Alterslimit allein reicht nicht
Social Media erst ab 14? Das ist dem Ethikrat zu schlicht. Er fordert mehr Schutz für Kinder.
© Mascha Brichta/dpa
Smartphone in Kinderhand: ein riskantes Spielzeug.
Von Armin Käfer
Stuttgart - Wer Kindern ein Smartphone überlässt und sie freiweg damit hantieren lässt, könnte ihnen gleich ein Ticket für ein Pornokino schenken. Er schickt sie in eine Schule der Hetze, der Gewalt, der Lügen und Täuschung. Sie lernen damit Kommunikationsmuster, die einem friedlichen Zusammenleben zuwiderlaufen und demokratische Gesellschaften wie Säure zersetzen.
Digitale Medien folgen einer Logik, die nicht Differenzierung, sondern Zuspitzung belohnt, Fakten nebensächlich erscheinen lässt, Lautstärke und Klicks mehr honoriert als das bessere Argument. Dennoch spricht sich der Deutsche Ethikrat gegen ein Alterslimit für jene asozialen Medien aus, die sich mit dem Etikett „Social Media“ schmücken.
Das Votum des Ethikrats widerspricht landläufigen Ansichten. Eine überwältigende Mehrheit der Erwachsenen in Deutschland und auch ein Großteil der Jugendlichen hielte es für sinnvoll, Social Media mit einem Alterslimit zu belegen. Das zeigen einschlägige Umfragen, etwa das Bildungsbarometer des ifo-Instituts. Union, SPD und Grüne wollen die Nutzung erst ab 14 Jahren erlauben. Australien gilt als Pionier auf diesem Feld. Seit Ende 2025 herrscht dort ein Social-Media-Verbot für alle unter 16. Spanien und Großbritannien möchten sich daran ein Beispiel nehmen. Die französische Nationalversammlung hat für eine ähnliche Regelung gestimmt. Sind sie alle auf einem Irrweg?
Das Plädoyer des Ethikrats ist differenzierter als viele Berichte darüber. Die Kommission macht in ihrer 43-seitigen Stellungnahme deutlich, dass „ein effektiver Schutz von Kindern und Jugendlichen in digitalen Welten unerlässlich“ – und in der Realität keineswegs gewährleistet sei. Andererseits spielten Instagram und Co eine wichtige Rolle für die Information, Kommunikation und das soziale Leben junger Menschen. Deshalb sei es nicht ratsam, den Zugang in jene Sphären schlichtweg zu verbieten. Im Detail lesen sich manche Ratschläge des Ethikrats etwas weltfremd, andere wie eine Liste frommer Wünsche. Der Verweis auf den Umstand, dass Social Media Kindern soziale Teilhabe erst ermögliche, etwa wirft Fragen auf: Gilt das nicht auch für andere Unternehmungen, die ebenfalls einem Alterslimit unterliegen? Nächstliegendes Beispiel: der Führerschein, ohne den der soziale Radius zumindest für die Landjugend limitiert bleibt. Dieses Beispiel ließe sich auch anführen gegen das Argument, ein pauschales Alterslimit berücksichtige nicht, dass Kinder sich „in ihrem Reifegrad mitunter deutlich unterscheiden“. Sollte Autofahren künftig also auch frühreifen 14-Jährigen erlaubt sein?
Auch der Verweis auf die Eltern, denen der Schutz vor den Risiken vorrangig überlassen bleiben solle, ignoriert die tatsächlichen Verhältnisse: Zu viele Eltern scheren sich zu wenig um jene Risiken – oder haben vor ihnen kapituliert. Dennoch ist der insgesamt 13 Punkte umfassende Katalog von Empfehlungen des Ethikrats bedenkenswert. Er plädiert keineswegs für ein Laissez-faire-Prinzip, fordert letztlich mehr Schutz, als ein bloßes Alterslimit bieten könnte.
Vor allem lenkt er den Blick auf andere Gefahrenquellen jenseits von Social Media: zum Beispiel unmoderierte Spieleplattformen und die Einfallstore der Künstlichen Intelligenz, vor allem Chatbots. Das Votum ist eindeutig: Hier braucht es effektive Technologie zur Beschränkung der Zugriffsmöglichkeiten und zur Alterskontrolle. Da sind die Betreiber vorrangig gefordert. Sie werden aber nur auf Druck der Politik handeln.
Der finale Ratschlag des Ethikrats ist vielleicht der wichtigste von allen: „Analoge (Frei-)Räume und (Frei-)Zeiten sollten gestärkt werden.“ Davon würden Kindern vielleicht am meisten profitieren.
