Trend «Micro-Drama»
ARD setzt jetzt auf eine Teenie-Soap bei TikTok
Mit «Between the Beats», einem Coming-of-Age-Drama im Ballettmilieu, möchte das Öffentlich-Rechtliche junges Publikum erobern – und nutzt dafür ein Video-Genre, das in Asien und den USA schon boomt.
© Markus Nass/Radio Bremen und SR/dpa
Die ARD-Serie "Between The Beats" startet am Donnerstag (25.6.): Hier die Mitwirkenden Alexander Schmidt (spielt Daniel), Gio Yoo (spielt Sara) und Lisa Junick (spielt Isa).
Von Von Wilfried Urbe, dpa
Köln/Bremen - "Nicht schwächeln, mach‘ sie stolz – das will ich": So motiviert sich die angehende Primaballerina Sara (Gio Yoo) täglich für ihr Balletttraining, denn ihre Eltern erwarten Großes von ihr. Dabei träumt die Schülerin von einer Karriere als K-Pop-Tänzerin und einem Leben in Seoul.
Als sie sich dann auch noch in Musiktalent Daniel (Alexander Schmidt) verliebt, könnten alle Wünsche wahr werden - wären die Familien der beiden nicht extrem verfeindet.
26-teilige Teenie-Soap
Das alles zeigen die ersten zwei Folgen der ARD-Serie "Between the Beats" in nur dreieinhalb Minuten. Im Fernsehen wird die 26-teilige Teenie-Soap allerdings nicht zu sehen sein, sondern nur auf der aus China stammenden Plattform TikTok oder auf einer "Radio-Bremen-Landingpage" – kostenfrei versteht sich.
Mit dieser Serie (Start: 25. Juni) sind die Öffentlich-Rechtlichen hierzulande zugleich Trendsetter, was das Genre "Vertical-Drama" angeht (auch "Micro-Drama" genannt).
Diese Serien mit Episoden in einer Länge zwischen einer Minute und drei Minuten sind ganz im Social-Media-Stil als Hochkant-Format produziert. Damit sind solche Inhalte, die über Plattformen oder Apps abrufbar sind, in erster Linie für den Konsum via Smartphone konzipiert.
Episoden von weniger als drei Minuten im Hochkant-Format
In den USA und vor allem in Asien werden diese Schmalspurvideos schon massenhaft konsumiert – vor allem von einem jüngeren weiblichen Publikum, das nach den ersten kostenlosen Episoden oft so angefixt ist, dass es bereit ist, für die dramaturgisch radikal komprimierten Seifenopern zu bezahlen.
"If loving you is a sin", "I married a mafioso", "My secret lover is his brother" oder "Oh no I slept with my boss" – Das ist nur eine kleine Auswahl solcher hauptsächlich in China preiswert produzierten Titel, die aktuell das Internet fluten. Expertenschätzungen zufolge werden 2026 weltweit voraussichtlich 14 Milliarden US-Dollar in diesem Segment umgesetzt, Tendenz steigend.
Dass ausgerechnet die ARD in Deutschland nun mit einem Vertical startet, hat einen klaren Grund. Man will junge Leute gewinnen, denn der Großteil des Publikums der Öffentlich-Rechtlichen befindet sich im Rentenalter.
Die ARD will Teens und Twens (zurück-)gewinnen
"Wir glauben, dass wir damit die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen gut ansprechen können, also Menschen in einem Alter, die unser Programm nicht so oft schauen", sagt die Leiterin Fiktion und Unterhaltung von Radio Bremen, Annette Strelow, der Nachrichtenagentur dpa. Inhaltlich wolle man ein höheres Niveau bieten als viele andere bisherige Produktionen dieser Art.
Neben der Unterstützung von den Influencern Blond Minh und Feng Yi Lu soll es TikTok "quasi allein" hinbekommen, dass die junge Community auf "Between the Beats" überhaupt aufmerksam wird.
Der Algorithmus der Plattform bewertet und rankt Inhalte hauptsächlich über die bereits vorhandenen Nutzerdaten, um dann der Nutzerschaft wieder entsprechend individuelle Angebote zu unterbreiten.
Überhaupt dürften die Kurzform-Videos wohl die ersten fiktionalen Inhalte sein, bei denen Künstliche Intelligenz und Algorithmen für Konzeption und Produktion entscheidend zum Einsatz kommen: zum Beispiel, wenn es um die Synchronisation, Dramatisierung oder die Verschlagwortung geht.
Begriffe wie "Milliardär", "Boss", "Heirat", "Geheimnisse" oder "Betrug" sind in den meisten der Titel enthalten, weil dann das Interesse an den entsprechenden Angeboten besonders hoch ist.
Ganz neue Logik, was die Vermarktung von Inhalten angeht
Bei diesem Genre kommen Technologie und Fiction zusammen, analysiert Gregor Sauter die Situation. "Alles hat mit den Daten zu tun, die von Menschen kommen", sagt Sauter der dpa. Er ist Chef der Produktionsfirma Red Pony, bei der auch "Between the Beats" entstand.
Verticals seien eine Infrastruktur, betont er – und das mit einer komplett entgegengesetzten "Plattform-Logik" zu den herkömmlichen Geschäftsmodellen großer Medienkonzerne. Diese versuchten bislang zuerst, erfolgreiche Inhalte-Marken zu schaffen, um diese dann über die verschiedensten Kanäle zu distribuieren.
Der Unterhaltungsriese Disney nutzt das neue Genre allerdings jetzt auch, um Kurzfassungen bereits bekannter Serien im Social-Media-Universum zu verbreiten.
Für Sauter jedenfalls ist klar: Streaming und Social Media sind dabei, das klassische Fernsehen zu ersetzen. Dennoch sieht er Unterschiede zum Markt in Asien oder Amerika: "In Europa werden wohl eher anspruchsvollere Inhalte erfolgreich sein, aber auch hier müssen wir zuerst die Daten verstehen."
Fakt ist: Derzeit denken viele Sender und Streamer in Deutschland darüber nach, ob und wie sie Kurzform-Inhalte in ihre Angebote einbinden können. Das Fernsehen einer neuen Generation.
