Missbrauchsvorwürfe erhärtet

Bericht bestätigt: Essener Kardinal Hengsbach war Missbrauchstäter

Sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige: Ein Untersuchungsbericht erhärtet schwere Vorwürfe gegen den 1991 verstorbenen Essener Bischof und Kardinal Franz Hengsbach. Was die Forschern herausgefunden haben, erschüttert selbst tiefgläubige Katholiken.

Kardinal, Missbrauchstäter, Schikanierer: Der 1991 verstorbene Gründerbischof des Bistums Essen, Franz Hengsbach, hatte viele Rollen. Einige waren so abgründig, dass die Kirche sie vor der Öffentlichkeit verbarg. Erst 2023 kamen die ersten Vorwürfe ans Tageslicht.

© Fritz Fischer/dpa

Kardinal, Missbrauchstäter, Schikanierer: Der 1991 verstorbene Gründerbischof des Bistums Essen, Franz Hengsbach, hatte viele Rollen. Einige waren so abgründig, dass die Kirche sie vor der Öffentlichkeit verbarg. Erst 2023 kamen die ersten Vorwürfe ans Tageslicht.

Von Markus Brauer/KNA/dpa

Der frühere Essener Bischof und Kardinal Franz Hengsbach (1910-1991) soll sexualisierte Gewalt gegen mindestens drei minderjährige Mädchen ausgeübt haben. Forscher von drei Forschungsinstituten schätzen die Vorwürfe als plausibel und gut belegt ein. Schlüssig erscheint ihnen außerdem mindestens ein Fall eines sexualisierten Übergriffs gegen einen minderjährigen Jungen.

„Das Lesen dieser Beschreibungen kann ... außerordentlich belastend sein“

Diese ersten Zwischenergebnisse legten Sozialwissenschaftler und Historiker am Donnerstag (25. Juni) in der Ruhrgebietsstadt in dem 126-seitigen Zwischenbericht „Untersuchung der Vorwürfe gegen Franz Kardinal Hengsbach. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven“ vor.

Die Verantwortlichen des Essener Bistums haben den Download-Hinweis der Studie mit einer „Triggerwarnung“ versehen: „Das Lesen dieser Beschreibungen kann, für manche Personen außerordentlich belastend sein. Bitte seien Sie achtsam, wenn das bei Ihnen der Fall sein könnte. Es kann hilfreich sein, Lesepausen einzulegen oder als belastend empfundene Seiten oder Kapitel zu überspringen.“

12 Vorwürfe der sexuellen Gewalt

Insgesamt zählten sie 12 Vorwürfe der sexuellen Gewalt gegenüber Minderjährigen gegen den populären Kirchenmann zwischen den 1950er und 1980er Jahren.

Nach historischer Quellenkritik wiesen fünf dieser Vorwürfe eine hohe inhaltliche Konsistenz und biografische Kohärenz auf, teilte das Forschungsteam mit. Drei davon betreffen nach Angaben der Wissenschaftler sexuelle Übergriffe auf damals minderjährige Mädchen.

Nach Angaben der Webseite katholisch.de soll Hengsbach demnach in den 1950er Jahren als Paderborner Weihbischof eine 16-Jährige mehrfach zu sexuellen Handlungen gezwungen haben.

In den 1960er Jahre soll er eine damals etwa 13-Jährige mehrfach unter der Kleidung im Brustbereich berührt haben.

Neben diesen beiden bereits 2023 bekanntgewordenen Fällen berichten die Forscher in ihrem Zwischenbericht zudem von einem Vorwurf aus den 1980er Jahren. Damals soll der hohe Kleriker eine 13-Jährige, die von ihm gefirmt worden war, nach dem Gottesdienst in der Sakristei sexuell berührt und sexualisiert angesprochen haben.

Wurden auch Jungen Opfer von Hengsbach?

Damit nicht genug: Den Forschern liegen laut katholisch.de weitere vier Vorwürfe sexualisierter Gewalt gegen Jungen vor. In drei Fällen sei die Datenlage derzeit nicht für eine abschließende Bewertung ausreichend, betonen sie. Allerdings wiese mindestens ein Fall deutliche Ähnlichkeiten zu anderen Vorwürfen gegen Hengsbach auf. Sexualisierte Gewalt auch gegen Jungen könne daher nicht ausgeschlossen werden, so das vorläufige Ergebnis der Untersuchungen.

Zudem wird Hengsbach von den Forschern als „Wissender von sexualisierter Gewalt“ bezeichnet. Mehrere Personen hätten ihnen gegenüber bestätigt, sich dem Bischof anvertraut und ihm von erlittener sexualisierter Gewalt erzählt zu haben. Hengsbach habe auf diese Berichte abwehrend und ablehnend reagiert, Konsequenzen für die beschuldigten Priester seien nicht erfolgt.

Schikanieren von Untergebenen

Die Wissenschaftler untersuchten auch Anschuldigungen, Hengsbach habe ihm unterstellte Geistliche niedergemacht und schikaniert. Zudem hätten Menschen unangemessene körperliche Nähe durch den Kardinal erfahren, diese jedoch nicht als sexuell erlebt.

Beides – das Schikanieren und die körperliche Nähe – halten die Forscher für plausibel. Im weiteren Verlauf der Untersuchungen wollen sie auch herausarbeiten, ob Hengsbach auch Missbrauchstäter unter den Priestern schützte.

Voprwurd der rituellen Gewalt nicht bestätigt

Den Forscher lagen auch vier Meldungen schwerster sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt vor, die zum Teil satanisch-rituelle Bezüge aufweisen. Sie fanden jedoch keine Hinweise, die diese Vorwürfe erhärten würden.

