In Stuttgarter Schaufenster
Trauer hinter Glas: Daura Hernández García tanzt an einem ungewöhnlichen Ort
Daura Hernández García erzählt in ihrer Performance „Mourning Butterflies“ in einem ehemaligen Laden in der der Leuschnerstraße im Stuttgarter Westen von Trauer und Verlust.
© stzn/Andrea Kachelrieß
Daura Hernández García zeigt ihre Performance "Mourning Butterflies" in einem leerstehenden Laden in der Leuschnerstraße.
Von Andrea Kachelrieß
Abschied und Trauer kann viele Formen annehmen. Zum Beispiel die eines leerstehenden Gebäudes, wo die Schaufenster geräumter Ladenflächen zu toten Augenhöhlen werden, wo zugeklebte Briefkästen und demontierte Klingelanlagen das Verstummen von Stimmen markieren.
Genau einen solchen Ort hat sich die Tänzerin und Choreografin Daura Hernández García für ihre Performance „Mourning Butterflies“ ausgesucht: an drei Abenden zeigt sie das Solo im Ladengeschoss eines leerstehenden Gebäudekomplexes in der Leuschnerstraße im Stuttgarter Westen; hinter Glas mischt sie Tanz und Schauspiel, stellt den Sound wie für eine Art Live-Hörspiel selbst her aus übereinandergeschichteten Klängen, Gesang und mal getrommelten, mal geschüttelten, mal klagenden Rhythmen.
Anteilnahme nur von außen möglich
Zugeschaut wird durch große Schaufenster von der Straße aus wie bei der Generalprobe am Mittwoch. Eine Stunde wird steht das Publikum mit der hinter den Scheiben agierenden Darstellerin verschiedene Aspekte von Trauer im wahrsten Sinne durchstehen, per Kopfhörer ist man mit diesem sehr speziellen Klageraum verbunden und fühlt sich dabei immer auch voyeurhaft. Das Setting ist treffend gewählt, denn der Verlust eines geliebten Menschen bleibt eine individuelle Erfahrung, die Abgründe und Lücken aufreißt, an der andere auch bei größter Empathie nur von außen Anteil nehmen können.
Der Schock, wenn eine schlimme Nachricht den Weg durch ein altmodisches Telefon findet und alles verändert, die Rastlosigkeit und die Ticks, mit denen die Tänzerin die entstandene Leerstelle nervös zu füllen versucht, der Trost, der sich in runderen, raumgreifenderen Bewegungen andeutet: Daura Hernández García spürt den verschiedenen Phasen von Trauer intensiv nach und erklärt so auch den ungewöhnlichen Titel ihrer Performance. Der Schmetterling mit seinen unterschiedlichen Entwicklungsstadien steht für einen Transformationsprozess, den auch der Tanz im Gefühlsspektrum zwischen Verlust und Neubeginn anschaulich machen will. Dass der amerikanische „mourning butterfly“ auf Deutsch Trauermantel heißt und seine Raupe ein stacheliger Geselle ist, passt da bestens.
Ein zu karger Raum, zu zahlreiche Kostümwechsel, zu viel, nicht immer gut verständlicher Text: die Kritikpunkte, die man während der Performance notiert, lösen sich mit ihrer zunehmenden Intensität auf. Die Raumteiler, die als Umkleidekabine oder als Telefonzelle dienen, die kahlen Wände werden zu Projektionsflächen, auf denen Schatten aller Arten von Trauer tanzen. So thematisiert die seit 2013 in Stuttgart lebende Spanierin in ihren englisch gesprochenen Texten, die als Handout auch auf Deutsch mitlesbar sind, vielerlei Arten von Verlust: den von Heimat zum Beispiel, den von Freundschaft, die ein falscher Satz zerstört, den von Möglichkeiten, den Frauen mit der Menopause erleben.
Wenn Daura Hernández García ein spanisches Lied singt, in dem sich „amor“ auf „dolor“ reimt, wenn sie mit wiegenden Bewegungen von der Begleitung eines sterbenden Kindes erzählt, gelingen „Mourning Butterflies“ sehr anrührende Momente. Am Ende bleibt ein Kleiderhaufen zurück, der die Transformationszumutungen eines Lebens, der Verpuppungen und befreiende Metamorphosen fast greifbar macht, wäre da nicht die Scheibe. Vor ihr hört man den Stadtverkehr, weicht Passanten aus und denkt an den Ausspruch eines Fußball-Philosophen: Lebbe geht weider. Doch das Sprechen über dessen Endlichkeit, so Daura Hernández García, sollte unbedingt Teil davon sein.
Wo Schmetterlinge Trauer tragen
Termin Die Performance „Mourning Butterflies“ hat an diesem Donnerstag Premiere und ist bis Samstag, 20. Juni 2026, jeweils um 20.30 Uhr in der Leuschnerstraße 20-22 zu sehen. Tickets zum Preis von 18 Euro, ermäßigt 15 Euro, gibt es unter www.daurahernandeszgarcia.com
Künstlerin Die von den Kanaren stammende Choreografin und Tänzerin Daura Hernández García lebt seit 2013 in Stuttgart und entdeckt neue Orte und Themen. In „PUTA“ tanzte sie 2023 mit sieben Kolleginnen auf dem Marienplatz und sprach die beklemmenden Situationen an, denen Frauen im öffentlichen Raum oft ausgesetzt sind. Als Tänzerin, Choreografin und Assistentin ist sie an Schauspiel-Produktionen wie „Cabaret“ beteiligt.
