Jürgen Habermas ist tot
Einer der wichtigsten deutschen Denker mit 96 Jahren gestorben
Philosophischer Meisterdenker und öffentlicher Intellektueller: In beiden Rollen höchstes Ansehen zu genießen gelingt nur ganz wenigen. Jürgen Habermas war einer von ihnen.
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Trauer um berühmten Philosophen: Jürgen Habermas ist tot.
Von Markus Brauer/dpa
Eine der einflussreichsten Stimmen Deutschlands ist verstummt: Am Samstag starb der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren in Starnberg, wie der Suhrkamp Verlag unter Berufung auf die Familie der Deutschen Presse-Agentur mitteilte.
Jürgen Habermas war einer der wichtigsten Denkern der Gegenwart
Jürgen Habermas galt als einer der wichtigsten deutschen Philosophen der Gegenwart und genoss weltweite Anerkennung. Bekannt war er aber nicht zuletzt als streitbarer Intellektueller, der sich in rund sieben Jahrzehnten immer wieder in politische Debatten einschaltete. „Öffentliches Engagement“ sei „die wichtigere Aufgabe der Philosophie“, stellte Habermas einmal klar.
Seine Hauptwerke entstanden in Frankfurt am Main, wo seine Karriere in den 1950er Jahren am Institut für Sozialforschung bei Theodor W. Adorno begann.
Bekannt wurde Jürgen Habermas 1962 mit seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, in der er sich mit der frühbürgerlichen Gesellschaft auseinandersetzte. Großen Anklang fanden seine Thesen bei der antiautoritären 68er-Studentenbewegung, zu deren radikalen Vertretern er jedoch bald auf Distanz ging. 1986 löste Habermas den sogenannten Historikerstreit mit aus. Er verteidigte damals die historische Singularität des Holocausts gegen Relativierungsversuche rechtskonservativer Historiker.
Studentenbewegung, Wiedervereinigung, Nato-Einsatz, Terrorismus, Stammzellforschung, Bankenkrise: Habermas’ jeweilige Position in einem Schlagwort zusammenzufassen, würde der Differenziertheit seines Denkens nicht gerecht. Gemeinsam ist all seinen Einlassungen ein positives Menschenbild und der Glaube an die Macht der Vernunft und des gesellschaftlichen Dialogs.
Habermas meldete sich immer wieder zu Wort
Geboren wurde Habermas 1929 in Düsseldorf. Er wuchs in Gummersbach auf. 1949 begann der knapp 20-Jährige sein Philosophiestudium in Göttingen. Die von ihm als autoritär bis lähmend empfundene Nachkriegsgesellschaft ließ ihn früh von einem demokratischen Neuanfang träumen. „Für mich war Demokratie das Zauberwort“, sagte er mit Blick auf seine Studienzeit in einer 2014 beim Suhrkamp-Verlag erschienenen Biografie.
Damit verbunden war seine geistige Hinwendung zum demokratischen Verfassungsstaat der Westmächte, die für sein Denken stets ein Orientierungspunkt blieb. Noch im Zuge des Historikerstreits schrieb er 1986 in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit.“
1971 wechselte er nach Starnberg bei München, wo er bis 1981 das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitete. In seinem letzten Jahr veröffentlichte er sein Hauptwerk, „Theorie des kommunikativen Handelns“. 1983 kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 erneut einen Lehrstuhl für Philosophie übernahm.
Jürgen Habermas setzte sich früh für europäische Verfassung ein
Neben zeitgeschichtlichen Ereignissen wie dem Kosovo-Krieg oder der Migrationskrise 2015 war es immer wieder auch der Zustand Europas, der Habermas zu Kommentaren, Zwischenrufen oder Mahnungen anregte. Mit Blick auf die Europäische Union kritisierte er wiederholt deren „politische Eliten“ und sprach sich für eine stärkere Einbeziehung der Bevölkerung in den europäischen Einigungsprozess aus. Zudem setzte er sich früh für eine europäische Verfassung ein und unterstrich die Notwendigkeit einer europäischen Öffentlichkeit.
Was einen Intellektuellen ausmacht, beschrieb Habermas einmal selbst. Der Intellektuelle brauche einen „avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen“, betonte er in seiner Dankesrede zur Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises 2006. „Er muss sich zu einem Zeitpunkt über kritische Entwicklungen aufregen können, wenn Andere noch beim business as usual sind.“
Im Alter, das er am Starnberger See verbrachte, meldete er sich zu politischen Fragen zu Wort, etwa zu Kosovokrieg, Hirnforschung oder Religionskämpfen. Charakteristisch für seine gesprochene Rede war die Behinderung durch eine angeborene Gaumenspalte.
