zum Format

"Die Intimität eines solchen Konzerts schafft eine engere Verbindung mit den Leuten, und die Musik profitiert davon. Das Publikum ist weniger abgelenkt", sagt Ike der dpa. Den finanziellen Vorteil sieht er eher bei Venues, die weniger Kosten haben. Er meint auch, dass Listening Sessions Konzerte nicht ersetzen werden, die immer noch essenziell für Bands seien. "Aber Listening Bars gewinnen wegen der intimen Atmosphäre für die Musikbranche zunehmend an Bedeutung", sagt er.

Die Berliner Musikerin Jana Irmert spielte im Dezember bei Unkompress ihre erste Listening Session überhaupt. "Ich fand es ein interessantes Format, weil ich den Fokus auf das Teilen meines Prozesses gelegt habe und ich denke, das ist vielleicht auch die Stärke dieser Sessions", sagt Irmert. Dass Interessierte Informationen erfahren und mit Künstlern ins direkte Gespräch kommen können. Irmert zeigte bei Unkompress das Rohmaterial ihres neuen Albums "Portals", bevor das fertige Album abgespielt wurde. Dann wurde über das Gehörte diskutiert.

Rosalía präsentierte ihr neues Album "Lux" bei einer Listening Session. (Archivbild)

© Scott A Garfitt/Invision/AP/dpa

Rosalía präsentierte ihr neues Album "Lux" bei einer Listening Session. (Archivbild)

Kevin Rodriguez, Betreiber der Listening Bar Unkompress.

© Christophe Gateau/dpa

Kevin Rodriguez, Betreiber der Listening Bar Unkompress.

Die Musikanlage steht im Fokus in der Listening Bar Unkompress.

© Christophe Gateau/dpa

Die Musikanlage steht im Fokus in der Listening Bar Unkompress.

In der Bar Unkompress werden ausschließlich Schallplatten gespielt.

© Christophe Gateau/dpa

In der Bar Unkompress werden ausschließlich Schallplatten gespielt.

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Erstellt:
5. April 2026, 09:30 Uhr

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