Wimbledon 2022

Ist bei Jule Niemeier jetzt der Knoten geplatzt?

Die Deutsche Jule Niemeier steht erstmals in ihrer Karriere in der dritten Runde eines Major-Turniers. Ihr furioser Zweisatzerfolg gegen die Nummer drei der WTA-Rangliste könnte die Initialzündung sein für den Aufbruch in höhere Sphären der Tenniswelt.

Ist bei Jule Niemeier jetzt der Knoten geplatzt?

Starker Auftritt in Wimbledon: Jule Niemeier

Von Dominik Ignée

Alles war angerichtet für die reine Tennisroutine. Anett Kontaveit stand beim Einschlagen auf der einen Seite des Platzes, und als Nummer drei der Welt und Nummer zwei des Tennisspektakels von Wimbledon durfte sie ihr Können selbstverständlich auf Court 1 des ehrwürdigen All England Lawn Tennis and Croquet Club zur Schau stellen. Auf der anderen Seite stand Jule Niemeier aus Dortmund, 22 Jahre alt, die Nummer 97 der Welt. Die Rollen hätten also nicht besser verteilt sein können. Doch dann geschah ein Wunder.

Anett Kontaveit musste sich vorgekommen sein wie in einem schlechten Film. Niemeier überrollte die Estin mit ICE-Geschwindigkeit in nicht einmal einer Stunde, gewann mit ihrem entschlossenen Spiel 6:4 und 6:0 und sorgte für die bislang größte Überraschung dieser inoffiziellen Tennis-Weltmeisterschaften im Südwesten Londons. Es gibt diese Tage, an denen man besser nicht aufgestanden wäre, Kontaveit weiß das jetzt. Und Jule Niemeier erlebte erstmals, wie es ist, wenn man im Fokus steht und einen Interviewmarathon zu bewältigen hat, der seinesgleichen sucht.

„Ich bin sprachlos“ – das waren Jule Niemeiers erste Worte beim Interview. Man muss kein Prophet sein, um zu behaupten, dass es Kontaveit nicht anders ging. Niemeier sprach noch von einem ihrer besten Matches überhaupt und ihrer Leidenschaft für das schnelle Spiel auf Gras. Überdies hat sie mit dem Einzug unter die besten 32 des Turniers ihre Rekordbörse in Höhe von 138 000 Euro schon einmal sicher. Aber sie wird vielleicht noch einen schönen Batzen draufsatteln können, denn in der dritten Runde wartet in der 33 Jahre alten Ukrainerin Lessja Zurenko eine durchaus lösbare Aufgabe für die Deutsche. Zurenko war im Jahr 2019 zwar mal die Nummer 23 der Welt, rangiert inzwischen aber nur noch auf Platz 114.

Die große Hoffnung

Dass bei Jule Niemeier einmal der Knoten platzen könnte, darauf haben sie beim Deutschen Tennis-Bund (DTB) immer gehofft – doch musste auch ein Weilchen darauf gewartet werden. Sie und die 18 Jahre alte gebürtige Mainzerin Nastasja Schunk gelten als einzige Hoffnungen, dass das deutsche Frauentennis nicht in ein riesiges Loch plumpst, wenn arrivierte Spielerinnen wie Angelique Kerber und Andrea Petkovic mal ihre Karrieren beenden. Nicht wirklich etwas kommt nach – das war stets die große Befürchtung. Auch die ehemalige Tennisspielerin Anke Huber sprach von sogenannten dürren Jahren, die es immer mal wieder gegeben habe im Tennis. Aber sie prangerte in diesem Zusammenhang auch das unzureichende deutsche Schulsystem an, das nur wenig Spielraum lässt für das notwendige Training auf dem Weg zum Profi.

Nun könnte bei Jule Niemeier nach ihrem furiosen Wimbledon-Auftritt der Knoten geplatzt sein, zumindest hofft man es. Die Bundestrainerin Barbara Rittner hatte immer an sie geglaubt und gespürt, dass sie eine gute Rolle spielen könnte für die Zeit nach der „goldenen Generation“ um Kerber. „Jule besitzt alle Waffen für eine Spitzenspielerin. Ich traue ihr die Top 20 in der Welt zu“, sagte Rittner nach dem Zweitrundenerfolg der Westdeutschen. Außerdem lobte sie Niemeiers hohe Spielintelligenz und attestierte ihr „ein unglaubliches Händchen“.

Seit 2016 dabei

Im Jahr 2016 schlug Jule Niemeier erstmals auf der Profitour auf, siegte in den Folgejahren bei vier ITF-Turnieren im Finale, ehe sie am 5. Juni 2022 im kroatischen Makarska durch einen Finalsieg gegen die Italienerin Elisabetta Cocciaretto ihre erste WTA-Veranstaltung gewann. Vor wenigen Wochen deutete sich die gute Form der Deutschen also schon an. Ihr Trainer Christopher Kas wähnt sie allerdings noch in einem Prozess, zu viel solle man jetzt noch nicht von seinem Schützling erwarten. „Jule wird in zwölf bis 18 Monaten ihr bestes Tennis spielen, und alles, was in dieser Zeit passiert, ist ein Prozess“, sagte der Coach. Deshalb gebe es für die Spielerin jetzt auch überhaupt keinen Druck. „Wenn du gegen die Nummer drei der Welt gewonnen hast, bedeutet das nicht, dass du jetzt selbst die Nummer drei bist“, meinte Kas, der Niemeier behutsam in höhere Sphären der Tenniswelt führen will.

Jule Niemeier selbst weiß auch, dass sie sich noch in einer Entwicklungsphase befindet. Doch habe sie in den vergangenen Monaten bei engen Matches gespürt, dass sie sehr nah herankommen kann an die Topspielerinnen der Tenniswelt, eine ganz wichtige Erfahrung war das für sie. „Ich habe deshalb auch von Anfang an geglaubt, dass ich dieses Match gewinnen kann“, sagte sie nach ihrem Zweitrundenerfolg. Und die Nervosität, auf Court 1 von Wimbledon gegen die Nummer drei der Welt antreten zu müssen, die habe sie einfach nur „sehr gut überspielt“. Reine Routine, nichts weiter.

So einfach kann Tennis sein.