Mit der sogenannten Rituelle-Gewalt-Theorie hatte sich zuvor schon ein juristisches Gutachten beschäftigt, das diese Anschuldigungen ebenfalls zurückwies. Das Gutacten war Ende März 2026 veröffentlicht worden.

Bistümer machten Vorwürfe erst spät öffentlich

Im September 2023 hatten das Bistum Essen und das Erzbistum Paderborn Missbrauchsvorwürfe gegen Hengsbach öffentlich gemacht und Betroffene aufgerufen, sich zu melden. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck bat damals um Entschuldigung für seinen Umgang mit einem ihm bekannten Vorwurf und räumte Fehler ein.

Hengsbach war Weihbischof im Erzbistum Paderborn und ab 1958 der erste Bischof des damals neugegründeten Bistums Essen. Er leitete es bis zu seinem Tod im Jahr 1991. Bekannt war er bundesweit vor allem für seinen Einsatz für Arbeiter und Bergleute im Ruhrgebiet. Er vertrat nach außen zudem eine strenge Sexualmoral und verkörperte einen konservativen Klerikalismus.

Forscher interviewten Betroffene

Drei historische und sozialwissenschaftliche Forschungseinrichtungen untersuchen seit Oktober 2024 die Missbrauchsvorwürfe gegen Hengsbach: das Münchner Institut IPP, die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und das Berliner Institut Dissens. Am Ende ihrer Arbeit soll eine neue Biografie des Kardinals stehen.

Für ihre nun vorgelegten Zwischenergebnisse werteten die Forscher Archive und Kirchenakten aus. Darunter waren 12 Fallakten, in denen Hengsbach als Beschuldigter benannt wurde. Zudem führten sie Interviews mit 6 Betroffenen sowie 22 Zeitzeugen und Verantwortlichen des Ruhrbistums. Der Abschlussbericht soll 2028 veröffentlicht werden.

Die vielen Rollen des Franz Hengsbach

Hengsbach hatte über sein Amt als Orstbischof hinaus viele weitere wichtige Rollen in der katholischen Kirche inne: Er war Militärbischof (1961-1978), Generalsekretär und -assistent im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK, 1947-1968) und Vorsitzender des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat.

Alle fünf Institutionen haben die Studie gemeinsam in Auftrag gegeben. Beauftragt wurden das Institut für Praxisforschung und Projektberatung in München und die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Beide waren schon an mehreren kirchlichen Missbrauchsstudien beteiligt.

Bischof Overbeck entschuldigt sich für eigenes Fehlverhalten

Der aktuelle Essener Bischof Franz-Josef Overbeck zeigte sich nach der Vorstellung des Zwischenberichts sichtlich erschüttert. „Der Zwischenbericht führt mir deutlich vor Augen, welche Gefahren entstehen, wenn ein Amt, eine Person und eine kirchliche Autorität kaum kontrolliert werden“, erklärte Overbeck am Donnerstag in Essen. „Wo Widerspruch keinen Raum findet und Kritik nicht gehört wird, kann Macht zerstörerisch wirken.“

Overbeck übte zugleich erneut Selbstkritik. Dem Zwischenbericht zufolge war der Bischof bereits im Jahr 2011 über einen Missbrauchsvorwurf gegen Hengsbach in Kenntnis gesetzt worden. „Ich habe die Bedeutung dieses Vorgangs damals nicht angemessen erkannt, sondern unterschätzt“, erklärte Overbeck sein damaliges Verhalten.

„Weckruf“ für die katholische Kirche

„Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein Bischof, dessen Nachfolger ich gerade geworden war, zu solchen furchtbaren Taten fähig ist.“ Das sei eine Fehleinschätzung gewesen, betonte der Geistliche rückblickend. Overbeck bat dafür erneut um Entschuldigung. Das hatte er bereits im Jahr 2023 in einem Brief an alle Gemeinden des Ruhrbistums getan.

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer bezeichnete die Ergebnisse des Zwischenberichts in einer eigenen Stellungnahme als „Weckruf“ für die katholische Kirche. Die Untersuchung zeige die „fatalen Folgen“ eines überhöhten Verständnisses des Bischofsamts und klerikaler Machtstrukturen.

Familie Hengsbach – drei Priester, drei Missbrauchtäter

Nach den Vorwürfen gegen Franz Hengsbach und seinen Bruder Paul (1927-2018), der jahrzehntelang im Bistum Paderborn als Pfarrer tätig war, waren im Jahr 2023 auch Missbrauchsvorwürfe gegen einen dritten Priester aus der Sauerländer Familie Hengsbach bekannt geworden, wie der WDR damals berichtete.

Ein Onkel des 1991 verstorbenen Ruhrbischofs soll demnach in den Jahren 1906 und 1907 als Kaplan in Sandebeck (heute ein Stadtteil von Steinheim im Kreis Höxter in Nordhrein-Westfalen) gegen Schulmädchen übergriffig gewesen sein. Anschließend wurde er per Steckbrief gesucht, nachdem er nicht mehr auffindbar war.

Er habe sich der staatsanwaltlichen Verfolgung 1908 durch Flucht in die USA entzogen, wie Hans-Jürgen Rade, Leiter des Kirchlichen Gerichts im Erzbistum Paderborn, im „Jahrbuch für mitteldeutsche Kirchen- und Ordensgeschichte“ berichtet. Das Buch erschien im Januar 2023. Im Jahr 1919 sei der Geistliche US-Staatsbürger geworden und als Pfarrer vor allem im Bundesstaat South Dakota tätig gewesen.

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Erstellt:
25. Juni 2026, 14:10 Uhr

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