Die Rückkehr der Reizfigur

Antonio Rüdiger zeigt sich während der WM-Tage entspannt wie selten. Doch ab sofort ist er wieder als Abwehrmonster gefordert – das birgt Chancen, aber auch ein Risiko.

Antonio Rüdiger zeigt sich bei der WM bisher tiefenentspannt.

© /Leonardo Ramirez

Antonio Rüdiger zeigt sich bei der WM bisher tiefenentspannt.

Von Carlos Ubina

Winston-Salem - Es ist erst ein paar Tage her, da wurde Antonio Rüdiger gefragt, was er am WM-Quartier der deutschen Nationalmannschaft in den USA am meisten schätze. Das war eine gute Gelegenheit, um über den schönen, sauberen Campus der Wake Forest University zu plaudern, das Wohlfühlambiente des schicken Teamhotels The Graylyn Estate mit seinen Freizeitmöglichkeiten zu loben oder schlicht die gepflegte Trainingsanlage zu erwähnen. Der Abwehrspieler überlegte kurz – und die ehrliche Antwort lautete: „Mein Bett, denn da verbringe ich die meiste Zeit. Ich schlafe sehr gut hier.“

Allein diese Szene dokumentiert, wie entspannt sich Rüdiger in diesen Tagen gibt. Er ist zu Scherzen aufgelegt, reagiert höflich auf Fananfragen oder kümmert sich rücksichtsvoll um die Mitspieler (und deren Kinder). Wie im Fall des verletzten Nico Schlotterbeck, als er dessen zweijährigen Sohn aus dem Charterflugzeug trug. Der Papa selbst war ja aufgrund seines lädierten linken Sprunggelenks gehandicapt, da übernahm Rüdiger die Aufgabe.

Mitfühlende Worte hatte Rüdiger zu Schlotterbecks bitterem WM-Aus auch parat. Zum Zeitpunkt seiner ersten, aufbauenden Äußerungen in Toronto war der Routinier dabei noch Reservist, der Innenverteidiger Nummer drei im Kader von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Dennoch galten die Gedanken nach dem 2:1 gegen die Elfenbeinküste erst einmal der Genesung des Konkurrenten.

Doch über Nacht ist Rüdiger in der Hierarchie wieder aufgerückt, da Schlotterbeck ausfällt. Dass der 33-Jährige bereit ist, wieder eine Hauptrolle im Nationalteam zu übernehmen, braucht vor dem abschließenden Gruppenspiel an diesem Donnerstag (22 Uhr/ARD) gegen Ecuador im Grunde nicht betont zu werden. Jeder, der ihn kennt oder erlebt hat, weiß das. Der Abwehrspieler ist ein Wettkämpfer. Manche würden ihn sogar als Krieger auf dem Fußballplatz bezeichnen, weil er voller Siegeswillen, Aggressivität und Kampfgeist steckt.

Beim VfB Stuttgart erzählen sie noch heute gerne, dass Rüdiger als Jungprofi derart adrenalingesteuert auf das Vereinsgelände fuhr, dass er am liebsten schon auf dem Spielerparkplatz den ersten Gegner abgegrätscht hätte. Mittlerweile wird das Mentalitätsmonster aufgrund seiner beachtlichen Karriere und Erfolge natürlich anders wahrgenommen – als Weltstar von Real Madrid.

Seit 2014 gehört Rüdiger der Nationalmannschaft an und steht vor seinem 85. Länderspiel. Allerdings verbinden mit dem nahenden Einsatz viele außerhalb der Nationalmannschaft kein gutes Gefühl. Vielmehr ein Risiko, weil der Abwehrspieler polarisiert. Die einen wissen seine Qualitäten zu schätzen. Hart und kompromisslos ist er. Davon kann etwa Jamie Leweling erzählen. „Es ist eklig, gegen ihn zu spielen“, sagt der Stürmer des VfB Stuttgart nach einem direkten Aufeinandertreffen in der Champions League. Ein Stoß gegen die Brust verschaffte Rüdiger vor nicht ganz zwei Jahren beim 3:1 in Madrid den nötigen Vorsprung. „Ich war kurz geschockt und er hat ein Tor erzielt“, sagt Leweling, „ich mag ihn so.“

Andere sehen jedoch Rüdigers Übergriffe und Wutausbrüche. Das hat ihm den Ruf eines Rambos eingebracht. Mehrfach wurde schon darüber diskutiert, ob die Reizfigur aufgrund seines rüpelhaften Verhaltens überhaupt noch berufen werden soll. Die Nationalelf stehe für andere Werte und habe Vorbildfunktion, so die zusammengefasste Begründung, die im Fall Rüdiger oft wie eine Anklage klingt. „Ich akzeptiere jede Meinung und jede Kritik – wenn sie sachlich ist“, sagt Rüdiger und kennt das mediale Geschäft mit seiner Person als Buhmann der Nation: „Ich glaube, mein Name generiert Klicks – schlechte Presse ist gute Presse.“

Auch Nagelsmann dachte über einen Rausschmiss nach, vertraut Rüdiger nach intensiven Gesprächen aber weiter – und darf sich bisher doppelt bestätigt fühlen. Sportlich, weil der Abwehrspieler seinen Mann steht. Dabei bietet Rüdiger dem Bundestrainer zwar keinen offensiven Spielaufbau wie Schlotterbeck mit seinem starken linken Fuß, dafür aber die Aussicht auf defensive Stabilität im weiteren Turnierverlauf. Gemeinsam mit Jonathan Tah.

Darüber hinaus hat Rüdiger im Mannschaftsgefüge seine Rolle nicht nur angenommen, sondern auch bestens ausgefüllt. Als Führungsspieler, zunächst aus der zweiten Reihe und nun wieder im ersten Glied. „Als Fußballer ist es nicht einfach, auf der Bank zu sitzen“, sagt Rüdiger, „aber in der Nationalmannschaft ist es etwas anderes als im Verein.“ Er glaubt, im Auftrag einer höheren Sache in Nordamerika unterwegs zu sein. Schlaflose Nächte bereitet ihm das aber nicht – wohl eher seinen kommenden Gegenspielern.

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Erstellt:
24. Juni 2026, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
24. Juni 2026, 23:47 Uhr

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