Auf der Suche nach der Leichtigkeit
Jamal Musiala läuft seiner Form hinterher – auch Florian Wirtz ist noch nicht da, wo er sein sollte. Doch nun wird es höchste Zeit, den Unterschied auszumachen.
© /Markus Ulmer
Wird vom Gegner oft
Von Carlos Ubina
Boston - Geduld ist gefragt. Betont der Bundestrainer seit Wochen und stellt Jamal Musiala auf. Nur der Rhythmus fehlt. Wiederholt Julian Nagelsmann ständig und stellt Musiala auf. Das wird schon, meinen sie alle im Kreis der deutschen Nationalmannschaft und vertrauen darauf, dass der 23-Jährige wieder zu seiner Bestform findet. Rechtzeitig. Es handelt sich ja um „Magic Musiala“, der zwar lange verletzt war, aber immer noch ein zauberhafter Spieler ist, der in wichtigen Begegnungen den Unterschied ausmachen kann – oder bei der Fußball-WM vielleicht sogar muss. Und jetzt wird es an diesem Montag (22.30 Uhr/ZDF) vor den Toren Bostons bedeutsam. Sechzehntelfinale gegen Paraguay, Siegen oder Fliegen, das erste K.-o.-Spiel bei der Weltmeisterschaft.
Doch die Eindrücke, die Musiala zuletzt auf dem Platz hinterlassen hat, geben wenig Anlass zu der Hoffnung, dass er plötzlich wieder der Alte ist. Vielmehr gleichen sich die Szenen, die sich langsam zu einem neuen Bild verfestigen. Der Münchner versucht sich wie früher im Dribbling – aber am Ende der Aktion landet er auf dem Rasen und blickt hilfesuchend zum Schiedsrichter. Ein Pfiff soll ihn retten. Oft genug geht die Partie aber weiter.
Musiala mangelt es zurzeit an Durchsetzungsvermögen. Die Gegenspieler merken das und begegnen ihm zusätzlich mit Härte. Kräftig einstecken muss er also. Beim 1:2 gegen Ecuador warfen sich ihm der gnadenlose Moises Caceido und der giftige Pedro Vite in den Weg. Die Ivorer setzten dem Hochbegabtem mit dem feingliedrigen Körperbau und der exzellenten Ballbehandlung zuvor ebenfalls mit großer Körperlichkeit zu. Die Gegner aus Paraguay werden es nun in Foxborough nicht anders handhaben und die Grenze des Erlaubten austesten.
Verstärkter Einsatz ist schon immer das einfachste Mittel gegen spielerische Überlegenheit gewesen. Zumal, wenn es hilft. „Körperlichkeit ist im Moment aber schwer zu trainieren und wir werden es nicht schaffen, bis Montag mehr Muskeln aufzubauen“, sagt Nagelsmann süffisant, um ernst anzufügen: „Wir müssen schauen, dass wir den Ball früher spielen, um den Zweikämpfen zu entgehen.“ Grundsätzlich. In Musialas speziellem Fall ist es nur so, dass er den Attacken auf seine Fußballkunst nicht mehr entkommt, wie man es von ihm kennt. Mit einer Leichtigkeit, die Eleganz am Ball und Dynamik im Antritt verbindet.
Diese fast schwerelose Art des Fußballs ist verschwunden. „Eine unglaubliche Gabe“ nennt der Bundestrainer Musialas Fähigkeiten und will nicht auf sie verzichten. Selbst, wenn sie der Nationalspieler nur zu „70 Prozent“ einbringt. Dennoch scheint es so, als müsse man das Spiel der Nummer zehn in ein Vorher und Nachher einteilen. Vor dem komplizierten Beinbruch vor knapp einem Jahr und nach der langen Verletzungspause. Beim FC Bayern sind diese Gedanken offenbar im Verborgenen aufgetaucht – und sie nähren die Zweifel, ob ihr bestbezahlter Angestellter zu alter Stärke zurückfindet. Mit 30 Millionen Euro im Jahr soll er mehr als Harry Kane verdienen – und bleibt doch hinter den Erwartungen zurück.
Am Willen, seine außergewöhnliche Klasse zu erreichen, liegt es bei Musiala jedoch nicht. Vielmehr spürt er erstmals in seiner Karriere, wie schwierig es ist, das eigene Spiel wieder mühelos aussehen zu lassen. Obwohl er sich anstrengt – oder gerade deshalb. „Er hat physisch zugelegt und ist körperlich robuster geworden“, hat Nagelsmann vor Turnierbeginn attestiert. Auswirkungen hat es noch keine. Bis auf ein Tor beim 7:1 zum WM-Auftakt gegen Curaçao steht in der Statistik nichts.
Der Treffer sollte Positives auslösen. Nur um zum Abschluss der Gruppenphase erneut festzustellen: „Bei Jamal geht es um den Rhythmus, der war einfach wieder weg. Wir alle wissen, was er für Fähigkeiten hat. Wir müssen das gemeinsam wieder aus ihm herauskitzeln, auch er muss wieder an sich glauben und nicht so viel nachdenken“, sagt der Bundestrainer.
Offenbar spielt sich einiges im Kopf ab und lässt die Beine schwächeln. Noch. Betont Rudi Völler. „Viel fehlt nicht mehr, damit es zündet“, meint der Sportdirektor und schließt Florian Wirtz in seine Einschätzung ein. Denn es braucht ein funktionierendes Zusammenspiel zwischen den potenziell kongenialen Partnern, um weit zu kommen. Tatsächlich wirkt Wirtz wie eine Rakete auf der Rampe – bereit für den Höhenflug. „Er gibt richtig Gas“, sagt Nagelsmann, „ihm fehlt etwas Fortune, diese Dosenöffner-Aktion. Aber die wird kommen. Da bin ich mir sicher.“
Allerdings liegt die Problematik bei Wirtz (eine Torvorbereitung) anders als bei Musiala. Der 23-Jährige vom FC Liverpool bringt Ideen, Tempo und Intensität ein. Mal abgesehen von der Ecuador-Partie. Die Saison in der englischen Premier League hat ihn lernen lassen, standhaft zu bleiben. Trotz seiner Momente geht aber auch ihm das Momentum ab. Höchste Zeit, es sich zurückzuerobern und wieder den Unterschied auszumachen. Am besten in Kombination mit Musiala.
