Literarischer Salon in Backnang

Die Sprechkünstlerin Marit Beyer und die Pianistin Olivia Trummer haben unter dem Titel „Paris – ein Spaziergang mit Rainer Maria Rilke und Erik Satie“ im Literarischen Salon des Backnanger Bürgerhauses ein literarisches und musikalisches Porträt von Paris gezeichnet.

Marit Beyer liest aus Texten von Rainer Maria Rilke, Olivia Trummer spielt dazu Kompositionen von Erik Satie am Flügel. Foto: Tobias Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Marit Beyer liest aus Texten von Rainer Maria Rilke, Olivia Trummer spielt dazu Kompositionen von Erik Satie am Flügel. Foto: Tobias Sellmaier

Von Thomas Roth

Backnang. Im Literarischen Salon präsentieren die (Jazz-)Pianistin Olivia Trummer und die Sprecherin Marit Beyer am frühen Sonntagabend im Backnanger Bürgerhaus ihr Programm „Paris – ein Spaziergang mit Rainer Maria Rilke und Erik Satie“.

Malte Prokopowitsch zeichnet verantwortlich für die Regie und Dramaturgie. Der Flügel ist geschmückt mit Textbüchern sowie mit Bildern, die auf das Programm Bezug nehmen: Man sieht unter anderem einen Panther, den Eiffelturm und einen Flamingo. Mit den „Gnossiennes“ und „Gymnopédies“ von Rilkes Zeitgenossen Erik Satie als musikalischen Bindegliedern zwischen den Texten entscheidet sich Prokopowitsch für eine dichte, atmosphärische, musikalische Gestaltung des Programms.

Die szenische Konzertlesung folgt damit einem stets ruhigen, reflektierenden und bedachten Weg ohne emotionale Ausreißer, ohne jede Effekthascherei. Das passt so recht zu den dargebotenen Texten von Rainer Maria Rilke: Marit Beyer liest aus der Sammlung „Neue Gedichte“ (1907) Highlights wie „Der Blinde“, „Die Gruppe“, „Das Karussell“, „Der Panther“, „Papageien-Park“ oder „Die Flamingos“ – allesamt geniale Texte der literarischen Moderne.

Stark autobiografische Züge

Zudem liest sie Passagen aus Rilkes einzigem Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (1910). Auch wenn sich Rilke immer wieder dagegen gewehrt hat, sind nachweislich stark autobiografische Züge in diesem Werk unbestreitbar. Sein fiktiver Erzähler Malte Laurids Brigge ist dem Dichter doch recht nahe. Seine Erlebnisse sind meist auch Rilkes eigene.

Weitere Themen

Dieser trifft in Paris, wohin er zwischen den Jahren 1902 und 1925 immer wieder reist, auch Leute wie Paul Cézanne oder Auguste Rodin. In der großen Stadt pulsiert das kulturelle Leben, die Moderne hält Einzug und beeinflusst den sensiblen, rastlosen und meist nur auf sich bezogenen Poeten. All das ist wohl mitverantwortlich für Rilkes so außergewöhnliche Sprache, seine detaillierten Beobachtungen und die oft für den Leser so überraschenden inhaltlichen Konsequenzen, die er zieht. Marit Beyer zitiert: „Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat ja mehrere.“ Allein dieser Satz könnte genügen, um lange darüber zu philosophieren. Bei Rilke geht es aber weiter – viel weiter: „Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil beweisen?“

Grenzen werden überschritten

Interessanterweise hält sich Rilke bei der Gestaltung seines Romans nicht an bisher vorgegebene formale Gesetze. Und da befindet er sich in allerbester Gesellschaft mit dem ihm von Malte Prokopowitsch in diesem Programm zur Seite gestellten Erik Satie. Dessen kurze und langsame „Gnossiennes“ sind ohne Takte notiert, die Melodien irgendwie exotisch. Als von Tanzmusik inspiriert gelten Saties minimalistisch komponierten und melancholischen „Gymnopédies“. Die Vortragsanweisungen lauten etwa „langsam und schmerzhaft“, „langsam und schwer“ oder „langsam und traurig“. Ähnlich wie Rilke überschreitet Satie gerne Grenzen und nähert sich wie dieser dem in diesem Zusammenhang so gern zitierten „Imaginären“.

Somit liegt es nun also in den Händen der Interpreten, was sie daraus machen. Im Fall Olivia Trummers kann man sagen, schlicht das Optimale. Ganz wunderbar. Dasselbe gilt für Marit Beyer. Ihre klare, unaufdringliche Stimme vermittelt eine ganz spezielle, feine Atmosphäre, die den Spaziergang durch die diversen Gärten und Boulevards, verweilend und vorbei an Schaufenstern, Jahrmärkten und der Bibliothek der großen Stadt Paris so plastisch werden lässt.

Sehr langer Beifall würdigt die Performance der beiden Künstlerinnen Marit Beyer und Olivia Trummer. 70 Minuten des Innehaltens, des Lauschens, des genauen Zuhörens, des Sich-davontragen-Lassens von der immensen Ausdrucksstärke Rilkes, seiner ungemeinen Formulierungskunst und seiner so entlarvenden Beobachtungsgabe, umschwungen von den ruhigen, nachdenklichen, melancholischen Klängen der „Gnossiennes“ und „Gymnopédies“ von Erik Satie: ein wunderbarer Spaziergang im Literarischen Salon in Backnang.

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Erstellt:
8. Mai 2024, 14:00 Uhr

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