Gesundheitsämter rennen Infektionen weiter hinterher

dpa/lsw Karlsruhe/Stuttgart. Sie telefonieren und mailen so viel sie können. Soldaten machen mit, Angestellte aus anderen Abteilungen und ganz neue Mitarbeiter: Die Gesundheitsämter im Südwesten wollen bei der Nachverfolgung von Coronainfektionen nicht aufgeben.

Ein Soldat steht vor dem Eingang des Gesundheitsamtes Karlsruhe. Foto: Marijan Murat/dpa

Ein Soldat steht vor dem Eingang des Gesundheitsamtes Karlsruhe. Foto: Marijan Murat/dpa

Es gleicht einer Sisyphusarbeit: Ist eine Coronaliste abtelefoniert, kommt eine neue und oft längere. Die Frauen und Männer im Gesundheitsamt Karlsruhe arbeiteten „bis zum Anschlag und darüber hinaus“, um die Kontakte von Infizierten herauszufinden, sagte Leiter Peter Friebel am Mittwoch. Inzwischen hat die Bundeswehr ihre Hilfe auf 16 Soldaten aufgestockt, 20 Mitarbeiter kommen aus der Stadtverwaltung, 40 sind neu eingestellt worden. Insgesamt bemühen sich im größten Gesundheitsamt Baden-Württembergs mehr als 150 Kräfte im so genannten Containment um die Eindämmung der Pandemie.

Trotz Unterstützung der Bundeswehr könne die Behörde nur noch bei etwa zwei von drei Coronainfektionen die Quelle ausmachen, sagte Landrat Christoph Schnaudigel. Er glaube aber trotz dieser Zahlen nicht, „dass der Kampf verloren ist“. Es stelle sich die Frage, was die Alternative sei. „Deshalb glaube ich wirklich, dass wir versuchen müssen, die Infektionsketten zu unterbrechen.“ Der Kommandeur des Bundeswehr-Landeskommandos Baden-Württemberg, Oberst Thomas Köhring, machte Hoffnung, dass die Unterstützung bei Bedarf noch ausgeweitet werden könne.

Stabsunteroffizier Leon Eichler vom Logistikbataillon 461 in Walldürn (Neckar-Odenwald-Kreis) macht nicht viele Worte um seinen ungewohnten Job. „Wir haben sehr viel zu tun.“ So rufe er etwa Betroffene an und spreche eine Quarantäne aus, die anschließend noch schriftlich vom Ordnungsamt erteilt werde.

Ein Problem aus Friebels Sicht sind die begrenzten Kapazitäten der Testlabore. Es komme in einzelnen Fällen vor, dass es vier Tage oder länger dauere, bis ein Ergebnis vorliege.

Paul Bonath ist schon seit dem Sommer dabei und hat selbst die Erfahrung einer Covid-19-Erkrankung mitgebracht. Die Nachwirkungen spüre er noch heute. Der 27 Jahre alte gelernte Krankenpfleger berichtet von teils langen und mühsamen Telefongesprächen mit Menschen, die alle Maßnahmen kritisierten. Die Erfahrung sei, dass ältere Menschen die Maßnahmen eher annehmen als jüngere. „Wir kommen mit der Einarbeitung neuer Kollegen kaum noch hinterher“, sagt er außerdem. Ohne Hilfe der Soldaten könnten sie die Arbeit nicht mehr stemmen.

Die Bundeswehr unterstützt nach Köhrings Angaben inzwischen bundesweit mit etwa 3500 Soldaten die Gesundheitsämter. Gut 350 davon seien in Baden-Württemberg eingesetzt. Die Truppe sei in 32 von 38 Gesundheitsämtern im Südwesten im Einsatz. Die Pandemiebekämpfung sei eine gesamtstaatliche Aufgabe, „wo wir unseren Beitrag leisten“.

Auch knapp 200 Mitglieder des Freiwilligen Polizeidienstes in Baden-Württemberg wollen die Gesundheitsämter im Kampf gegen die Corona-Pandemie unterstützen, wie ein Sprecher des Innenministeriums bestätigte. Es gebe insgesamt knapp 600 Polizeifreiwillige im Land. Der Einsatz müsse noch vom Corona-Lenkungskreis der Landesregierung beschlossen werden, hieß es aus dem Staatsministerium. Die Ehrenämtler springen normalerweise immer dann ein, wenn es personell eng wird bei den Dienststellen im Land.

Die Mitarbeiter der Gesundheitsämter hätten in den vergangenen Monaten eine Vielzahl von Überstunden aufgebaut, viele seien am Rande der Überlastung, sagte eine Sprecherin des Städtetags. „Wir müssen dringend mit dem Land eine Lösung für die nächsten Monate entwickeln, wie wir angesichts stetig steigender Fallzahlen zu einer Entlastung des Stammpersonals kommen und die Arbeitsfähigkeit absichern können.“ Die Städte und Landkreise hätten für ihre Gesundheitsämter aber auch schon wichtige Personalstellen besetzen können.

Das baden-württembergische Sozialministerium appellierte an die Menschen, sich Kontakte zu merken, um diese bei einer Infektion mit dem Coronavirus besser nachverfolgen zu können. Es sei sinnvoll, Kontakte im Gedächtnis zu behalten und diese bei einem positiven Testergebnis sofort zu informieren, sagte ein Sprecher. „Allerdings sollten die Menschen in der derzeitigen Situation ohnehin Kontakte so weit wie möglich reduzieren, so dass hier überhaupt keine große Namensliste zusammenkommen sollte.“

Das Sozialministerium empfahl erneut die Nutzung der Corona-Warn-App. Sie sei kein Allheilmittel, nur einer von vielen Bausteinen der Pandemie-Bekämpfung. „Bis es einen Impfstoff gibt, hilft uns die App dabei, Infektionsketten zu ermitteln und frühzeitig zu unterbrechen.“

Seit Montag gilt in ganz Deutschland wegen der stark gestiegenen Coronazahlen ein auf vier Wochen beschränkter Teil-Lockdown. Unter anderem Gastronomie und Kultureinrichtungen wie Kinos und Theater bleiben bis Ende November geschlossen.

Von 3010 verfügbaren Intensivbetten im Land waren am Mittwoch 739 frei. Die Notfallreserve der innerhalb von sieben Tagen verfügbaren Intensivbetten betrug nach Angaben des sogenannten Intensivregisters 1667 Betten. Die Zahl der Corona-Patienten stieg weiter. So waren am Mittwoch 272 Menschen wegen einer Covid-19-Erkrankung in Intensivbehandlung, 145 davon mussten beatmet werden. Am Mittwoch der vorigen Woche waren es 170 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen im Land, zwei Wochen zuvor 97.

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Erstellt:
4. November 2020, 13:23 Uhr

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